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Leben mit Corona Homeoffice mit Kindern: Warum der Moment, in dem nichts mehr geht, immer näher rückt

Sehen Sie im Video: Was Twitter-User Lustiges im Homeoffice lernen.


In Deutschland arbeiten wegen der Coronavirus-Pandemie gerade viele Menschen statt im Büro von Zuhause aus. Für Viele ist #Homeoffice eine neue Erfahrung, die auch lustige Erkenntnisse zutage bringt.  Auf Twitter finden sich unter #Homeoffice jedenfalls ganz neue und ziemlich lustige Erkenntnisse, die sie in der neuen Arbeitssituation gewonnen haben. Sei es, dass der Fünfjährige plötzlich zum eigentlichen Chef wird oder dass es eine schlechte Idee sein kann, während einer Telefonkonferenz sein Frühstück nachzuholen. Andere erfahren, wann die Müllabfuhr kommt oder dass das Tragen einer Jogginghose auf irgendwann seinen Reiz verliert. Einige der lustigsten Tweets zum #Homeoffice im Video.
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Zwei Erwachsene, zwei Jobs und drei Kita-Kinder – unsere Autorin berichtet vom zermürbenden Alltag aus dem Homeoffice in Zeiten von Corona. Sie spricht damit vielen aus dem Herzen.
Von Andrea Zschocher

"Warte mal Spatz, Mama muss noch kurz arbeiten!" Wie oft kann man diesen Satz eigentlich zu einem Kind sagen, bevor es unglaubwürdig wird? Seit fünf Wochen testen wir das aus, seit vier Wochen wissen meine drei Kinder: Kurz bedeutet niemals nur kurz! Weil ich hier "mal kurz" telefonieren, da "mal kurz" was schreiben, und dort "mal kurz" videokonferieren muss. Das dauert in der Regel mindestens fünfzehn statt der von den Kleinen gerade so tolerierten fünf Minuten. Außerdem sehen sie mich bei Spaziergängen am Smartphone "mal kurz" recherchieren (statt ihre gefundenen Steine zu bewundern) und zuhause lange Stunden vor dem Computer sitzen.

Die Kinder finden das ungerecht, sie verlangen, dass ihr Vater oder ich uns Zeit für sie nehmen, ohne nebenbei noch zu arbeiten. Dabei sind die Drei eine im Homeoffice arbeitende Mutter durchaus gewöhnt. Ich arbeite als freie Journalistin schon immer von zuhause, sie wachsen damit auf. Dass ihr Vater nun auch im Homeoffice ist, das ist neu. Und, dass sie selbst nicht mehr in die Kita dürfen, das schlägt allen aufs Gemüt. Wir fünf sind permanent zusammen, vom Aufstehen, bis zum Schlafengehen, das gab es sonst nur im Urlaub. Es gibt keine Pause, nur jede Menge Vertröstungen auf später. Mein Mann und ich wuppen jeweils 40h Arbeit im Homeoffice und drei Kinder im Alter von sechs, drei und einem Jahr. Wir schaffen das, weil wir Erwachsenen dabei komplett auf der Strecke bleiben. Keine Freizeit, keine Auszeit, keine Erholung. Stattdessen: Tägliches Austesten der eigenen Belastungsgrenzen und die Hoffnung, dass keiner von uns beiden einen Burnout bekommt.

Intensive Zeit im Homeoffice

"Das ist jetzt so eine schöne, intensive Zeit mit den Kindern, die kommt nie wieder. Seien Sie dankbar dafür", erklärte mir neulich eine Frau. Ich starrte sie fassungslos an und brach in Tränen aus. Alles an unseren Tagen ist intensiv, aber sehr Weniges ist schön. Das ist nicht die Schuld der Kinder, die sind nach wie vor toll. Es ist die Schuld der Umstände.

Wir Eltern rackern uns in einem Hamsterrad der Zuständigkeiten ab, versuchen den Arbeit- und Auftraggebern und unseren Kindern gerecht zu werden. Wir machen keine Pause, weil dafür keine Zeit ist. Wenn ich mit anderen Eltern spreche, höre ich oft, dass sie im Homeoffice mehr arbeiten, weil die vielen kleinen Pausen im Büro wegfallen. Eine Freundin berichtete mir jüngst, dass sie in ihrer Zeiterfassungsapp die Toilettenpausen nicht eintragen würde, weil die ja privat sind. Im Büro hat das sicherlich noch nie jemand gemacht. Es ist vollkommen legitim, die Zeit im Homeoffice auch schön zu finden, ich freue mich für jedem, dem das gelingt. Bei uns klappt das mit drei kleinen Kindern und zwei Jobs einfach nicht. Weil die Kinder zu klein sind, um sich selbst zu beschäftigen, weil die Arbeit volle Aufmerksamkeit erfordert, weil da niemand ist, mit dem die Last des Alltags geteilt werden kann.

Kinder brauchen ihre Kita

Die Kinder vermissen ihre Kita. Eine Zeitlang hatten sie die Idee, die vielen Videokonferenzen, die wir Eltern so mitmachen, als Kontaktbörse zu nutzen. Sie grüßten in die Kamera, zeigten dem gesamten Kollegium ihre neuesten selbst gemalten Bilder, oder fingen Gespräche mit den Kindern der Kollegen und Kolleginnen an. Denn natürlich vermissen auch Kinder soziale Kontakte.

Inzwischen schreiben die zwei älteren Geschwister Briefe an die Nachbarn im Haus. Sie sind verzweifelt auf der Suche nach Kontakt. Die Sechsjährige bereitet sich außerdem so auf die Schule vor, der jüngere Bruder hofft, leicht verzweifelt, dass mal eine andere Person ihm etwas erzählt als wir vier Familienmitglieder. Ich bekomme eine leichte Ahnung davon, wie schlimm die Homeschooling-Situation in manchen Familien sein muss, wenn ich zum gefühlt 38. Mal erklären muss, wie der Buchstabe D aussieht.

Dieses Briefeschreiben war nicht meine Idee. Aber die Kinder erklären mir, dass sie ihre Zeit zuhause nutzen wollen, um was zu lernen. Aktuell erarbeiten sie einen Wochenplan, was wir Eltern ihnen beibringen sollen. Wie wir das in unser bereits sehr fragiles System an Homeoffice-Homekinderbetreung-Homecooking-Homeputzing noch unterbringen sollen, weiß ich im Moment nicht. Und doch muss dafür ja Zeit sein, unsere Kinder haben ein Recht darauf, gefördert und gefordert zu sein, und in ihrem Alltag nicht nur stumpf Tage aneinanderzureihen.

Vergesst die Kitakinder nicht!

Wir haben unserem Nachwuchs immer erzählt, dass es nach Ostern weitergehen wird, irgendwie. Und nun müssen wir erklären, dass es für sie, weil sie alle in die Kita gehen, im schlimmsten Fall bis zum 1. August erst erstmal bleibt wie bisher. Wie sollen Kinder das begreifen? Fast fünf Monate ohne ihre Freunde und Freundinnen, ohne die geliebten Erzieherinnen, ohne die gewohnten Kita-Abläufe mit Kindheitsabenteuer, Freunde finden und Mittagessen vom weltbesten Koch?

Ich habe das Gefühl, dass über die Ängste, Sorgen und Nöte der Kita-Kinder wenig nachgedacht wird. Meinen Einjährigen lässt das alles eher kalt, der freut sich, dass wir alle zusammen sind. Aber der fast Vierjährige und besonders die Sechsjährige vergießen Tränen, wenn sie daran denken, dass sie noch über drei Monate in dieser Isolation leben müssen. Da hilft auch kein Videochat mit anderen Kindern. Und ich habe das Gefühl, dass gerade Eltern mit Kita-Kindern im Homeoffice in den aktuellen Debatten um Lockerungen auf der Strecke bleiben.

Zu wenig Anerkennung für Leistung der Eltern

Alleine bin ich damit nicht, das weiß ich. Sabine A. aus Frankfurt beispielsweise, sie will ihren vollen Namen nicht nennen, ist eine von vielen, die sich an den stern gewendet haben. Auch sie ist Mutter von zwei kleinen Kindern,  ein und drei Jahre alt, und sie klagt, in der Öffentlichkeit und in der Politik fehle das Bewusstsein dafür, wie dringlich die Probleme seien, die sich in vielen Familien derzeit auftürmten. Und es fehlt ihr auch die Anerkennung dafür, was Eltern gerade leisten. 

Sabine A. hätte sich gewünscht, dass - anders als hierzulande beschlossen - die Betreuungseinrichtung für die Kleinsten als erstes wieder geöffnet werden. Eine zeitweise Betreuung würde ja schon helfen. Doch bisher werden noch nicht einmal Lösungsmöglichkeiten diskutiert. Von Familienministerin Franziska Giffey (SPD) bis hin zu ihrem örtlichen Bundestagsabgeordneten hat Sabine A. deshalb bereits viele Politiker alarmiert. Eine Antwort hat sie bisher nicht erhalten. Aber: "Es muss eine Perspektive her; ein Termin, auf den man hinarbeiten kann", sagt sie und gesteht, dass sie verzweifelt ist und Alpträume hat. Auch wegen ihrer Kinder. Es sei höchste Zeit, "dass die Kinder mal wieder unter Kinder kommen. Man merkt zunehmend, dass da was fehlt." Wie gesagt, das sprüe ich bei meinen Dreien genauso.

Schichtarbeit im Homeoffice - anders geht's nicht

Mein Mann und ich haben in Woche zwei die Absprache getroffen, dass bei wichtigen Telefonaten der jeweils andere Elternteil mit den Kindern die Wohnung verlässt. Soweit zumindest die Theorie. Ich habe sehr viele Interviewmitschnitte, die anderes belegen. Auf jedem davon kreischt und wütet eins meiner Kinder im Hintergrund. Weil ihnen schlicht langweilig ist, weil sie sich eingesperrt fühlen und weil sie verdammt noch mal wollen, dass irgendwas passiert. Diese Zeit zerrt an ihren Nerven und an unseren. Ich merke, wie ich dünnhäutiger werde, wie ich schneller die Geduld verliere und laut werde, meine Kinder anmotze. Sie werden im Gegenzug lauter und lauter. Es gibt Tage, da überlege ich, wie lange ich dieses Geschrei noch aushalten kann. Weil es permanent durch unsere Wohnung hallt, weil immer irgendwer wegen irgendwas unzufrieden ist.

Wir Eltern arbeiten in Schichten. Während ich die Kinder betreue, arbeitet mein Mann, nach dem Mittagessen wird getauscht. Zum Abendessen sitzen wir alle wieder gemeinsam am Tisch, sind die Kinder im Bett arbeiten wir bis mindestens 23 Uhr weiter. Jeder Tag ist gleich und jeder Tag verlangt uns alles ab. An so manchem Morgen möchte ich nicht mehr aufstehen, weil mich die Wucht der Zuständigkeit erdrückt. Mit dem ersten Augenaufschlag um 6:30 Uhr beginnt der immer gleiche Kreislauf aus "Mama" hier und "Papa" da, aus Gekreische, Gejaule und Gejammere.

Ich kann meine Kinder sehr gut verstehen, mir geht es genauso. Wenn ich lese, dass andere Menschen die Corona-Krise als Chance sehen, dann kann ich nur bitter auflachen. Ich habe nie Freizeit, ich habe keine Zeit für Netflix und Co., meine einzige Medienzeit ist die, die ich mit den Kindern verbringe. Jeden Tag, während das jüngste Familienmitglied Mittagsschlaf macht, bestehen sie auf "logo", der Kindernachrichtensendung vom ZDF und einer Folge Zeichentrickfilm. Ich kann diese Medienzeit aber nicht zum Arbeiten nutzen, weil es für die beiden wichtig ist, dass das Seriengucken ein Familienmoment ist. Sie wollen nicht allein vor dem Tablet sitzen, sie wollen, dass wir das gemeinsam anschauen und darüber sprechen. Jeder Medienratgeber wäre stolz auf mich, im Moment würde ich aber viel lieber schneller mit meiner Arbeit fertig werden.

Ständig geht etwas zu Bruch, ständig Streit

Im Internet gibt es zurzeit jede Menge Beschäftigungsmaterialien für Kinder kostenfrei, ich habe von Malen nach Zahlen über Wimmelbilder bis Kinder-Sudoku alles ausgedruckt. Sie haben wenig Interesse daran, weil es bedeuten würde, dass ich "mal kurz" arbeite. Sollten sie sich breitschlagen lassen und etwas malen, kommt der Einjährige um die Ecke und bemalt das Sofa, den Tisch oder das Parkett. Alternativ klettert er auf den Schreibtisch und haut auf der Computertastatur herum. Ich habe auf diese Weise schon einige kryptische Mails verschickt.

Das Homeoffice mit so kleinen Kindern ist eine totale Katastrophe, bei uns geht ständig etwas zu Bruch oder es liegt irgendwer mit irgendwem im Streit. Unsere Wohnung versinkt im Chaos, auch, weil weder mein Mann und ich uns nach unseren langen Arbeitstagen ab 23:30 Uhr zum Aufräumen aufraffen können. Schon das tägliche Kochen nervt gewaltig. Der Einkauf in Zeiten von Corona ist freudlos, man will möglichst schnell raus aus dem Supermarkt und zurück nach Hause. Weil die Kinder, sonst durchaus experimentierfreudig, zurzeit auch im Essen auf Sicherheit setzen, gibt es öfter als uns lieb ist Nudeln, Milchreis oder Brot. Eben das Essen, was sich auch zwischen zwei Telefonterminen noch gut zubereiten lässt.

Die Last der Alleinerziehenden

Die Kinder vermissen ihre Freundinnen und Freunde. Ich vermisse Zeit für mich. Mein Mann und ich phantasieren im Moment wie niemals zuvor von der Zeit, als wir noch keine Kinder hatten. Nicht, weil wir unsere Kinder nicht lieben, sondern weil wir verdammt noch mal nicht mehr können. Fünf Menschen in sehr beengten Wohnverhältnissen mitten in Berlin, gefangen zwischen den Anforderungen, die zwei Jobs und drei Kinder an sie stellen, das kann nicht ewig so weitergehen.

Jetzt kann man mir natürlich vorwerfen, dass wir es ja vergleichsweise gut haben, weil wir immerhin zu zweit sind, weil wir beide noch nicht von Kurzarbeit betroffen sind. Das stimmt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie groß die Anspannung unter Alleinerziehenden sein muss, die so unendlich viel leisten, was überhaupt nicht gesehen wird. Deswegen ist es aber auch wichtig, dass wir uns alle gemeinsam um Lösungen bemühen, die für viele funktionieren. Eine Notbetreuung der Kinder sollte unbedingt auch für Alleinerziehende angeboten werden, um hier zu entlasten.

Kitas: Entscheidern fehlt die Elternperspektive

Natürlich ist klar, dass wir uns in Anbetracht einer Pandemie einschränken müssen. Ich verlange keine sofortige Kita-Öffnung und ich werde alles tun, was nötig ist, um andere und mich selbst vor einer Ansteckung zu schützen und so eventuell Menschenleben zu retten. Aber ich wünsche mir, dass darüber nachgedacht wird, was Homeoffice mit Kindern in der Wirklichkeit bedeutet. Ich fordere, dass in Entscheidungsgremien nicht vor allem ältere Männer sitzen, die mit Kinderbetreuung überhaupt nichts mehr am Hut haben. Stattdessen braucht es die Perspektive von Eltern. Ich würde mich gern mehr politisch engagieren, aber ich habe aktuell nicht die Kraft dafür. 

Es gibt ganz sicher Familien, die das alles wunderbar hinbekommen und das freut mich für jede einzelne. Aber ich weiß, es gibt sehr viele Familien, denen es geht wie uns. Die jeden Tag aufs Neue ihre Belastungsgrenze ein bisschen überschreiten, weil sie ihren Beruf und ihre Familie irgendwie in Einklang bringen müssen. Noch schaffen wir all das, irgendwie. Aber der Punkt an dem bald gar nichts mehr geht, der kommt für uns Eltern und auch für die Kinder immer näher.

Hinweis: Die Autorin betreibt den Blog "Runzelfüßchen". Die eingebetteten Tweets von Eltern entstammen einer Twitter-Anfrage an Leserinnen und Leser des Blogs zu ihren Erfahrungen mit Kindern im Homeoffice.

Mitarbeit: Dieter Hoß

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