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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: Flugzeug, Palmen und Meer? Nicht mit uns!

Christiane Tauzher in der Bredouille: Die Mücke möchte Urlaub mit Palmen, Meer und Fernseher am Bett machen. Mit dem Flieger. Das ist aber so gar nichts für die Eltern. Die setzen stattdessen auf Entschleunigung und Einfachheit.

Eine Kuh grast auf einer Wiese

Wer braucht schon Palmen?

Getty Images

Die Mücke war neun, als sie begann, sich zu beschweren. Nämlich so: "Mia fährt in den Ferien nach Mauritius. Ich will auch nach Mauritius. Es gehen auch die Malediven oder Südafrika." Oder so: "Ich war noch nie in Amerika. Das ist unfair." Auch so: "Konsti sagt, dass ich ein Stubenhocker bin, weil wir nie wegfahren." Dass der Tag irgendwann kommen würde, an dem die Reiselust, die bis auf mich alle in der Familie in den Genen haben, ausbrechen würde, hatte ich schon befürchtet. Aber doch nicht so früh. Mir war als Reisealter achtzehn oder noch besser zwanzig vorgeschwebt. Auf jeden Fall jenseits von zehn, damit ich nicht gezwungen wäre, mitzufahren. Die Hoffnung, dass sich das "Ich muss weg"-Gen überhaupt erst bei den Urenkelkindern entfalten und die Mücke überspringen würde, erfüllte sich nicht. Der Mini war zu dieser Zeit noch nicht geboren. Es gab also keinen Grund für die Mücke, nicht die Welt erkunden zu wollen. Etwas anderes sehen, je weiter weg desto besser. Am liebsten in ein Luxushotel direkt am türkisblauen Wasser.

"So ein Urlaub ist sehr, sehr teuer", sagte ich.

Darauf die Mücke: "Mia sagt, dass Ferien ohne Meer gar keine echten Ferien sind und dass man dann gleich zu Hause bleiben kann." Ich meinte, dass das die beste Idee von der Mia sei und dass es nirgends schöner wäre als zu Hause. Man bräuchte nicht tagelang einen Koffer einpacken, ständig in Sorge, etwas Wichtiges zu vergessen. Man müsste nicht in einem fremden Bett schlafen und in einem Bettzeug, das womöglich nach Essig riecht. Man bekäme kein Essen, das man nicht kenne und müsste nicht aus Angst, das Zimmermädchen würde den Hotelsafe knacken, alle Wertgegenstände ständig in einer Brusttasche mit sich herumtragen. Die Mücke schaute mich mitleidig an: "Der Opi sagt, dass Reisen klüger macht. Ich will klüger werden." Was für ein Argument, in dem mich mein eigener Vater als Dummkopf bloßstellte.

Vor dem Urlaub muss man sparen

Als ich ein Kind war, ging es ihm wohl ähnlich wie mir. Nur unter anderen Vorzeichen. Damals wollte er weit weg und ich wollte immer daheimbleiben, musste aber mit. Ich revanchierte mich mit mieser Laune und schaue auf jedem Foto aus Amerika, Afrika oder Argentinien drein, als hätte ich Bauchweh.

Die Mücke war in Fahrt und sagte noch etwas, was sie vom Opi gehört hatte: "Bevor man verreist, muss man sparen. In sechs Monaten sind schon die Sommerferien und diesmal will ich bitte weiter weg als an den Wolfgangsee. Irgendwohin, wo ich vom Bett aus fernsehen und auf das Meer schauen kann."

In den Augen der Mücke war nur ein teurer Urlaub mit Palmen und Flugzeug ein schöner Urlaub. Alles andere fiel unter Stubenhockerei.

"Ich werde dir beweisen", sagte ich, "dass tolle Ferien keine Frage des Geldes sind." Die Mücke rümpfte die Nase, sah sie doch ihren Aufenthalt in Florida, wo sie sich bereits mit dem Oliver aus der Schule zum Rollschuhfahren verabredet hatte, davonschwimmen. Dem Olaf war das ausnahmsweise auch nicht recht und er schlug sich auf meine Seite, was wirklich selten vorkam. Dazu muss man wissen, dass er nicht zum Typ "Florida" zählt, sondern eher in die Kategorie "Schotterteich" fällt. Dass ich ihn geheiratet habe, liegt auch ein bisschen daran, dass er, genau wie ich, unter Fernangst leidet. Aber das weiß niemand. Als wir uns ineinander verliebten, sprang er über seinen Schatten und lud mich nach Paris ein. Ich sprang über meinen Schatten und flog mit. Was waren wir froh, als wir drei Tage später wieder in unserer kleinen Wohnung auf meiner Rattan-Couch saßen. Damit war das Reisen für uns abgehakt. Den Gedanken, dass unsere Tochter ganz anders sein könnte, hatten wir immer weit weggeschoben.

"Lass dich überraschen"

"Und habt ihr gespart?", wollte die Mücke wenige Wochen vor Schulschluss wissen. Ich sagte ihr, dass sie sich überraschen lassen sollte und säte damit falsche Hoffnungen.
Als der Tag der Abreise da war und ich das Auto mit Koffern und Fahrrädern belud, dämmerte es der Mücke, dass es nichts mit den Malediven werden würde. Wieder nur Österreich. Im Auto verkündete der Olaf feierlich: "Wir fahren nach Moosburg in Kärnten." Sofort setzte sich die Mücke ihre Kopfhörer auf und behandelte uns wie Luft. Nach dreistündiger Autofahrt hielt der Olaf den Wagen vor einem rustikalen Bauernhaus mit rosa Blumen im Vorgarten.

"Was tun wir hier?", fragte die Mücke.

"Wir sind da", sagte der Olaf.

Mücke: "Wo da?"

Olaf: "in unserem Quartier für die nächsten sieben Tage."

Ungläubig stieg die Mücke aus und sah sich die Pension aus der Nähe an. Mit ausgebreiteten Armen trat eine pausbäckige Frau aus der Türe und hieß uns willkommen. Sauber und ordentlich war das Zimmer, das sie uns zuwies. Mit Fernseher und Kühlschrank. Aber weit entfernt von Luxus. Am Zimmerschlüssel, den sie dem Olaf übergab, baumelte ein faustgroßer Anhänger aus Holz, in den die Ziffer 3 eingestanzt war. Keine Zimmerkarte, kein Hightech. Zurück zum Ursprung.

Die Mücke musste sich erst einmal von dem Schock erholen, dass es noch viel schlimmer war, als sie befürchtet hatte. Auf ihrem Bettzeug prangte eine Diddl-Maus, was zum Schlimmsten überhaupt gehört, wie sie uns beteuerte. Aber das änderte nichts daran, dass ich mit dem Olaf beschlossen hatte, ihr zu zeigen, dass unvergessliche Ferien nicht von der Unterkunft abhingen. Anfangs war die Mücke unwillig, maulte über den unspektakulären Ausblick in den Garten und das einfache Frühstück – das verbesserte sich an Tag zwei, als ich ein großes Glas Nutella kaufte. Frau Maria kochte uns weiche Eier und das Brot backte sie selbst.

Zusammen sein, Zeit haben

Und dann wurde es richtig großartig. Auf dem Programm stand Wandern, Picknicken, Klettern, Radfahren, Nachtschwimmen, Kinogehen, Vogelsträuße füttern, Schmetterlinge beobachten, Steine in den See werfen, einen Damm bauen, Singen, Uno-spielen, Mensch-ärgere-dich nicht-spielen, Schwarzer-Peter-spielen, Lachen, viel Eis essen, Zusammensein, Zeit haben. Wir drehten kein einziges Mal den Fernsehapparat auf, über dessen mickrige Größe sich die Mücke am ersten Tag beschwert hatte.

Als die Woche um war, zählte ich alle Rechnungen zusammen und kam auf denselben Betrag, den ein Flug auf die Malediven gekostet hätte.

"Das ist arg", sagte die Mücke und staunte.

"Ist dir etwas abgegangen?", fragte der Olaf. Nein. Die Mücke gab sogar zu, dass sie den einfachen Urlaub in der Pension Maria besser als alle Urlaube davor gefunden habe.

Es war supercool

Zurück zu Hause hörte ich, wie sie mit einer Freundin telefonierte: "Wir waren in Moosburg. Es war supercool. Ich will nächstes Jahr wieder hin." Die Freundin, die mit einem dreiwöchigen Mauritius-Urlaub in der Schule geprahlt hatte, was die Mücke vor Neid fast hatte platzen lassen – genau diese Freundin erzählte ihr jetzt am Telefon, dass sie die meiste Zeit im Kinderclub des Hotels verbracht habe, weil ihre Eltern Ruhe und Zeit für sich gebraucht hätten. "Es war ziemlich fad", gestand sie, "und die Wellen waren so hoch, dass ich nie schwimmen gehen durfte."

Der Mücke wurde in diesem Moment klar, dass nicht das Wo, sondern das Wie und das Wer zählen. Noch Jahre später fand sie, dass dieser einfache Urlaub in Kärnten der allerschönste war.

Nach Mauritius, auf die Malediven und nach Südafrika will sie natürlich trotzdem noch. Aber nicht mehr so dringend.

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