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C. Tauzher: Die Pubertäterin: "Mamilein" hier, "Mamilein" da: Warum ist die Teenagerin so verstörend freundlich?

Die Teenagerin verhält sich seltsam: kein Augenrollen, kein hysterisches Geschrei. Sie ist sogar nett zu ihrem kleinen Bruder. Christiane Tauzer ist verblüfft über die Freundlichkeit ihrer pubertierenden Tochter. Die Ursache hat einen Namen: Caro.

Teenagerin küsst Mutter auf die Wange

Die Teenagerin ist plötzlich von einer verstörenden Freundlichkeit

Getty Images

"Nein, Puppi, lass bitte meinen Fön. Schau, da tust du dir nur weh. Komm, gib deiner großen Schwester einen Kuss." Ich erstarrte in der Bewegung und stand mit dem vollen Wäschekorb im Flur, reckte den Kopf in Richtung Stiegenaufgang, um besser hören zu können, was oben vor sich ging. Seit wann nannte die Teenagerin ihren Bruder Puppi? Wieso schrie sie nicht hysterisch, wie mindestens drei Mal an einem normalen Tag, wenn er in die Nähe des heiligen Föns kam. Was war passiert?

Caro war zu Besuch.

Caro ist eine entzückende Schulkollegin der Wombi. Höflich, bescheiden, lustig und klug. Eine Freundin, wie man sie sich für seine Tochter nur wünschen kann. Caro durfte also bei der Wombi übernachten – nach achtwöchiger Isolation fanden der Olaf und ich, dass es an der Zeit wäre, dem armen vereinsamten Kind seinen Freiraum wieder zurückzugeben. Es war ein feierlicher Moment, als Caro als erster familienfremder Mensch an einem Donnerstag im Mai unsere Schwelle überschritt. Die Wombi hatte vor lauter Vorfreude ihr Zimmer aufgeräumt und gesaugt, sie hatte die Sofakissen neu aufgeschüttelt, damit Caro abends, wenn GNTM lief, bequem und weich saß.

Egal, was ich sagte oder bat, die Wombi antworte "Mach ich gleich, Mamilein", oder "Danke, dass du mich daran erinnerst." Es war gespenstisch. Wo war sie hin, die aufbrausende, trotzige, unberechenbare Wombi?

Ich begab mich trickreich auf die Suche. Dazu klopfte ich an die Zimmertür der Wombi und trat mit einer Bitte ein: "Könntest Du dich eine Zeit lang mit deinem Bruder beschäftigen? Ich muss arbeiten." Ich hätte auch fragen können, ob sie Lust hätte Unkraut zu jäten – die Antwort wäre genauso begeistert ausgefallen. Bruder und Unkraut rangieren in derselben Kategorie. Ich wappnete mich innerlich für die Abfuhr der Wombi, die mit kleinen Abweichungen so ausfällt: "Pffffffffffffff, alles nur das nicht. Ich entspanne mich gerade. Kannst du ihm nicht den Fernseher aufdrehen?"

Mir blieb fast das Herz stehen, als Worte aus dem Mund meiner Tochter kamen, die der Wombi nie passiert wären: "Natürlich, Mamilein", sagte sie, " kein Problem. Schick ihn rein."  Caro lächelte mich freundlich an, und Puppi marschierte in das Mädchenzimmer. Mamilein hängte in der freigewordenen Zeit die Wäsche auf. Ich überlegte mir, wie ich an Caros Zauberkräfte kommen konnte. Anstatt die harmonische Atmosphäre zu genießen, war ich misstrauisch und wollte Antworten – wohl eine Berufskrankheit.

Sie will sogar die Hunde füttern

Klopf, klopf. "Entschuldige", ich trat schon wieder ins Zimmer, Wombis kleiner Bruder jauchzte und sprang auf dem Bett (etwas, was unter normalen Umständen strengstens von der Wombi verboten wird), "ich wollte nur fragen, ob du den Hunden zu fressen gegeben hast?" Die Wombi schlug sich die Hand vor den Mund: "Au weh, das hab ich ganz vergessen. Tut mir leid, Mamilein, ich mach es gleich. Bist du mit deiner Arbeit schon fertig oder sollen wir weiter babysitten?" Reaktion auf die Hundefrage an jedem anderen Tag bisher: Augenverdrehen, Seufzen – "warum muss eigentlich ich das immer machen? Das Hundefutter riecht total eklig. Da wird mir schlecht." Darauf folgt dann eine Grundsatzdiskussion darüber, dass jeder in der Familie seine Aufgaben habe, bla bla bla.

Ohhhhhhh, jetzt bekam ich eine Gänsehaut, die Situation jagte mir Angst ein. Die Wombi hatte sich entschuldigt.

Es ging noch Stunden in dieser Tonart weiter. "Gerne", "Dankeschön", "Das mach' ich gleich!", "Tut mir leid, das war nicht mit Absicht." Dazwischen: "Hab dich lieb!", "Ist die Bluse neu? Die steht dir gut.", "Soll ich etwas kochen?"

Als die Wombi vor dem Schlafengehen dem Hund frisches Wasser in seine Schüssel füllte, als sie unaufgefordert das Licht im Badezimmer abdrehte, ihr nasses Handtuch über der dafür vorgesehenen Stange ablegte, ihr Gewand auf einen Haken hängte anstatt es auf dem Boden zu sammeln, gebrauchte Wattepads in den Mülleimer warf und dem Puppi eine Gute-Nacht-Geschichte vorlas, wurde auch der Olaf stutzig. Mit welchen Methoden arbeitete Caro? Wir mussten hinter ihr Geheimnis kommen.

Doch die Zeit war zu kurz. Am nächsten Tag verließ uns Caro früh, da ihr Vater Geburtstag feierte. Wir winkten ihr traurig nach. "Wir hoffen, du besuchst uns bald wieder", sagte ich mit Nachdruck. Sie versprach es.

Die Wombi stand lächelnd in der Tür, bis Caro um die Ecke gebogen war. Dann verkrümelte sie sich in ihr Zimmer und schlief ein paar Stunden nach.

Sie wirkte erschöpft. Puppi hier und Mamilein da hatte sie angestrengt. Als sie sich am späteren Nachmittag zu uns gesellte, sah sie aus kleinen verschlafenen Augen an uns vorbei. "Alles okay?", fragte ich. "Ich bin nur müde", antwortete sie, "und bitte fang jetzt nicht wieder mit dem stinkenden Hundefutter an. Nein, ich habe die Hunde nicht gefüttert und hab es auch nicht vor."  Wombi was back. Irgendwie war ich erleichtert.

Irgendwie wünsche ich mir aber auch, dass Caro sehr, sehr bald wiederkomme. Gerne auch ein paar Tage am Stück.

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