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Familienmodelle "Quasi alleinerziehend": Was soll das sein?

Mutter bringt ihrem Sohn auf einer Wiese das Fahrradfahren bei
Ein Kind alleine großzuziehen kann ganz schön anstrengend sein – meistens überwiegen jedoch die schönen Momente (Symbolbild)
© eclipse_images / Getty Images
"Ich bin diese Woche auch quasi alleinerziehend" – und Social Media explodiert. Für Alleinerziehende ein Schlag ins Gesicht. Warum das so ist? Unsere Autorin macht sich Gedanken.

Dieser Text erschien zuerst an dieser Stelle auf brigitte.de.

Eine Gruppe Mütter steht auf dem Spielplatz und unterhält sich: "Mein Mann ist nächste Woche auf Geschäftsreise, dann bin ich quasi alleinerziehend." - "Oh, na dann bin ich wohl auch quasi alleinerziehend. Mein Mann arbeitet so viel, da bleibt die ganze Arbeit mit den Kindern an mir hängen." 

Regelmäßig liest man von solchen Spielplatzgespräche auch auf Facebook, Instagram und Co. Regelmäßig wühlt es die Gemüter auf. Alleinerziehende sind bei so einer Aussage empört, verpartnerte Frauen schämen sich für eine solche Aussage oder aber sie rechtfertigen sich, weil sie die Kinder im Grunde wirklich mehr oder minder allein erziehen, denn der:die Partner:in ist einfach nie anwesend. 

Aber wie allein muss man sein, um alleinerziehend zu sein?

Wikipedia sagt: "Eine alleinerziehende Person ist eine Person, die ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person mindestens ein Kind unter 18 Jahren großzieht." Klingt logisch, ist es aber leider nicht. Es gibt mittlerweile so viele unterschiedliche Familienmodelle, dass sich in den Sozialen Netzwerken schon teilweise gestritten wird, wer denn nun von den Alleinerziehenden der:die Alleinerziehendste ist. Was im Grunde meint, wer es am schwersten von allen hat. Denn das passiert ganz oft in einer Debatte zwischen Alleinerziehenden: Man überbietet sich darin, wer denn jetzt wirklich alleinerziehend ist, gleichgesetzt damit, wessen Leben am härtesten ist, statt sich gegenseitig zu unterstützen und zu stärken.

Dabei gibt es zwischen der klassischen Eltern-mit-Kindern-Familie und Alleine-mit-Kindern-Familie so viele Abstufungen, dass es kaum möglich ist, genau zu definieren, wann man alleinerziehend ist und wann nicht. Es gibt neu verpartnerte Eltern, Alleinerziehende, die sich ohne jegliche Unterstützung um ihre Kinder kümmern, Wechselmodell, Nestmodell, Väter und Mütter die Unterhalt zahlen und solche, die keinen zahlen, geschweige denn, sich in irgendeiner Form um ihren Nachwuchs kümmern, und es gibt Väter und Mütter, die bis auf den Unterhalt den Kontakt zum anderen Elternteil unterbinden.

Es gibt so viele Grauzonen, dass man als privilegiert gilt, wenn man als Alleinerziehende jedes zweite Wochenende kindfrei hat und der:die Partner:in Unterhalt zahlt. Wechselmodell-Eltern gelten nicht als alleinerziehend, sondern getrennt erziehend und Familien, in denen der:die Partner:in physisch nie anwesend ist, dürfen das Wort alleinerziehend nicht mal in den Mund nehmen, dabei tut sie genau das: allein erziehen. Und gleichzeitig verstehe ich die ohnmächtige Wut aller Eltern, die alles alleine wuppen und sich dann das lustig gemeinte "Ich bin quasi alleinerziehend" auf dem Spielplatz reinziehen müssen. 

Ja, auch ich war mal "quasi alleinerziehend" ...

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, "quasi alleinerziehend" nie als Bezeichnung für eine Situation verwendet zu haben. Damals war mir überhaupt nicht bewusst, was ich da sage und vor allem nicht, wie politisch das Thema ist. Es wäre also vermessen, anderen Eltern etwas vorzuhalten, was ich selbst schon getan habe.

Mittlerweile bin ich aber um einiges klüger und in einer anderen Situation. Ich bin nicht alleinerziehend, aber getrennt lebend. Wechselmodell. Auch das ist noch lange nicht das Gleiche wie komplett alleinerziehend zu sein, aber ich verstehe, was es bedeutet und warum es so wütend macht.

Eine:r macht ALLES

Das heißt alleinerziehend sein. Alle großen Entscheidungen liegen auf zwei statt auf vier Schultern. Einkommen verdient ein Paar Hände. Erledigungen, Arzttermine, Hausaufgaben, Abendessen, Brotdosen, Hobbys, putzen, waschen, einkaufen, Treffen organisieren, Trösten, Kämpfe austragen und dafür sorgen, dass die Kids in den Ferien nicht den ganzen Tag vor Glotze oder Tablet hängen ... darum kümmert sich eine Person. Zwölf Wochen Schulferien, ein Vollzeitjob und immer zu wenige Krankentage. Da ist niemand, der mal eben noch schnell die Butter besorgt, wenn man die vergessen hat. Der kurz mal einspringen kann, wenn irgendwas ist. Der Existenzängste abfedert oder finanziell mit vorsorgt. Der Verantwortung übernimmt, wenn was schief läuft, der unterstützt oder entlastet. Alleinerziehende arbeiten meist Vollzeit und wuppen nach acht Stunden im Job abends noch den Haushalt.

Ja, es gibt Elternteile, die ebenfalls oft auf sich selbst gestellt sind, aber sie haben die Wahl, wie sie Job, Kinder und Haushalt mit dem anderen aufteilen, wer mehr arbeitet, wer weniger. Alleinerziehende haben keine Wahl. Und das ist der wirklich große Unterschied. Es gibt kein Backup. Im besten Fall aber ein gutes Netzwerk, das einspringt, wenn die Butter alle ist. Aber auch das hat leider nicht jede:r - und Freunde, Familien und Co haben natürlich auch noch ein eigenes Leben.

"Was, wenn mir mal was passiert?"

Neben finanziellen Sorgen ist die größte Angst: "Was passiert, wenn ich krank werde, operiert werden muss, mir etwas breche oder einfach nicht mehr kann?" Richtige Pausen gibt es nicht, ausfallen ist nicht einkalkuliert. Die Sorgen halbieren sich nicht, weil sie nicht geteilt werden können. Und da hilft auch keine Mutter-Kind-Kur oder der Yoga-Kurs am Abend. Es ist ein großer Druck, der jahrelang auf Alleinerziehenden lastet. Der Mental Load ist ein riesiger Berg, weil man einfach an zu viel gleichzeitig denken muss, ohne dass man sich abwechseln kann.

Und was hinzukommt und gern vergessen wird: Die Auseinandersetzungen und Absprachen mit einem Menschen, den man im schlimmsten Fall am liebsten aus seinem Leben streichen würde, weil es psychische Gewalt gab, physische, weil die Trennung vor Gericht endete, weil man es nicht auf eine sachliche Ebene schafft, weil über die Kinder Druck aufgebaut wird, weil manipuliert und instrumentalisiert wird, weil man Dinge nicht komplett abschließen kann, weil betrogen und gelogen wurde...

Von alledem ist die Mutter auf dem Spielplatz sehr weit entfernt, deren Mann beruflich so viel unterwegs ist.

Und dennoch muss man nicht allein sein, um sich allein zu fühlen

Natürlich sind Paare dann privilegiert, die sich den Job teilen, die Entscheidungen gemeinsam fällen und sich auch die Alltagsstrapazen teilen. Nichtsdestotrotz gibt es das natürlich trotzdem auch in Partnerschaften, das Gefühl allein gelassen zu werden, überfordert zu sein und leider auch Gewalt und Abhängigkeiten, Druck und Missbrauch. Es gibt genauso glückliche alleinerziehende Eltern, wie unglückliche in Beziehungen. Eltern sein ist kein Wettstreit, alleinerziehend sein auch nicht. Aber "Quasi Alleinerziehend" ist kein Etikett, das man sich einfach mal für eine Woche draufklebt, sondern ein Leben. 

Dennoch: Statt uns gegenseitig mundtot zu machen, sollten wir anfangen, nachzufragen. Auf unsere Worte zu achten. Empathisch sein und aus dem ewigen Vergleichen aussteigen. Denn wie schlimm ist es, wenn sich die Mama auf dem Spielplatz nicht mehr traut zu sagen, wie überfordert und alleingelassen sie sich fühlt, egal mit welchem familiären Background. Und trotzdem können wir dafür sensibilisieren, dass man niemals "quasi alleinerziehend" ist, wenn der Partner mal ein paar Tage nicht zu Hause ist. Wir sind keine Leistungssportler, wir sind Eltern und wir sollten uns für das einsetzen, was wir brauchen, um für unsere Kinder gesund, stark und da zu sein. Und das fängt bei gegenseitigem Respekt an.


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