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Serie: Rabenmütter, Rabenväter: Kunst, bis das Kind kotzt

Kulturelle Erziehung ist wichtig. Dazu gehört auch der Museumsbesuch. Doch Carsten Heidböhmer hat es etwas übertrieben - und seine Tochter trotz Bauchschmerzen durch die Kunsthalle geschleift.

Schon Karl Valentin wusste: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit." Und da ich als guter Vater meinen Kindern die Freuden der Kunst nicht vorenthalten möchte, müssen sie das volle Programm absolvieren: Als Kleinkind ist Musikgarten obligatorisch, später kommen Kinderkonzert, Theater und Opernbesuch dazu. Und im Schulalter lernen sie ein Instrument. Iphigenie, 7, spielt seit einiger Zeit auch Geige - und das sogar mit großer Begeisterung.

Doch Musik allein reicht natürlich nicht. Auch Malerei gehört zu den schönen Künsten und ist für die Bildung unerlässlich. Also war nun ein Besuch im Museum fällig. Da Iphigenie gerne malt, konnte ich ihr den sonntäglichen Ausflug schnell schmackhaft machen.

"Viele Bilder von Jesus"

Also rein in die Hamburger Kunsthalle. Da ich kein Unmensch bin, durfte meine Tochter sogar wählen: Beginnen wir mit den Alten Meistern, oder schauen wir uns zunächst die Kunst des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne an? Iphigenie entschied sich zielstrebig für die Gemälde des Mittelalters, "weil es da so viele Bilder von Jesus gibt". Welch eine Enttäuschung: Denn ich persönlich mache mir nichts aus Heiligenbildern und ähnlichem Gepinsel. Die Sammlungen der Romantik (Caspar David Friedrich) und frühen Moderne wollte ich mir dagegen unbedingt ansehen. Damit Konzentration und Geduld auch für die neuere Kunst reichen, musste ich ein bisschen auf die Tube drücken. Meine Tochter schnell an der Ikonenmalerei vorbeischleusen, bis die wirklich interessanten Werke kommen.

Das gelang mir auch ganz gut. In einer halben Stunde schafften wir locker ein halbes Jahrtausend Kunstgeschichte und kamen gerade bei Caspar David Friedrich an, als Iphigenie über Bauchweh klagte. Gerade jetzt, wo es für mich interessant wurde! Doch da hatte sie sich den Falschen ausgesucht: Den Trick hatte ich durchschaut. Wer Füße hat, kann laufen. Und die Bauchschmerzen sind eingebildete, weil sie keine Lust mehr hatte.

Nur ein paar Räume noch, dann gehen wir

Und so schleppte ich sie durchs 19. Jahrhundert, vorbei an den Impressionisten, für deren Schönheit sie schon kein Auge mehr hatte, und kam schließlich ins glorreiche 20. Jahrhundert. Da hatte sie schon mehrfach verlangt, nach Hause zu gehen, die Bauchschmerzen wären zu schlimm. Ich ignorierte ihre Litanei gekonnt und schleifte sie vor immer wildere Bilder, die zur Zeit ihrer Entstehung auch so manchem kerngesunden Menschen Bauchschmerzen bereitet haben.

Bei den Expressionisten war sie dann den Tränen nah, und ich dachte langsam daran, den Rückzug anzutreten, hatten wir doch schon das meiste gesehen. Nur ein paar Räume noch, dann gehen wir. Wehklagend schleppte sich Iphigenie durchs Museum. Spaß hatte sie schon lange keinen mehr. Ich aber dachte, es wird schon für irgendwas gut sein.

Mir ist der Spaß dann vergangen, als die Bauchschmerzen auch zu Hause nicht aufhörten. Als sie sich dann am Abend erbrach, wusste ich: Ich bin zu weit gegangen. Da hilft mir auch der Rückgriff auf Karl Valentin nicht. Kunst darf zwar Arbeit machen. Von Kinderquälerei ist aber nirgends die Rede.

Carsten Heidböhmer hat zwei Kinder, 2 und 7, die hier Casseiopeia und Iphigenie genannt werden, in Wirklichkeit natürlich anders heißen.

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