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Love From Hell: Der schillernde Mann: Genderneutral ist das neue Schwarz

Sie fühlen sich eindeutig als Frau oder Mann und kleiden sich auch so? Voll oldschool! Wer etwas auf sich hält, gibt sich heute genderneutral.

Alessandro Michele und Harry Styles (rechts)

Alessandro Michele und Harry Styles (rechts)

AFP

Er war DER Hingucker bei der diesjährigen MET Gala in New York: Harry Styles, 25, ehemaliger Sänger der Boyband One Direction, Stilikone und Ex-Freund von Taylor Swift und Kendall Jenner. Das modeaffine Schnuckelchen erschien doch glatt mit hohen Absätzen, einem schwarzen Gucci-Jumpsuit mit durchsichtigem Oberteil und opulenten Rüschen sowie einem Perlenohrring auf dem roten Teppich.

Und alle (Fans und Medien) nur so: "Boah, krass! Mutig!" Und dann: "Ich glaub, der ist schwul." Diese Annahme ist jedoch arg spießig, ja, fast schon provinziell.

Der Trend geht 2019 nämlich eindeutig zur geschlechtsneutralen Kleidung. Und das hat mit der sexuellen Orientierung erstmal nichts zu tun.

Die Grenzen verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit

Auf der MET Gala, die auch als "Oscar der Mode" bezeichnet wird und damit quasi vorgibt, was "der Pöbel" (also wir) morgen trägt, verschwammen die Grenzen zwischen Männlein und Weiblein bis zur Unkenntlichkeit. Überall sah man geschminkte Männer in High Heels und Frauen in kurvenkaschierenden Anzügen. So kam es, dass nicht wie üblich Sexbomben wie Kim Kardashian (gähn!) für das größte Aufsehen sorgten – sondern die Herren der Schöpfung.

Styles etwa kam in Begleitung jenes Typen, der ihn eingekleidet hatte: Gucci-Designer Alessandro Michele. Der stöckelte in einem lachsfarbenen Glitzerenselmble, Krönchen und Walla-Walla-Mähne über den roten Teppich. Da brauchte das Auge von "Otto Normal" tatsächlich ein bisschen, um ausmachen zu können, ob es sich nun um einen IHN, eine SIE oder gar BEIDES handelte. Es gehören ja auch haufenweise coole transsexuelle Stars zum Who is Who. Katy Perry hatte sich gar als Gegenstand verkleidet und kam als Kronleuchter.

Dennoch wurde Harry Styles von Experten zum "best dressed man" des Abends gekürt. US-Vogue-Chefin und Gastgeberin Anna Wintour hatte ihn sogar zum Co-Host engagiert. Eine Riesenehre. Da war der Gute in modischer Hinsicht natürlich auch ein wenig in der Bringschuld. Immerhin gilt bei der MET Gala seit jeher: mehr ist mehr. Da kannst du im Prinzip aufkreuzen, wie du willst, irgendjemand sieht garantiert noch auffälliger aus als du selbst.

Die Jungs können sich auch mal an unserem Schrank bedienen

Neu ist das alles nicht. In der Renaissance war es normal, dass schillernde Männer im Mittelpunkt standen. Schon Ludwig XIV und seine Kumpanen frohlockten in Strumpfhosen, High Heels, mit reichlich güldenem Klunker und wallender Lockenmähne durchs Schloss.

Das ist nun wieder in: In manchen Kaufhäusern gibt es mittlerweile eigene Abteilungen für eine "genderless shopping experience". Dort hängen ausschließlich Teile, die von Männern wie Frauen getragen werden können. Praktisch, wo man doch als Frau ohnehin gerne mal in der Männerabteilung von H&M und Co. unterwegs ist oder sich ein lässiges Teil vom Boyfriend leiht. In Zukunft dürfen die Jungs sich also gerne auch mal an unserem Schrank bedienen.

He? She? Me! Free.

Der berühmte Designer Yohji Yamamoto meinte schon in den 80ern: "I always wonder who decided that there should be a difference in the clothes of men and women. Perhaps men decided this."

Und Mode ist erst der Anfang: Julia Roberts setzte sich gerade auf Instagram für mehr Unisex-Toiletten ein. Bei "Germany’s Next Topmodel" stöckelte sich die transsexuelle Tatjana in die Herzen der Zuschauer*innen, Gastjuror Bill Kaulitz (der schon lange den androgynen David-Bowie-Gedächtnislook pflegt) trug Plateaustiefeletten.

Die Stadtverwaltung in Hannover legte ihren Angestellten eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache ans Herz. In Schweden werden Kinder in der Vorschule neuerdings genderneutral erzogen, damit sie weniger in Stereotypen denken. Eltern, die was auf sich halten, kaufen Kleider und Spielsachen unabhängig des Geschlechtes ein. Auch Meghan Markle will "Klein Archie“ laut einer Freundin mit einem "fließenden Ansatz zum Geschlecht“ großziehen. In Dänemark wurde just die erste geschlechtsneutrale Stimme für Navis, Alexa und Co. entwickelt. Celine Dion hat eine genderneutrale Modelinie für Babys herausgebracht.

Wohin das noch führen soll? Regisseur Patrick Wengenroth brachte es kürzlich in einem Theaterprojekt auf den Punkt, im Titel: "He? She? Me! Free."

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