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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Als die Teenagerin ins Krankenhaus musste – und ich betrunken war

Christiane Tauzher ist bei den Nachbar eingeladen, es gibt Wein, viel Wein. Die paar Meter nach Hause – kein Problem. Doch wenn dann ein Anruf kommt, dass die Tochter mit dem Rettungswagen auf dem Weg in Krankenhaus ist, sieht die Lage ganz anders aus.

Frau erschrocken am Telefon

"Ihre Tochter hatte einen Autounfall", sagte die Leiterin des Internats ohne Umschweife

Getty Images

Als das Telefon läutete, torkelte ich gerade auf der Suche nach einer Aspro-Brausetablette durch die Küche. Ich hatte die betagten Nachbarn, die den Olaf und mich zu einer "Jause" mit anderen aus unserer Gasse an ihren polierten Biedermeiertisch geladen hatten, unterschätzt. Dem Olaf war der erste Teil der Einladung bei Kaffee und Strudel zugefallen – für den Mini hatte sich kein Babysitter gefunden, weshalb wir getrennt voneinander auftraten. Gegen 18.30 Uhr übernahm ich in der Nachbarschaftsrunde den vorgewärmten Platz vom Olaf. Der Gastgeber, ein pensionierter Arzt, hatte mir mein Eierbechergroßes hochstieliges Kristallglas immer wieder aufgefüllt und ich hatte es – aus reiner Höflichkeit – immer wieder geleert. Waren höchstens vier kleine Schlucke. Vier, acht, zwölf, sechzehn, zwanzig ... vierzig, sechzig ... Hattest du's nicht gesehen, war der Nachmittag unbemerkt in den späten Abend geflossen. Als sich der Weinvorrat dem Ende zuneigte und die alten Herren über sammeln/rammeln-Reime lachten, befand der weibliche Teil der Gäste einstimmig, dass es an der Zeit wäre, die Zusammenkunft aufzulösen.

Schwankend überquerte ich die Straße und nestelte umständlich den Schlüssel zu unserer Haustür hervor. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er dick ausgestopft. Endlich zuhause. Ich sackte auf einen Küchensessel. Wo hatte ich nur die Brausetabletten für Notfälle hingetan? Behäbig öffnete ich Laden und Kästen. Als sich der Klingelton meines Telefons wie eine Lanze durch mein wattiertes Gehirn bohrte. Der eingehenden Anruf zeigte eine Nummer an, die ich unter "Internat Notfall" abgespeichert hatte. Die Wombi schien in Not zu sein, was ich mir in meinem zerfledderten Zustand nicht vorstellen konnte oder wollte. "Hallo?"

"Ihre Tochter hatte einen Autounfall", sagte die Leiterin des Internats ohne Umschweife. Redete sie mit mir? Ich lehnte Halt suchend am Kühlschrank. "Sie wurde jetzt von der Rettung ins Krankenhaus gebracht." Ich atmete. Die Küche, die mich umgab, löste sich auf. Der Alkohol, der meinen Kopf lahm gelegt hatte, ließ sich nur unter größter Anstrengung bei Seite schieben. "Ist sie verletzt?", krächzte ich. "Ich melde mich, wenn ich mehr weiß", verabschiedete sich die Dame vom Internat. Sie klang ruhig und besonnen.

KRANKENHAUS!!!

"Krankenhaus" kritzelte ich geistesabwesend auf einen Block. Dann schrie ich schrill nach dem Olaf, der neben dem Mini eingeschlummert war. In meinem Zustand würde ich nirgendwo hinfahren können. Mittlerweile stand der Olaf in der Küchentür. Auch er wurde blass, als ich ihm stockend die Nachricht überbrachte. Wir riefen die Wombi auf dem Handy an, ohne große Hoffnung, dass sie in der Lage sein würde abzuheben. Zum Glück irrten wir uns. "Mir geht's nicht gut", schluchzte sie. Der Schulkollege aus einer höheren Klasse, bei dem sie mit zwei anderen Mädchen eingestiegen war, um schnellstmöglich aus der Stadt ins Internat zurückzukommen, sei auf einen Bus aufgefahren, erzählte sie. Ihr Kopf tue weh. Alles sei voller Blut gewesen. Sie sitze jetzt in diesem Moment in einem Rollstuhl. Man wolle sie durchchecken. Der Olaf sprach beruhigend auf sie ein. Ich zog das Wort "Krankenhaus" mit rotem Edding nach. Reiß dich zusammen, sagte ich zu mir selbst.

"Ich muss jetzt Schluss machen", schniefte die Wombi, "ich werde für die Untersuchungen abgeholt." Mein armes armes Kind saß dreihundert Kilometer von uns entfernt mutterseelenallein in einem Rollstuhl in einem Spital. Müdigkeit und  Verzweiflung übermannten mich abwechselnd. "Ich rufe euch an, wenn ich weiß, wie arg ich verletzt bin", sagte die Wombi.

Ich blieb am Kühlschrank lehnen, um nicht umzufallen. (Gerade hatte die Müdigkeit die Oberhand). "Leg dich ins Bett, ich mach das schon", sagte der Olaf, der meine erbärmlichen Verfassung richtig interpretierte. "Nein!", erwiderte ich entrüstet , "mir geht's super. Ich kann doch jetzt nicht schlafen!" Was für eine Lüge. Mein Geist hatte sich längst meinem trägem Körper ergeben. Ich begann im Stehen zu lesen. Zweimal fiel mir das Buch aus der Hand. Ich trank kaltes Wasser. Ich starrte auf das Handy, um den Anruf der Wombi nicht zu versäumen beziehungsweise in meinem Fall nicht zu verschlafen.

Stunden passierte nichts. Ich war mittlerweile in einem Deliriumszustand, in dem ich, sobald ich die Augen schloss, das Bild einer an tausenden Schläuchen hängenden Wombi vor mir hatte. Mir fiel Donald Duck ein, der sich immer Streichhölzer zwischen die Lider steckt, um wach zu bleiben. Leider fand ich bei uns nur Zahnstocher mit spitzen Enden, die sich nicht zum Wachbleiben eigneten.

Kurz vor Mitternacht hielt ich es nicht mehr aus, mein Herz raste trotz Müdigkeit. Ich rief die Wombi an. "Ich bin schon wieder auf dem Weg ins Internat", sagte sie, "ich soll mich schonen." Erleichterung durchströmte mich. Mein Schlaf tief und traumlos.

Am anderen Tag fuhr ich dreihundert Kilometer durch alle Klimazonen (Sonne, Schnee, Hagel, Regen, Wind), um die beschädigte Wombi nach Hause zu holen. Sie fiel mir um den Hals und ich streichelte ihr übers zerschrammte Gesicht. Im Auto telefonierte sie mit einer Freundin, "Ich habe eine leichte Gehirnerschütterung", sagte sie mit staatstragender Stimme. Verwundert zog ich die Augenbraue hoch. "Davon hast du mir gar nichts erzählt?", sagte ich. Die Wombi meinte, dass sie die Erschütterung selbst diagnostiziert habe. Es fühle sich nämlich so an, als habe sie Holzwolle im Kopf. Man könnte durchaus auch Gehirnerschütterung dazu sagen.

Holzwolle im Kopf kam mir bekannt vor – in Verbindung mit Dusel, Angst, Müdigkeit und einem Notfall, der das eigene Kind betrifft, könnte man durchaus auch Herzerschütterung dazu sagen.

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