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Love from Hell: Sea, Sex and Selfie-Terror auf Sri Lanka

Früher gingen die Leute an den Strand, um sich zu entspannen. Heute pudern sie sich gülden, haben eine Visagistin dabei und machen Selfies mit Drohnen.

Hauptsache, das Selfie stimmt.

Hauptsache, das Selfie stimmt.

Getty Images

Ich weiß ja nicht, wie das bei euch ist, aber wenn ich Urlaub habe und am Strand liege – so wie jetzt gerade auf Sri Lanka – dann chille ich hart. EISENHART. Will heißen: Ungeschminkt, alle Viere von sich strecken, das Bäuchlein in die Sonne halten, daliegen wie ein Faultier. Vor einem der Ozean, nach einem die Sintflut. Gern schon ab mittags leicht auf Pegel trinken, ab und zu im Meer platschen. Mit roten Augen vom Salzwasser, Sand in der Po-Ritze und im Gesicht eine extradicke Schicht LSF 50. Und trotzdem fühlt man sich sexy! Weil es einem so verdammt gut geht.

Aber nicht alle Menschen haben das "Prinzip: Strand" verstanden.

Das merke ich, während ich in einer Strandbar am Dalawella Beach sitze. Vor mir der berühmte Froschfelsen. Ein massiver Brocken, eingerahmt von Kokospalmen. Jeden Abend gibt es hier einen spektakulären Sonnenuntergang.

All jene, die das Leben verstanden haben, sitzen dann entspannt im Sand, trinken Tee und genießen das Naturschauspiel.

Ab 18 Uhr gibt es Selfie-Stress

Für alle anderen beginnt ab 18 Uhr die stressigste Zeit des Tages. It‘s Selfie-Time!

Von überall her strömen nun Beachgirls, die eigentlich keine sind. Sie haben sich mit Bronze-Puder eingerieben, die Haare zu recht geföhnt, falsche Wimpern angeklebt, Rouge aufgetragen, die Lippen geschminkt. Sogar ihre bestringten Pos glänzen gülden.

Einige lassen sich vom Partner mit dem iPhone knipsen. Andere haben lieber gleich Profis angeheuert und stürmen nun mit ganzen Filmteams den beliebten Spot. Fotograf, zwei Licht-Assistenten, Haare/Make-Up-Artist. Und – ganz wichtig – jemanden, der die eigens gemietete DROHNE steuert, die das Shooting zusätzlich aus der Vogelperspektive ablichtet.

An diesem Abend schwirren gleich drei davon in der Luft. Meinen Freund ärgert das Affentheater dermaßen, dass er mit seiner Frisbee nach den Viechern wirft.

Vor unserer Nase: Pärchen-Influencer-Shooting! Ein etwa 24-jähriges Mädchen, das Kim Kardashian in nichts nachsteht, hat ihren Lebensabschnittsgefährten ganz offensichtlich zu der Aktion genötigt. Das Netz soll schließlich wissen WIE glücklich sie in ihrem #traumurlaub sind und ordentlich "Likes" abdrücken.

So nervig kann ein Foto sein

Aber bis dahin ist es noch ein langer, schmerzhafter Weg.

Zwischen den Aufnahmen keift Kim ihren Liebsten nonstop an, er solle doch bitte "verliebter" gucken und gefälligst seinen Bauch einziehen. Sobald es blitzt, zeigt sie aber sofort wieder ihr strahlendstes "Ich bin ja so happy in love"-Lächeln.

Barfuß spazieren sie in der Brandung. Plötzlich kommt eine hohe Welle und klatscht ihr voll ins Gesicht. Großes Drama: "Meine Wimpern! Meine Kontaktlinsen! Meine Schminke!" Ein Glück, die Haare-/Make-Up-Frau steht gleich parat. Nachpudern, während der glutrote Sonnenball langsam hinter dem Froschfelsen verschwindet. Das ist jetzt DER Moment.

Eilig geht’s rüber zu einer Schaukel, die an einer Palme befestigt ist. Der Klassiker unter den Urlaubsfotos. Kim jammert, sie hat Höhenangst. Aber für ihre Follower reißt sie sich zusammen. "Schatzi" soll ihr Anschwung geben und dabei bitte möglichst "glücklich und natürlich" gucken. Er scheint aber kurz mal vergessen haben WIE glücklich er mit ihr ist ...

Der Fotograf brüllt: "Lass dein Haar fliegen! Smiiiiile! Den Fuß etwas höher! Jetzt! LÄCHELN!" Über ihnen die Drohne.

Aber - ohlala! – da kommt ja noch eine scharfe Influencerin den Strand entlang spaziert. "Schatzi" ist eine Sekunde unaufmerksam und hat zwei Sekunden später die Schaukel in der Fresse. Blut spritzt! War das ein Schneidezahn?!  Egal. Der Fotograf hält weiter drauf: "Das sind jetzt DIE entscheidenden 30 Sekunden, auf die wir die ganze Zeit gewartet haben. Zieh es durch! Mach weiter! Ich retouchier den nachher raus!"

Kim zögert. Ihr Liebster liegt ohnmächtig danieder. "Okay", ruft sie, schüttelt ihr Haar, drückt die Brust heraus und lääääääächelt.

"Jawoll! Das ist es! Das ist es!", keucht der Fotograf. "Damit brichst du alle Instagram-Rekorde!"

Die Drohne surrt über ihnen. Mein Freund zielt nochmal mit seiner Frisbee: Treffer! Das Teil stürzt neben "Schatzi" in den Sand. Er kommt langsam zu sich – und reagiert sofort: Mit letzter Kraft robbt er aus dem Bild. 

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