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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Als die Teenagerin einmal (fast) entführt wurde

Ihre Tochter ans Telefon zu bekommen, ist für Christiane Tauzher ein seltenes Vergnügen geworden. Als die Teenagerin einmal von sich aus anruft, ist sie völlig außer sich. Was ist passiert?

Teenagerin weint am Telefon

Die Definition von "Katastrophe" gehen zwischen Pubertierenden und Erwachsenen bisweilen auseinander

Getty Images

Seit die Wombi 300 Kilometer entfernt von uns einkaserniert ist, hat sie ihre Familie zumindest unter der Woche vergessen. Wann immer ich sie anrufe, ist es gerade ungünstig. Entweder muss sie lernen, sich vorbereiten, sich umziehen, etwas wegräumen, mit jemandem etwas Wichtiges besprechen, schlafen gehen, aufstehen, sich die Haare waschen, sich schminken oder sich abschminken. Anstatt das Telefon läuten zu lassen, hebt sie mit einem langgezogenen "Jaaaaaa?" ab, um mir im nächsten Atemzug mitzuteilen, dass sie später zurückrufen werde. Später findet meistens nicht statt.

Wenn sie von sich aus Kontakt mit uns aufnimmt, ist irgendwas. Letzte Woche war was.

Ich saß gerade am Computer, als mich eine unbekannte Nummer anrief. Am anderen Ende war die Wombi. Schluchzend. Außer sich. Komplett von der Rolle. Tausend schreckliche Dinge schossen mir in diesen Sekunden durch den Kopf. Dazu muss man wissen: Die Wombi ist nicht nah am Wasser gebaut - sie hat nicht eine einzige Träne vergossen, als Leonardo DiCaprio in "Titanic" blaugefroren im Wasser treibend die Hand seiner großen Liebe Rose losließ und begleitet von schwermütiger Musik in den schwarzen Fluten versank. Ich, die den Film zehn Mal gesehen hat, war jedes Mal ganz ausgetrocknet vom vielen Weinen. Ja, die Wombi ist ein harter Knochen. Viel härter als wir alle in der Familie. Ihr Urgroßvater war ein echter Ritter und vermutlich hat sie das "Mich kann nichts erschüttern, ihr Memmen"-Genmaterial von ihm geerbt.

"Was ist passiert?", fragte ich mit zittriger Stimme. Ich sprach langsam, um den Anruf möglichst lang zu halten – vielleicht war die Wombi entführt worden, ihr Kidnapper stand neben ihr, hielt ihr ein Messer an den Hals. Jetzt nur nichts Falsches sagen. Die Wombi schluchzte weiter, dazwischen sagte sie "nein!" und noch einmal "nein!" Ich spürte, wie mein Mund trocken wurde, wie sich mein Mutterherz in Panik verkrampfte. Das Adrenalin schoss in jeden Winkel meines Körpers. "Wo bist du?", krächzte ich.

"Am Bahnhof", stieß die Wombi hervor. Oh, Gott, der Entführer karrte sie gerade außer Landes. Mir wurde übel. "Kannst du sprechen?", fragte ich, "bitte sag mir, was los ist?" Die Tränen stauten sich hinter meinen Augen. Ich versuchte sie hinunterzuschlucken.

"Ich...", setzte die Wombi an zu antworten. Ein Weinkrampf schwemmte das Ende des Satzes hinweg. "Bist du allein?", versuchte ich es mit einer neuen Frage. Die Antwort war "Nein, die Lila ist bei mir." Mein Gehirn war so angespannt, dass ich ein paar Hundertstel Sekunden brauchte, um den Namen Lila einzuordnen. Lila war das Mädchen, mit dem sich die Wombi im Internat das Zimmer teilte. Zwei Mädchen am helllichten Tag entführt? Ich sollte Lilas Eltern anrufen. Nein, zuerst die Polizei und den Olaf. Nein, vorher den Olaf. Meine Hände waren schweißnass.

"Ich habe das Handy im Zug noch gehabt", schluchzte jetzt die Wombi, "und dann habe ich es in meine Tasche gegeben, oder zumindest habe ich das geglaubt, aber es ist daneben gerutscht, und jetzt bin ich ausgestiegen, und der Zug ist abgefahren, und das Handy liegt drin, und ich steh mit der Lila am Bahnhof, und ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll." Meine Schultern sackten herunter, das Adrenalin hörte auf zu strömen. Ich fühlte mich, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. "Du hast dein Handy im Zug vergessen?", fragte ich nach, um sicher zu gehen, den Part mit der Entführung nicht überhört zu haben.

"Ich muss jetzt auflegen!"

"Ja, Mami. Mein Handy! Es ist weg", schrie die Wombi jetzt in höchster Verzweiflung. "Ich muss jetzt auflegen und den Papi anrufen. Er muss das Handy orten." Und schon war sie aus der Leitung. Ich starrte das Telefon in meiner Hand an und sackte auf die Couch.

Die Wombi war nicht entführt worden. Es war viel schlimmer. Ihr Handy, das sie erst vor ein paar Wochen zum Geburtstag bekommen hatte, fuhr mit dem Zug in Richtung Freilassing.

Der Olaf, der von der weinenden Wombi aus einem Meeting geholt worden war, verfolgte das Handy virtuell. Als es in Freilassing angekommen war, rief er es an. Und – es hob jemand ab. Nicht irgendjemand, der sich freute, ein nagelneues I-Phone vom Schicksal zugespielt bekommen zu haben. Nein, ein Polizist meldete sich. Ein Freund und Helfer hatte das Handy der Wombi gefunden, und er deponierte es auf der nächsten Wache. Die Chance, dass ein Polizist ein herrenloses Handy findet, ist ungefähr so hoch wie ein Lottogewinn.

Abends – die Wombi hatte ihr Handy aus Freilassing abgeholt – meldete sie sich kleinlaut. "Ich habe euch sehr, sehr lieb", flötete sie in unsere Ohren, "ich bin so froh, dass alles gut ausgegangen ist." Es klang so dramatisch, als wäre das Handy nur knapp einer Entführung entronnen. Um auf die Menge der Tränen zu kommen, die die Wombi wegen ihres verloren geglaubten Smartphones vergossen hatte, muss ich mir "Titanic" mindestens noch fünf Mal anschauen.

Der Tag, an dem die Wombi nicht entführt wurde und ihr Handy zurückbekam, wird zum Feiertag ausgerufen.

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