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Love From Hell: Ich brauch keinen Sex, das Leben f***t mich jeden Tag

Die Midlife Crisis ist kein Klischee. Sie lebt! Warum unser (Liebes-)Leben zwischen 30 und 50 nachweislich besonders enttäuschend ist und was wir dagegen tun können.

Mit Ende 40 kommt der absolute Tiefpunkt der Midlife Crisis, aber sie fängt schon früher an.

Mit Ende 40 kommt der absolute Tiefpunkt der Midlife Crisis, aber sie fängt schon früher an.

Getty Images

Mein Geburtstag steht vor der Tür. Stets Anlass für mich, Bilanz zu ziehen: Was habe ich im vergangenen Jahr erreicht? Welche Ziele möchte ich im kommenden Lebensjahr erreichen? Bin ich glücklich? Die letzte Frage kann ich im Moment klar mit "ja" beantworten. Darf man einer Untersuchung des Schweizer Ökonomieprofessors Hannes Schwandt Glauben schenken, ist das allerdings so etwas wie ein kleines Wunder! Er hat nämlich herausgefunden, dass wir mit 23 und 67 am glücklichsten sind. Und dazwischen eher Stress und Krisenstimmung angesagt ist.

Hm, mal kurz überlegen, was mit 23 so bei mir los war: Neuer Job, neue Bude, neue Liebe, zum ersten Mal im Leben ein (für mein Verständnis) fettes Gehalt, geile Urlaube, viel Party …

Jap, alles klar – die 23 rockt. Du stehst erstmals auf eigenen Beinen, lernst ständig neue Leute kennen, fühlst dich frei. Die ganze Welt scheint dir zu Füßen zu liegen!

Midlife Crisis ist kein blödes Klischee 

Glaubst du zumindest. Bis dir irgendwann die Realität eins mit dem Vorschlaghammer überzieht: Vielleicht wirst du gefeuert. Von der Liebe deines Lebens abserviert. Machst Bekanntschaft mit dem Tod. Verlierst Freunde. Scheiterst. Bereust. Motto: Ich brauch’ keinen Sex, das Leben fickt mich jeden Tag. Was folgt, ist oft die ganz große Sinnkrise (aka. Quarter-Life-Crisis), danach kommt – bestenfalls – ein Selbstfindungstrip nach Indien, in the house of the rising sun oder auf die Therapeuten-Coach.

Aber woran liegt das bloß, dass in diesem Alter plötzlich alles so verdammt schwer ist? "Bis Ende 20 kommt man noch damit über die Runden, zu denken, dass alles gut laufen wird", erklärte Hannes Schwandt gegenüber dem Portal "jetzt.de". "Aber irgendwann wird dann doch klar, dass das Leben doch keinen so wahnsinnig glorreichen Weg geht."

Die Midlife Crisis ist demnach kein blödes Klischee – sie lebt! Das hängt laut Schwandt damit zusammen, dass wir uns in unserer Lebensmitte ständig irren, wenn wir uns unsere Zukunft ausmalen. Klar, ich war mit 20 Mal davon ausgegangen, dass ich mit 30 zusammen mit (m)einem Mann in einer luxuriösen Altbauwohnung residieren und irgendeine krasse Führungsposition innehaben würde. Am Ende ist alles anders gekommen – allerdings viel, viel geiler, als ich es mir jemals erträumt hätte.

Verhängnisvoller "Over-Optimism"

Über die Jahre ist mir klar geworden, dass es noch ganz andere, alternative Lebensmodelle gibt, die es einem ermöglichen, sich selbst auf allen möglichen Gebieten kreativ zu verwirklichen.

Außerdem habe ich, wie Gwyneth Paltrow, die Vorzüge des "Living Apart Together"-Modells zu schätzen gelernt. Der alte Spruch "Schließt sich eine Tür, öffnet sich ein Fenster" ist zwar dermaßen abgedroschen, aber doch so zutreffend. Selbstverständlich ist nicht jeder in der Lage, Enttäuschungen nonstop in Gewinne zu verwandeln. Etwa, wenn er nach einer Trennung plötzlich alleinerziehend ist, Probleme hat, die Hypothek fürs Haus abzubezahlen oder wegen beruflicher Überforderung in ein Burn-Out schlittert. Solche Probleme waren einem mit 23 wahrscheinlich eher fremd. Aber zwischen Mitte 30 und Mitte 50, da werden viele von uns plötzlich mit diesem ganzen Mist überrollt. Und zwar völlig unvorbereitet.

"Eigentlich sollte man denken, dass es zum Allgemeinwissen der Menschheit gehört, dass wir im mittleren Alter eine Durststrecke durchmachen", sagte Schwandt. Aber, pfff, dafür sind die meisten viel zu hedonistisch und naiv. Stattdessen erwarten sie, dass ihre Zufriedenheit immer weiter ansteigt.

Hinter diesem sogenannten "Over-Optimism" stecke ein evolutionärer Nutzen, erklärte Schwandt. "Wenn die Menschen wohlgeeichte Erwartungen davon hätten, wie viel Stress Kinder bedeuten, würden wahrscheinlich sehr viel weniger Leute Kinder bekommen." Kaboom!

Irgendwann, mit Ende 40/Anfang 50 käme dann der totale Tiefpunkt. Enttäuscht von all dem Mist, der einem bis dato passiert ist, und, weil der Lack endgültig ab ist, verlieren viele die Hoffnung für die Zukunft. Aber – und jetzt kommt’s: Sobald man sich aber mit diesem desolaten Zustand arrangiert habe, ginge es wieder bergauf! Wohl, weil man begriffen hat, dass die Würfel gefallen sind. Und das ist ungeheuer befreiend. Hinzu kommt, dass das Gehirn im Alter viel besser mit Enttäuschungen umgehen kann, weil einem der jugendliche Ehrgeiz nicht mehr im Weg steht und man sich folglich ganz entspannt in den obligatorischen Schaukelstuhl hauen und seine Tage ZUFRIEDEN mit Pfeife rauchen und Stricken verbringen kann. Also wenn das keine traumhaften Aussichten sind?! Mein Geburtstag kann kommen.

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