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Kolumne

Weiblich! Ledig! Na und?: Katerstimmung – die gestrige Nacht hätte ich mir echt sparen können

Sie weiß ganz genau was passiert, wenn sie Boris trifft: Sex, hinterher Desinteresse. Die Singlefrau mag das nicht – und lässt sich doch immer wieder darauf ein. 

Frau liegt bäuchlings nackt auf einem Hotelbett

Katerstimmung – aber egal

Schweiß steht auf meiner Stirn, als ich aufwache. Die Sonne scheint ins Zimmer. Mein Kopf dröhnt. Ich blinzle. Das hier ist nicht mein Bett. Blick nach links. Gut, die andere Seite des Bettes ist unbenutzt. Ich bin in einem Hotelzimmer. Richtig – Kongress, Dienstreise, gestern Abend mit den Kollegen. Aber verdammt, da war noch was. Nach zu viel Wein habe ich mich in Versuchung führen lassen. Nicht von einem Kollegen, sondern von einer alten Affäre. Dabei hatte ich mir geschworen, ihm zu widerstehen. Aua, mein Kopf! Doppelkater!

Boris ist ein alter Bekannter. Vor mehr als vier Jahren hat er monatelang um mich gebuhlt. Ich war noch in meiner Beziehung und die Widerstandsmechanismen funktionierten. Genossen habe ich seinen Charme dennoch, zu lange waren diese Werbemaßnahmen ums Weib inzwischen her. Gefruchtet haben sie auch irgendwann. Es folgte das Unweigerliche – ich verknallte mich, auch wenn ich es besser wusste. Und selbst als die Gefühle erloschen, wir nur noch Bekannte waren, ließ ich mich immer mal wieder auf ihn ein. Stets mit dem gleichen Ergebnis: schöner Abend, aufregende Nacht, Ernüchterung am Morgen; denn sein Interesse an meiner Person nahm nach dem Samenerguss rapide ab und stieg erst an, wenn wir uns mal wieder in der selben Stadt befanden.


Ich lern's nicht

Der Lerneffekt hatte verzögert eingesetz, aber er war da. Vergangene Woche noch hat das Widerstehen hervorragend funktioniert. Was ist denn gestern nur schiefgelaufen? Und warum empfinde ich es überhaupt als so niederschmetternd?

In meinem Bett herrscht derzeit tatsächlich etwas Notstand. Zu viel Arbeit, zu wenige Gelegenheiten und ich scheue mich tatsächlich, in meiner neuen Heimat ins Datinggeschäft einzusteigen. Aber es ist nicht das Verlangen nach einem Orgasmus, der mich in Boris' Arme treibt – den kann ich auch allein haben. Es ist die Sehnsucht nach Nähe. Leider bin ich damit bei ihm an der völlig falschen Adresse. Ich will knutschen und kuscheln. Boris will mich. Nackt, von hinten, auf ihm, unter ihm. Eigentlich mag ich seine Gangart. Doch heute ist es mir zu wenig. Lieber keinen Orgasmus als so einen beiläufigen, den ich zwar körperlich empfinde, der mir aber nichts gibt.

Unbefriedigend befriedigt tapste ich unter die Dusche, kletterte zurück ins Bett. Boris lag auf der anderen Seite. Ich war immer noch betrunken und sauer. Ich verkniff mir jeglichen Kommentar zu seiner Dategestaltung. Ich hatte es vorher gewusst. Stattdessen kritisierte ich seinen letzten Artikel. Boris ist Journalist, schreibt für ausländische Zeitungen. Seine Haltung zu Merkels Flüchtlingspolitik finde ich erbärmlich. Früher war er Fan der Kanzlerin, wie so viele im Ausland. Jetzt geht er hart mit ihr ins Gericht. Genau so, wie es das Land tut, aus dem er kommt. Ich warf ihm vor, oberflächlich und ignorant zu sein, nur die eigene Perspektive zu sehen, zu verallgemeinern – und wusste mitunter nicht, ob ich seine politische Haltung oder die gegenüber Frauen meinte.

Die Nächste, bitte

Um zwei Uhr nachts diskutierten wir immer noch über Merkel. Sein Telefon klingelte. Er drückte den Anrufer weg. Murmelte: "Oh, die nervt." Wahrscheinlich seine alternative Nachtbegleitung. Gibt es echt Frauen, die noch verzweifelter sind? Ich stand auf, suchte meine Sachen zusammen, ging zur Tür. Zeit zu gehen, ich hätte nie herkommen sollen. Boris lief hinter mir her und stand nackt in der Hotelzimmmertür, als sich die Fahrstuhltür hinter mir schloss. So wie er keine Zeit für eine Begrüßung gehabt hatte, hatte ich keine für einen Abschied. Schnell weg, das erstbeste Taxi anhalten, den Nachtportier meines Hotels bemühen, kein Licht im Zimmer anmachen, ab unter die Bettdecke, Augen zu, vergessen.

Hat nicht funktioniert. Während ich am Vormittag auf dem Kongress den Reden zuhöre, bleibt genug Zeit, über die Nacht nachzudenken. Ich hatte Boris vergangene Woche zwei Mal einen Korb gegeben. Einen Abend mit Kollegen und einen Abend mit einer Freundin und ihrer Familie vorgezogen. Gesagt, ich müsse nachts schlafen, nicht durch Betten turnen.


War das nun seine Retourkutsche? Vermutlich nicht. Das ist sehr weiblich gedacht. Ob er auch enttäuscht war? Vermutlich nur ganz kurz. Und dann wird er die Nächste angerufen haben. Sich nicht lange mit dem beschäftigt haben, was mies war, was aufs Gemüt drückte, sondern sich dem zugewandt, was gut ist, was Spaß macht. Das ist sehr männlich. Ich sollte männlicher agieren. Oder aber mir künftig im Vorfeld klarmachen, wie ich mich hinterher fühle und dann so konsequent sein, sich nicht zu treffen.

Nachtrag am Abend: drei Paar Schuhe gekauft, Pistazie-Minze-Macarons gegessen, in der Sonne gesessen, diesen Text geschrieben, die Stadt gewechselt. Nicht sehr männlich. Und ein bisschen Kopfschmerz ist auch noch da. Aber mittlerweile stimme ich meiner Freundin zu, die mir schreibt: "Ach komm. Sex muss auch mal sein, du kommst doch sonst nicht dazu derzeit. Boris ist eine sichere Bank. Kann halt nicht immer galaktisch sein und ist doch prima, dass er so abrufbar ist."
Und ich nehme mir die Aufmunterungen meiner Twitter-Follower zu Herzen: genießen, Spaß haben, Kopf abschalten.