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Serie: Rabenmütter, Rabenväter: Aufs Fernsehen konditioniert

Der Pawlow'sche Hund freute sich aufs Essen, sobald die Glocke erklang. Bei meinen Kindern ist das anders: Sie rennen dann zum Fernseher. Und eigentlich sind wir daran schuld.

Von Carsten Heidböhmer

Wenn die Kirchenglocken läutet, ist's Zeit, den Fernseher einzuschalten, findet die zweijährige Tochter von Carsten Heidböhmer

Wenn die Kirchenglocken läutet, ist's Zeit, den Fernseher einzuschalten, findet die zweijährige Tochter von Carsten Heidböhmer

Kika, kika", ruft Casseiopeia, als die Kirchenglocke zu bimmeln beginnt, und macht es sich auf unserem Wohnzimmersofa bequem. Sie ist gerade zwei geworden, spricht keine 20 Wörter - aber "Kika" kann sie schon sagen. Währenddessen rennt Iphigenie zur Fernbedienung und stellt Programm 15 ein - den Kinderkanal. So geht das bei uns fast jeden Abend.

In der Fachsprache würde man von "Konditionierung" sprechen. Wie bei dem berühmten Pawlow'schen Hund. Der russische Verhaltensforscher Iwan Petrowitsch Pawlow machte Anfang des 20. Jahrhunderts Experimente mit Hunden. Er ließ wiederholt einen Glockenton erklingen und gab den Hunden anschließend Futter. Das führte dazu, dass die Hunde schon beim Ertönen der Glocke mit Speichelfluss reagierten.

Kirchenglocken ersetzen das Uhrlesen

Und das funktioniert auch beim Menschen. Mit dem Unterschied, dass meine Kinder die Glocke mit dem Fernseher assoziieren. Das hat den folgenden Hintergrund: Iphigenie, 6, darf nach der Schule alleine rausgehen und bis 18 Uhr spielen. Sie kann die Uhr aber noch nicht lesen. Damit sie abends trotzdem pünktlich nach Hause kommt, haben wir folgende Verabredung: Wenn um sechs Uhr die Abendglocken der benachbarten Kirche bimmeln, muss sie heimkommen.

Bis zum Abendessen dauert es noch eine Weile und so lange darf sie Kika gucken. Die Zweijährige setzt sich dann dazu. Das wäre alles kein Problem, wäre es nur nicht diese unselige Verknüpfung von Glocke und Fernsehen, die im Kopf unserer kleinen Tochter entstanden ist. Am Wochenende ist es am schlimmsten - da bimmelt die Glocke auch um 12 Uhr - und Casseiopeia sitzt schon am Mittag vor Fernseher, in der Hoffnung, dass ihre Schwester endlich den Fernseher anschaltet.

Das Problem haben wir inzwischen zum Glück in den Griff gekriegt: Wir legen die Kleine wochenends einfach schon um halb zwölf zum Mittagsschlaf. Manche Probleme lösen sich eben im Schlaf.

stern.de-Redakteur Carsten Heidböhmer hat zwei Kinder, 2 und 6, die hier Casseiopeia und Iphigenie genannt werden, in Wirklichkeit natürlich anders heißen.

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