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Vor 20 Jahren "Ich habe ein Baby gefunden!" Schwules Paar adoptiert ein "U-Bahn-Baby"

Manhattan, U-Bahn-Haltestelle Union Square
Manhattan, U-Bahn-Haltestelle Union Square
© Bill Oxford / Getty Images
Er war unterwegs zum Abendessen mit seinem Freund, als Danny Stewart ein Baby in einer U-Bahn-Station auf dem Boden entdeckte – in ein Sweatshirt eingewickelt. Kevin ist nun 20 Jahre alt, Papa Pete schrieb ein Buch über die ungewöhnliche Geschichte.

Es war etwa acht Uhr abends am 28. August 2000, die schlimmste Zeit der New Yorker Rush Hour war gerade vorbei, als eine U-Bahn in die Haltestelle in der 14. Straße einfuhr – nach Chelsea, mitten in Manhattan. Danny Stewart war schon spät dran, er war mit Pete Mercurio zum Abendessen verabredet. Eigentlich lebte der 34-Jährige längst bei seinem Freund, er hatte ihn schon vor drei Jahren kennengelernt und war irgendwann später bei ihm und seinem Mitbewohner eingezogen. Doch an diesem Abend war er noch einmal nach Hause gefahren, um seine Post zu holen. Als Danny aus dem U-Bahnhof rannte, erregte etwas seine Aufmerksamkeit.

"Ich bemerkte etwas Eingewickeltes an der Wand und dachte, es sei eine Puppe", zitiert ihn die BBC. Danny lief weiter in Richtung Ausgang. Aber warum sollte ein Kind seine Puppe dort hinlegen? "Ich schaute noch einmal zurück und sah, dass sich die Beine bewegten." Er ging zurück, die Treppe hinunter und stellte fest, dass es ein Baby war, in ein schwarzes Sweatshirt gewickelt, nur die Beinchen schauten heraus. "Es trug keine Kleidung, nur seine Nabelschnur, damit war klar: Es war ein Neugeborenes. Vielleicht ein oder zwei Tage alt." Danny traute seinen Augen kaum.

Der kleine Junge war ruhig, aber wach

"Er schaute zu mir auf und ich streichelte über seinen Kopf. Er wimmerte ein wenig. Die ganze Situation wirkte etwas unwirklich und ich versuchte, die Aufmerksamkeit anderer Leute zu erregen. Doch niemand nahm es wahr." Danny rief: "Bitte rufen Sie die Polizei!" und wurde ignoriert. Eine Frau reagierte, doch schien kein Englisch zu verstehen und nicht in der Lage zu sein, etwas zu unternehmen, nicht mal, als er auf das Baby zeigte. "Sie dachte vermutlich, ich sei etwas neben der Spur", erinnert sich Danny. Das Ganze ist inzwischen mehr als 20 Jahre her. Es war also eine Zeit, in der noch nicht jeder ein Handy hatte. Danny hatte Angst, das Baby aufzuheben und lief die Treppe hoch, um über ein Münztelefon den amerikanischen Notruf 911 anzurufen. "Ich habe ein Baby gefunden!", schrie er aufgeregt ins Telefon und nannte seinen Standort.

Dann rannte er zurück. Dem Baby schien es weiterhin gut zu gehen. Danny wartete eine gefühlte Ewigkeit. "Es waren wohl nur ein paar Minuten, aber mein Herz raste." Danny war besorgt, dass die Polizei glauben könnte, es habe sich um einen Scherz gehandelt. Er dachte an seinen Freund Pete, kramte einen Vierteldollar aus seiner Tasche, rannte erneut die Treppen hinauf und benutze das Münztelefon. "Ich habe ein Baby gefunden!", rief er in den Hörer. "Die Polizei glaubt mir vielleicht nicht, ruf du sie bitte an, jetzt sofort!"

Dann kam die Polizei

Pete hatte Danny bereits aus seinem Wohnungsfenster beobachtet, wie er die Treppen zur U-Bahn auf und ab lief. Er rannte hinunter und sah, wie die Polizei das Baby für einen Gesundheits-Check ins Krankenhaus brachte. Danny hatte seine Aussage zu Protokoll gegeben und die beiden gingen heim. "Ich erinnere mich, wie ich mich zu Danny wandte, während die Polizei wegfuhr", sagte Pete der BBC. Und zu Danny: "Du wirst mit diesem Baby auf irgendeine Weise für den Rest deines Lebens verbunden bleiben." Danny fragte: "Wie meinst du das?" Und er antwortete: "Naja, vielleicht erfährt dieses Kind ja von dem Abend, an dem es gefunden wurde, und möchte erfahren, wer ihn gefunden hat. Und vielleicht gibt es eine Möglichkeit, wie wir herausfinden können, wohin es ihn verschlägt und ihm jedes Jahr an diesem Datum ein Geburtstagsgeschenk schicken?"

Am kommenden Tag war das Baby in allen Schlagzeilen. Danny wollte wissen, wie es ihm ging und ging ins Krankenhaus, doch er erfuhr nichts. Die beiden Männer kehrten in ihren Alltag zurück. Doch dann erhielt Danny eine Vorladung zum Familiengericht für eine Zeugenaussage. Das war im Dezember 2000. Bei einem zweiten Termin sagte die Richterin, sie suche so schnell wie möglich eine Pflegefamilie für das Kind und fragte Danny: "Wären Sie interessiert?" Alle Augen schauten auf den jungen Mann. Danny antwortete: "Das dürfte wohl nicht so einfach sein." Doch die Richterin lachte und sagte: "Nun, vielleicht ja doch."

Und dann kam Kevin

Am 22. Dezember um 9 Uhr morgens holten Danny und Pete das Baby aus der Pflegebetreuung. Kaum zu Hause, schlief es auf Petes Brust ein. Dem Paar blieben zwei Tage Zeit und Petes Familie strömte aus, um alles zu besorgen, was ein Baby braucht. Eigentlich sollte das Baby nur über Weihnachten bleiben, doch die beiden Männer setzten alles daran, Kevin länger behalten zu können. Am 27. Dezember kam die gute Nachricht: Es könne erst einmal bleiben. Die Männer beschlossen, den Jungen Kevin zu nennen – so hieß Petes älterer, als Baby verstorbener Bruder. "So kam Baby Kevin auf eine verrückte Weise zu meinen Eltern als Enkel ihres schwulen Sohnes zurück", erklärt Pete.

Obwohl es unvorhergesehen kam, hatten sich Freunde und Verwandte schon gefragt, warum die beiden Männer das Baby nicht sofort mit nach Hause genommen hatten. Doch die Voraussetzungen waren nicht so einfach. Danny und Pete hatten kein Geld, eine kleine Wohnung und einen Mitbewohner. Eigentlich mochten sie ihr Leben und wollten keine einschneidende Veränderung. Pete wollte das Baby aufnehmen, Danny sein altes Leben behalten. Die Diskussionen um die Entscheidung hätte das Paar beinahe auseinander gebracht, doch dann entschied es, sich um eine Adoption zu bemühen.

Der Zufall hatte eine Familie hervorgebracht

Danny und Pete verschlangen den Ratgeber-Klassiker "What to Expect When You're Expecting". Sie machten ihre Wohnung kindersicher. Der Adoptionsvorgang, der Elterntraining und Hintergrundbefragungen beinhaltete, dauerte knapp neun Monate. "Ich hatte nie über Adoption nachgedacht", sagte Danny, "aber da konnte ich nicht mehr anders. Ich spürte die Verbindung. Es war keine Gelegenheit, es war ein Geschenk, zu dem man nicht nein sagen konnte." Das Familiengericht lag in der Nähe des Ground Zero, durch das Attentat am 11. September 2001 verzögerte sich der Prozess, doch nach zwei Jahren, am 17. Dezember 2002 war alles geregelt.

Danny, Pete und Kevin hatten sich schnell eingelebt. Der kleine Junge liebte Bücher, die beiden Männer lasen ihm täglich Gute-Nacht-Geschichten vor oder sangen für ihn, wenn sie ihn ins Bett brachten. Pete gestaltete ein Buch mit der Geschichte, wie das Baby zu ihnen gekommen war; als Kevin drei oder vier Jahre alt war, lasen die Männer ihm jeden Abend daraus vor. "Es war sein Lieblingsbuch", zitiert die BBC Pete. "Manchmal haben wir es täglich mehrmals gelesen. Wir sahen oft, wie Kevin es allein durchblätterte und die Worte vor sich hin murmelte, die er behalten hatte. Es war unglaublich süß, das zu beobachten." Es brauchte etwa ein Jahr, bis Kevin verstanden hatte, dass es sich dabei um seine eigene Geschichte handelte. Daraufhin war er so stolz darauf, dass er das Buch mit zur Schule nahm und herumzeigte.

Links lächelt ein größerer blonder Mann in die Kamera, rechts ein etwas kleinerer dunkelhaariger Mann. Beide tragen Scheitel

Eine kurze Neugier auf die biologischen Eltern

Irgendwann begann Kevin sich zu fragen, wer seine biologischen Eltern seien. "Immer mal, wenn wir auf dem Bürgersteig liefen oder in einem Restaurant saßen, zeigte Kevin auf jemanden und sagte 'Die Frau hat die gleiche Hautfarbe wie ich'", erzählte Pete der BBC. "Aber es beschäftigte ihn nicht lange – und hörte schließlich ganz auf." Als Kevin zehn Jahre alt war und "Papa Pete" ihn zur Schule brachte, erzählte er ihm von einer Idee, die er und "Daddy Danny" abends zuvor besprochen hatten. Es war das Jahr 2011 und in New York war gerade die Homosexuellenehe legalisiert worden. Die beiden überlegten, "offiziell" zu heiraten. Kevin war ganz aufgeregt und fragte: "Verheiraten nicht Richter Paare?"

Für Pete war die Frage die Inspiration, sich an das Familiengericht in Manhattan zu wenden, und Richterin Cooper* zu fragen, ob sie die Trauung durchführen könnte. Binnen zwei Stunden kam die Antwort: Es sei ihr eine Ehre. Cooper hatte an einem Pilotprojekt gearbeitet, in dem Findelkinder bei Familien leben, bevor sie zu adoptiert werden, weil Babys eine Verbindung zu einer festen Person brauchen. Als sie Kevin bei der Hochzeitszeremonie wiedersah, fühlte sie ihre Arbeit bestätigt. Danny war begeistert. "Diese Frau ist der Grund dafür, dass wir eine Familie sind und nun diejenige, die uns verheiratet. Der Kreis schließt sich."

Kevin ist jetzt erwachsen

Inzwischen 20 Jahre alt, studiert Kevin Mathematik und Computerwissenschaften am College. Das "U-Bahn-Baby" ist mit etwa 1,85 Meter Größe seinen Vätern über den Kopf gewachsen. Er spielt Ultimate Frisbee, nahm an zahlreichen Marathons teil und tanzt seit seinem 14. Lebensjahr. Wenn er etwas lernen will, sagt Papa Pete, macht er es einfach, Klavier und Gitarre spielen hat er sich selbst beigebracht. "Kevin war immer ein respektvolles Kind", sagt der stolze Vater der BBC. "Es ist empathisch und freundlich. Er behält seine Gefühle für sich. Er ist ein Beobachter, und bettelt nicht um Aufmerksamkeit. Er ist zurückhaltend, aber auch ein stiller Anführer." Außerdem könne er sehr witzig sein, sagt Pete.

Danny, 55, und Pete, 52, haben mit Kevin eine neue Welt entdeckt. "Ich wusste nicht, dass diese Art tiefer Liebe existiert, bis mein Sohn in mein Leben kam", resümiert Pete. Er hat ein Buch über die ungewöhnliche Geschichte der Familie geschrieben: "Our Subway Baby". Hier bestellbar.

*Bei dem Namen der Richterin handelt es sich auf ihren Wunsch hin um ein Pseudonym.

Quelle:BBC

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bal

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