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Henriette Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Dieser Mist passiert, wenn du einfach mal nett zu JEDEM bist

Nach drei Wochen Backpacking durch Indien ist man es gewohnt, total offen und ungezwungen auf neue Leute zuzugehen. Zurück in Deutschland gewinnt man mit diesem Verhalten allerdings keinen Blumentopf …

Verrückte Welt: Ist frau nett, fürchten die Männer eine Sex-Attacke.

Verrückte Welt: Ist frau nett, fürchten die Männer eine Sex-Attacke.

Neulich war ich mit Freunden in einer Bar verabredet und in meiner grenzenlosen Naivität freute ich mich tatsächlich darauf, neue spannende Leute kennenzulernen. Ich war nämlich gerade von einem dreiwöchigen Rucksacktrip durch zurückgekommen.

Indische Sitten

In Indien wartet an jeder Straßenecke jemand, der dich in ein interessantes (oder verrücktes) Gespräch verwickelt oder dich auf eine Tasse Chai einlädt. Du bist nie allein. Egal, ob du dich im Zug, in einem Restaurant oder in irgendeiner Warteschlange befindest. Eigenbrötlerisch aufs Smartphone starren? Das wird schlichtweg nicht toleriert. Ungefragt setzt sich garantiert jemand an deinen Tisch und plaudert mit dir über Karma, Shiva oder Chakren. Diesen Lifestyle übernimmt man irgendwann. Und so quatschte ich in jener Partynacht so gut wie jeden an, der mir auf dem Weg zur Bar oder auf dem Klo begegnete und nett wirkte. Nur so, zum Spaß. 

Los ging’s am Tresen. Ich hatte gerade einen Runde Schnäpse für meine Clique bestellt. Und weil neben mir zwei (vermeintlich) sympathische junge standen, die irgendwie total gelangweilt aussahen, bestellte ich zwei Schnäpse für sie mit.

Die muss es nötig haben

"Hier, für euch – auf das Leben!", flötete ich mit einem strahlenden Lächeln und schon ihnen die "Pfeffis" rüber.

Irritierte Blicke. Soviel Nettigkeit erlebte man ja auch nicht alle Tage. Also legte ich nochmal nach und zwinkerte dem schöneren von beiden freundlich zu. Da presste er gequält hervor: "Ich habe eine Freundin!" Mit seinen Händen imitierte er ein in zwei Hälften brechendes Herz und meint damit wohl meins. Hä? Wieso denkt der gleich an Liebe und alles? Männer … 

Sein Kumpel kam überhaupt nicht auf mich klar. "Was will die denn?", zischte er und verdrehte die Augen. Den Schnaps wollte er auch nicht.

"Hey, Leute, was ist denn los mit euch?", fragte ich etwas traurig. Ein Fehler! Der Kumpel wirkte nun SEHR genervt. Typ: Wannabe-Hipster. Zu cool für ein warmes Lächeln. "Drei Alsterwasser, bitte", rief er der Barkeeperin zu. Und dann zu mir: "Wir mögen keinen Schnaps. Zu aggressiv."

Wenn Rentner dich weiterreichen

Ich zuckte mit den Schultern und zog mit meinem Tablett von dannen. Während ich mich durch die Menschenmenge schon, entdeckte ich einen älteren Herren. Er sah aus wie der Almöhi aus der "It’s Cool Man"-Werbung. Ich sagte ihm das auch direkt so. Ein Kompliment! Zur Belohnung verriet der Almöhi mir, dass ihm der Laden gehöre. Und dass sein Sohn auch hier sei. "Der passt besser zu dir, mien Deern." Fühlte sich an wie eine Abgabe. Dabei wollte ich doch mit IHM reden! In Indien hatte ich oft mit weißbärtigen Gelehrten geplaudert … 

Sein Sohn sah aus wie eine Mischung aus Florian Silbereisen und Kay One. Zur Begrüßung fragte er: "Wie alt bist du denn?" Er riet: "Ich tippe auf 19. Ist mir eigentlich zu jung, sag ich dir ganz ehrlich. Und dein Outfit finde ich auch irgendwie komisch. Aber gut – zwei Bier, bitte!"

Hä? Wieso 19? Wirkte ich so naiv heute? Und: Was gingen den meinen Klamotten an?! 

Die Hamburger schienen hinter jedem freundlichen Wort direkt eine Anmache zu vermuten. Eine Frau, die einfach so fremde Leute anquatschte KONNTE es aus ihrer Sicht nur auf Geschlechtsverkehr oder wenigstens die Liebe fürs Leben abgesehen haben. Dabei hatte ich einen Mann!

Nächstes Mal, wenn ich allein unterwegs war, würde ich mir einen Sticker ankleben: "Keine Panik, suche keinen Sex – nur ein nettes Gespräch!" 

Die Partynacht ging weiter. Ich unterhalte mich sicherheitshalber erstmal mit meinen Freunden. Plötzlich steht ein junger Mann in unserem Kreis, der sich Dennis nennt und angeblich seine Leute verloren hat. Er bekommt auch ein paar Schnäpse von uns ab und wir reden über die wirklich (un-)wichtigen Dinge des Lebens. Keiner von uns kennt ihn, aber er gehört jetzt eben dazu. Das hat man davon, wenn man wahllos nett zu Fremden ist: neue Freunde. Für eine Nacht. Oder länger. "Es war sehr schön mit euch. Danke für den tollen Abend", wird er später zu uns sagen.

Endlich wieder hinterm Smartphone

Gegen 3 Uhr saß ich im Taxi nach Hause und heulte mich noch ein bisschen beim Fahrer aus: "In Hamburg sind alle sooo verklemmt. In Indien läuft das ganz anders, wissen Sie? Da sind alle total aufgeschlossen, alle sind eine Familie, da ist voll viel Love und Peace und so."

Da meinte er (mit herrlich norddeutschen Akzent): "Vielleicht hatten die Leute einfach nur Angst vor dir, Mädchen. Du redest nämlich ganz schön dummes Zeug. Geh’ mal lieber schlafen jetzt." Ich tat wie mir geheißen.

Mittlerweile sind einige Wochen vergangen. Und mit meinem Jetlag wich auch die Aufgeschlossenheit aus meinen Knochen. Ich bin jetzt wieder eine waschechte Hamburgerin und froh, wenn ich mich im Café hinter meinem Smartphone vergraben kann. Heimlich Tinder checken.

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