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Meinung

#babysfirstpandemic: Neuer Trend auf Instagram: So nutzen Eltern in der Pandemie ihre Babys aus

Instagram-Mommys haben in der Corona-Krise eine Möglichkeit gefunden, ihre Babys neu zu inszenieren: Sie positionieren sie für Fotos neben Klopapier und Desinfektionsmitteln. Unsere Autorin findet: Das ist verantwortungslos.

Ein Baby schreit, während es in Klopapier gewickelt im Bad sitzt

Bei diesem in Klopapier gewickeltes Baby handelt es sich um ein Symbolbild. Die Instagram-Fotos werden wir nicht weiterverbreiten

Getty Images

Einige Menschen sind in der Corona-Krise auch bei Gesundheit nicht zu beneiden: Kassiererinnen etwa, Jens Spahn, US-Bürger unter Donald Trump – oder Babys. Babys sind wehrlos. Sie können nichts dagegen unternehmen, wenn sie neben aufgeschichteten, vierlagigen Rollen Klopapier fotografiert werden. So wie es Instagram-Mommys derzeit tun. Der Lebensinhalt sogenannter Instagram-Mommys besteht darin, den Nachwuchs auf Instagram zu präsentieren. In der Corona-Krise stehen diese Mommys nun vor einem Problem. Mit einem Mal haben sie nur noch eingeschränkte Möglichkeiten, den Kindern ihren Lifestyle aufzudrücken. Für den Mommy-Account ist das dramatisch, denn: Keine geöffneten Friseure, kein Foto von #babysfirsthaircut mehr. Keine Konzertbesuche, kein #babysfirstconcert mehr. Keine Flüge, kein #babysfirstflight mehr (die armen Travelblogger-Mommys!).

Aber Instagram-Mommys wären keine Instagram-Mommys, würden sie keine neue geschmacklose Idee entwickeln, um ihre Sprösslinge in Szene zu setzen: Die ganz gewitzten unter ihnen positionieren ihr Baby jetzt neben Klopapier und Desinfektionsspray und versehen das Ganze mit dem Hashtag "babysfirstpandemic". Unter dem Hashtag finden sich schon mehr als 2.100 Beiträge. Fotos von winzigen Babys, die für die Bilder neben Klopapierrollen abgelegt werden, als hätten ihre Eltern sie soeben bei Aldi an der Kasse im Sonderangebot erstanden: "Zu jeder 112. Rolle Klopapier bekommen Sie jetzt ein Baby dazu!"

Daneben haben die meisten der Mommys ein Letterboard – für Instagram-Mommys ein Must-have wie der pastellfarbene Einhorn-Kuchen zum ersten Geburtstag des Babygirls – aufgebaut, auf denen der Hashtag noch mal zu lesen ist. Wer sich davon überzeugen möchte, sucht bitte selbst nach dem Hashtag. Die Fotos der Kinder zeigen wir an dieser Stelle nicht. Es reicht, dass die wehrlosen Babys von ihren Müttern zur Schau gestellt werden.

Die Fotos sollen nur einen Zweck erfüllen: Geld einbringen 

Und wer einwendet "Lasst doch die stolzen Mamas Fotos ihres Nachwuchses posten. Das sind doch harmlose, lustige Bilder", hat das Problem nicht verstanden. Die Fotos, die unter dem Hashtag zu finden sind, sind keine Schnappschüsse liebevoller Mütter. Es sind bis ins kleinste Detail konzeptionierte Foto-Shootings, die nur einen Zweck erfüllen sollen: Geld einbringen. Babys generieren Likes und Follower. Viele Follower bringen Influencer-Aufträge. Und damit Geld. Die Babys und eine globale Pandemie werden ausgenutzt, damit Mommy bekannt und erfolgreich wird. Das hat nichts mit abgöttischer Liebe zu seinem Kind zu tun, wie manche Influencerinnen gerne behaupten. Denn wer sein Kind abgöttisch liebt, der würde den Drang nach Likes und Followern hinter die Bedürfnisse und den Schutz des Kindes stellen. Der würde mit Fotos von seinem Nachwuchs warten, bis dieser 18 – oder zumindest artikulationsfähig ist. Der würde einen anderen Weg finden, ein Instagram-Star zu werden. Und vor allem würde diese Person keine Pandemie dafür ausnutzen.

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Es ist geschmacklos, sein Baby mit vermeintlich witzigen Corona- und Pandemiehashtags zu versehen, wenn zur gleichen Zeit tausende Menschen an diesem Virus sterben. Darunter sind auch Kinder. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es einer Mutter ergeht, deren Kind an Corona erkrankt ist und die auf Instagram nun Tausende dieser Fotos sieht. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden sich die Fotografierten als Erwachsene selbst dafür schämen. Nur ist es dann leider zu spät. Instagram-Mommys sollten es nicht dazu kommen lassen und sich darauf einstellen, dass diese Pandemie in die Geschichtsbücher eingeht. "Oma, was hast du eigentlich damals gemacht, während der Corona-Krise?", werden die Enkel sie fragen. Die Antwort wird lauten: "Ich wollte die Niedlichkeit deiner Mutter ausnutzen, um in der Pandemie bekannt zu werden. Also habe ich sie neben vierlagigem Klopapier fotografiert."

ame

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