HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Schminken in der Pubertät – willkommen in der Geisterbahn

Die Mücke ist zwölf Jahre alt, als sie zum ersten Mal geschminkt an den Frühstückstisch kommt. Der kleine Bruder beginnt unmittelbar zu weinen. Christiane Tauzher muss sich entscheiden: Darf das Kind so aus dem Haus?

Zehn stark geschminkte Barbie-Puppen

Als Barbie zur Schule? Keine gute Idee, findet Christiane Tauzher.

Getty Images

Eine Woche nach ihrem zwölften Geburtstag erschien die mit roten Lippen, schwarz umrandeten Augen und weiß gepudertem Gesicht beim Frühstück. Dem Olaf und mir blieb der Mund offen stehen und der Mini begann zu weinen, als sich das Grusel-Schneewittchen zu uns an den Tisch setzte. Die Mücke ignorierte unsere erschrockenen Gesichter und begann, sich ein Butterbrot zu schmieren. Als sie hineinbiss, blieb auf der Butter der Lippenstift kleben, was ziemlich eklig aussah. Während ich mich um den schluchzenden Mini kümmerte, der sich die Hände vors Gesicht hielt, um das Gespenst nicht sehen zu müssen, sammelte sich der Olaf. Im Moment hörte ich ihn nur einatmen und ausatmen. Unter dem Tisch gab ich ihm einen Tritt, damit er endlich etwas sage. Die Mücke kaute geräuschvoll, schaute dabei aus dem Fenster und tat so, als wäre ihr gar nicht aufgefallen, dass der Mini weinte und uns bei ihrem Anblick die Worte fehlten. Bei jedem neuen Biss in das Brot, aß sie den Lippenstift-Abdruck mit."Gehst du heute noch irgendwohin?", fragte der Olaf und bemühte sich um einen neutralen Ton.

"Ja", sagte die Mücke, "in die Schule."

"So?", fragte der Olaf, "du schaust irgendwie verändert aus. Oder habt ihr eine Theateraufführung?"

"Ach, du meinst das bisschen Make-up", sagte die Mücke, "alle schminken sich jetzt in meiner Klasse."

Der Olaf schaute mich hilfesuchend an. Ich versteckte mich mit dem Mini hinter einem großen Wimmelbuch und war noch nicht bereit, meinen Schutzschild aufzugeben.

"Ein bisschen nennst du das?", fragte ich hinter dem Wimmelbuch hervor.

"Dir muss es ja nicht gefallen", sagte sie und zuckte mit den Schultern.

"Mir gefällt es auch nicht", sagte der Olaf. Was folgte, war Stille. Dass der Olaf die Mücke kritisierte, kam nie vor. Da dem Olaf nichts mehr einfiel, war ich am Wort.

Ich ließ das Buch sinken, der Mini starrte seine Schwester entsetzt an. "Du bist noch viel zu jung, um dich so herzurichten. Das hast du doch gar nicht nötig", sagte ich.

Zu meiner Schulzeit wurde man mit dem Tafelschwamm abgeschminkt

Mitleidig sah mich die Mücke an – als hätte ich nichts verstanden, als wäre ich blind und würde nicht sehen, wie dringend notwendig die Maskerade war. "Mit den Augenringen, den großen Poren, den zu hellen Wimpern, den struppigen Augenbrauen und der faden Haarfarbe kann ich nicht mehr auf die Straße gehen", sagte sie.

"Von wem redest du?", fragte der Olaf und kannte sich überhaupt nicht aus.

"Von mir", sagte die Mücke, "schau mich doch an!"

Wir, der Olaf und ich, tauschten einen Blick. Unsere Mücke war wunderschön, einfach perfekt, keinen der "Mängel", die sie soeben aufgezählt hatte, konnten wir nachvollziehen. Die blonden Haare fielen in weichen Wellen um ihr Gesicht, ihre blauen großen Augen strahlten und ihre Haut war glatt wie Porzellan.

"Du schaust toll aus", sagte ich, "also nicht jetzt mit dem ganzen Zeug im Gesicht. Aber normalerweise."

Der Olaf pflichtete mir bei und wiederholte "toll", "ganz toll".

Ich erzählte der Mücke, dass uns die Lehrerin zu meiner Schulzeit mit dem Tafelschwamm abgeschminkt hatte. In der katholischen Privatschule war Bemalung jeder Art verpönt.

Angewidert verzog die Mücke das Gesicht. "Und die Nonni war nicht beim Direktor und hat sich beschwert?"

"Die Nonni", erzählte ich weiter, "hat die Methode Tafelschwamm gut gefunden."

Mücke: "Und findest du sie auch gut?"

Ich überlegte kurz. "Nein", sagte ich, "aber ich möchte trotzdem nicht, dass du geschminkt in die Schule gehst. Das gehört sich einfach nicht in deinem Alter."

Hilfesuchend wandte sich die Mücke an ihren Vater, der nur den Kopf schüttelte, was so viel wie "Kein Kommentar" bedeutete.

"Bitte abschminken!", sagte ich. "so gehst du nicht aus dem Haus."

Der Olaf schaute in seinen Kaffee, weil er es nicht ertragen konnte, die Mücke traurig zu sehen. Als sie im Badezimmer verschwunden war, sagte er, dass er meine Argumentation schwach fand.

"Und warum hast du dann nicht den Mund aufgemacht?", fragte ich ihn.

"Weil ich ein Mann bin und mich bei Frauenthemen nicht auskenne."

"Feigling", sagte ich.

Der Rest der Woche ging schweigsam zu Ende, die Mücke schloss sich in ihrem Zimmer ein und haderte mit ihrem "schrecklichen Aussehen", das sie nicht aufpeppen durfte.

Nichts ist mehr wie früher

Am Wochenende war Kirtag (zu deutsch: Kirmes). Bevor die die Mücke in ihre Fänge bekam, hatte sie Kirtage geliebt. Im jetzigen Stadium war Kirtag natürlich "uncool" und wir mussten sie lange überreden mitzugehen. Wie ein Fremdkörper stand sie neben uns, die Kapuze ihres Pullovers tief ins Gesicht gezogen, während der Mini in der Hüpfburg herumkugelte und die Ponys streichelte und auf dem Karussell fuhr.

Vor dem Brathuhn-Stand trafen wir eine Bekannte, deren Tochter mit der Mücke in der Bärengruppe im Kindergarten gewesen war. Sie begrüßten einander trotzdem nicht, was wahrscheinlich daran lag, dass sie einander nicht erkannten. Auch ich fragte ahnungslos die , wie es denn der Leonie gehe, weil ich die junge, neben ihr stehende Frau, die aussah, als käme sie von einer "La Cage aux Folles"-Aufführung niemals mit der kleinen unscheinbaren Leonie aus dem Kindergarten in Verbindung gebracht hätte. Sie trug Glitzerlidschatten, violettes Rouge, einen viel zu dicken Lidstrich und ließ unentwegt riesige Kaugummiblasen über Mund, Nasenspitze und Kinn zerplatzen, die sie, kaum dass es "Plopp" machte, mit spitzer Zunge wieder in den Mund holte. Die Leonie, die ich das letzte Mal beim Kindergarten-Abschlussfest vor sechs Jahren gesehen hatte, war mir als dunkelblondes, blasses, sommersprossiges Mädchen in Erinnerung.

"Mir geht es gut", sagte Leonie in meine Richtung und warf ihr blauschwarz gefärbtes Haar in den Nacken.

Die Mücke, sah ich, musterte sie verstohlen. Zu einem "Hallo", konnte sie sich nicht durchringen. Leonie sah eher zum Davonlaufen aus.

"Ich lass’ sie", raunte mir ihre Mutter zu, "was soll’s. Es ist nur Make-up, kein Ecstasy."

Diese Haltung bewunderte ich. Warum konnte ich nicht so über den Dingen stehen? Den Heimweg über dachte ich nach und ging schweigend neben der ebenfalls nachdenklichen Mücke her. Dem Olaf war schon mulmig zumute, weil keiner etwas sagte.

Eine neue Strategie

Zu Hause angekommen, war ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Leonies Mutter recht hatte. Am Abend setzte ich mich zur Mücke ins Zimmer und erklärte das Schminkverbot für aufgehoben. "Es ist ein dummes Verbot", sagte ich, "in deinem Alter hätte ich auch gerne Wimperntusche verwendet und durfte nicht, obwohl es keinen Grund dafür gab."

Die Mücke fiel mir um den Hals und ich sah sogar ein paar Tränchen in ihren Augen.

"So wie die Leonie will ich aber nicht aussehen. Sagst du mir, wenn ich so aussehe?"
Ich versprach es ihr.
Der Olaf hatte eine gute Idee: "Wenn der Mini weint, dann hast du zu viel erwischt, wenn er dich anlacht, passt es."

Wir lachten. Und es tat gut, denn wir hatten schon lange nicht miteinander gelacht. Dann holte ich meine Wimperntusche und zeigte der Mücke, wie man sie richtig benützt, ohne dass die Wimpern verklumpen. Zum Namenstag nahm ich sie zur Kosmetikerin mit, die ihr zeigte, wie sie das Make-up richtig aufträgt, ohne wie eine bemalte Leinwand auszusehen.

Ja, die Pubertät hatte Einzug gehalten und ich sah ein, dass es besser sein würde, ihr mit Liebe und Verständnis zu begegnen, als mit Vorschriften und Verboten.

Der Mini hat übrigens noch oft geweint, wenn er der Mücke in der Früh begegnet ist. Aber sie hat sich an unsere Abmachung gehalten und so lange die Probe gemacht, bis er sie anlächelte. Und der Mini, ein kleiner Mann, der sich bei Frauenthemen zum Glück besser auskennt als sein Vater, hat sich noch nie geirrt.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity