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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Wenn bei der Teenagerin das Gehirn schmilzt

Die Sommerferien sind vorbei, mit abnehmenden Temperaturen kehrt bei Christiane Tauzher die Erinnerung zurück an besonders absurde Ferienepisoden mit der Teenagertochter. Natürlich war nur die Hitze schuld ...

Teenagerin mit verdrehten Augen

Bei großer Hitze bekommt die Teenagerin besonders seltsame Ideen

Getty Images

Gut, dass es abgekühlt hat, dass die Luft nach Herbst riecht, wieder frisch und klar ist und dass der Kopf der Wombi keine Ausrede mehr hat, wegen Überhitzung nicht arbeiten zu können. Unter "Arbeit" darf man sich nicht das Pauken mathematischer Formeln oder das Lesen hoher Literatur vorstellen – mit Ferienheften, wie ich sie Zeit meines Schullebens kannte, brauchte ich der Wombi im Sommer gar nicht zu kommen. Unter "Arbeit" versteht sie Fenster nach dem Duschen öffnen, Handtücher aufhängen, Kleidung wegräumen, Hund füttern, aufstehen. 

Wombis Sommerferien waren eine neunwöchige Party, die von ausgiebigen Schlaf- und Essphasen unterbrochen wurde. "Ich muss meine Batterien aufladen", sagte sie, wenn ich etwas von ihr wollte. Am besten war es, wenn ich nichts wollte. Leider hielt ich mich nicht immer daran und unterbrach ab und an den Ladevorgang ihrer Batterien.

Seit ihr die beste Freundin das Passwort ihres Netflix-Abos verraten hatte, herrschte während der Wachphasen zwischen spät Aufstehen und früh Fortgehen gespenstische Stille. Die Ohren der Wombi vernahmen in diesem Sommer kein Vogelgezwitscher und kein Meeresrauschen, weil sie nonstop mit weißen kabellosen Knöpfen zugestöpselt waren.

Duschen oder Netflixen? Beides?

Einmal betrat ich das Badezimmer, während sie duschte – ich wollte frische Handtücher auflegen – und bekam nasse Füße. Die Wombi hatte die Duschtüre einen Spalt offengelassen, das Smartphone, angelehnt an den Zahnputzbecher, auf einem Hocker davor platziert und den Ton auf volle Lautstärke gedreht, um auch während des Waschens nichts von der Serie, deren Namen ich noch nie gehört hatte, zu verpassen. "Es war gerade so spannend", sagte sie hinterher, und ein bisschen später sagte sie, dass es überhaupt ein Wahnsinn wäre, dass ich ihre Privatsphäre nicht respektiere und einfach unerlaubt in ihr Bad platze. Noch ein paar Stunden später stritt sie dem Olaf gegenüber ganz ab, dass sie unter der Dusche Netflix geschaut hätte. "Das stimmt nicht", sagte sie, als er einen Witz darüber machte, den sie nicht witzig fand. Ich beschloss, dass es besser wäre, an dieser Stelle einzulenken und gestand, mir das alles nur ausgedacht zu haben. Das regte sie dann noch mehr auf. Wir würden uns über sie lustig machen, sagte sie. Wir schauten sofort wieder ernst, aber es war zu spät. Die Wombi brach die Kommunikation mit uns ab. 

Ein anderes Mal flog sie mit einer Freundin und deren Eltern nach Griechenland. An Tag zwei rief mich die Wombi an und berichtete, dass dicke Luft sei, dass die Freundin im Zimmer herumhänge und dass sie sich das anders vorgestellt hätte. "Das wird schon wieder", sagte ich, "du hast ja auch manchmal schlechte Laune und weißt nicht wieso." Die Wombi fand, dass ich übertreibe und dass sie sich nicht daran erinnern könnte, jemals schlecht drauf gewesen zu sein, wenn kein triftiger Grund vorgelegen wäre.

Tatsächlich war die Stimmung unter den Wombis anderntags schon wieder bestens. Die andere Wombi-Mutter hatte ihre Tochter nämlich mit der Aussicht auf Shellac-Nägel aus der Schlechte-Laune-Höhle gelockt. Ja, ich muss sagen, sie ist um einiges schlauer als ich.

Nach dem Besuch des griechischen Nagelstudios waren die Wombis überglücklich, und ich bekam mehrere Fotos von ihren glänzenden Fingernägeln. Kaum war die Wombi zurück in Wien, schälte sie sich die falschen Nägel wieder von den Fingern. Diese würden, so ihre Aussage, den Naturnagel schädigen. "Hast du das nicht schon vorher gewusst?", fragte ich. "Doch!", antwortete mir die Wombi. Ich: "Und warum hast du es dir dann draufmachen lassen?" Wombi: "Warum nicht?" Ich: ".....?"

Ja, es war ein sehr, sehr heißer Tag, der Tag, an dem wir dieses Gespräch führten.

An diesem besonders heißen Tag teilte mir die Wombi auch en passant mit, dass ihr die Kontaktlinsen ausgegangen wären (die Wombi sieht sehr schlecht, sie hat fünf Dioptrien und verwendet Monatslinsen). Ich fragte sie, ob sie schon beim Optiker angerufen habe, um neue zu bestellen.

"Nein", antwortete sie, "ich habe mir gedacht, ich nehme zwei von deinen Linsen." Ich: "Wie meinst du das?"

Wombi schnaubend: "Wenn ich deine 3-Dioptrien-Linsen übereinander lege, komme ich ungefähr hin. Ich sehe dann eben auf einem Auge ein bisschen schärfer, aber das geht schon." Der Schweiß stand mir auf der Stirn. Aus Wombis Kopf sah ich in dem Moment eine Stichflamme emporschießen. "Zisch" machte es und ich wusste, sie konnte nichts dafür.

Meine Kontaktlinsen verstecke ich zur Sicherheit trotzdem. Zwar hat es bei uns schon auf 17 Grad abgekühlt, doch wer weiß wieviele glühende Kohlen der Altweibersommer im Gepäck hat....

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