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Unterrichtsbeginn in Hamburg Anouk, 13, erzählt von ihrem ersten Schultag nach drei Monaten Corona-Homeoffice

Anouk
Anouk, 13 Jahre, Schülerin der 7. Klasse eines Hamburger Gymnasiums
© Privat / stern
Mehr als zehn Wochen lang konnte die 13-jährige Anouk wegen der Corona-Kontaktsperre keine Freunde treffen. Jetzt hat der Unterricht ihrer 7. Klasse eines Hamburger Gymnasiums wieder angefangen – und so war ihr erster Schultag.

Hallo Anouk, wie war's heute?

Als ich heute morgen mit dem Rad ankam, waren schon fünf Mädchen aus meiner Klasse da. Alle schön mit Abstand zwischen den Fahrradständern postiert.

Wie habt ihr euch begrüßt?

Großes Gewinke, großes Hallo. Alles mit Abstand.

Niemand losgestürmt?

Nein. Alles vernünftige Mädchen. Clara ist ein Mal auf den Hacken ihrer Turnschuhe im Kreis gewirbelt und hat mir ganz wild zugewinkt. Natürlich wollte ich alle am liebsten umarmen. Aber das geht ja nicht.

Hatte irgend jemand eine Maske auf?

Ich habe meine aufgesetzt, nachdem ich mein Fahrrad abgestellt hatte. Die mit den Zebras drauf. Die ist cool. Im Klassenzimmer auf meinem Platz habe ich sie dann abgesetzt.

Wie war das, die Maske auf dem Schulhof aufzusetzen?

Ich dachte: "Hilfe, ich bin der einzige Mensch des Universums mit Maske!" Sonst hatte niemand in der ganzen Schule eine auf. Außer Clara. Gibt auch viele, die sich kein bisschen um die Anti-Corona-Regeln kümmern.

Wie war das Klassenzimmer hergerichtet?

Die Tische waren mit Abstand aufgestellt. Jeder hatte einen eigenen.

Wie war Eure Klassenlehrerin?

Ihr sind all die Vorschriften schon wichtig. Sie sagt, wir könnten Masken tragen, müssten es aber nicht. Am wichtigsten sei ihr, dass wir den Abstand einhalten. Da möchte sie sich auf uns verlassen können. 

War sie gestresst?

Nein. Ganz entspannt. Sie hält einfach Abstand.

Hattet ihr richtigen Unterricht heute?

Es war eher ein freudiges Wiedersehen. Und ein bisschen Wiederholung. Nur in Mathe haben wir Neues gemacht. Geometrie. Nicht so meine Spezialität. Die Lehrer waren insgesamt sehr zufrieden mit unserem Homeoffice. Sie haben uns gelobt.

Wie war die Stimmung in der Klasse?

Es war einfach sehr schön, endlich alle wiederzusehen. Aber wir waren auch alle sehr müde. Kein Mensch ist in den letzten Wochen um halb sieben morgens aufgestanden. In den ersten Stunden waren wir alle noch im Halbschlaf. Mit jeder Stunde wurden wir aufgekratzter. Und irgendwann waren wir dann doppelt so verrückt wie sonst. Die armen Lehrer.

Zwölf verrückte Mädchen und zwei Jungs. Wie waren die so?

Die waren auch ganz gut drauf da hinten in ihrer letzten Reihe. Hab nicht so viel von denen mitbekommen.

Sind die okay?

Klar. Macho-Gangster halt. Einmal mussten wir alle sehr lachen. Weil Stanleys Schuh gequietscht hat.

War es ein besonderer Schultag heute?

Unterricht war ganz normal. Aber die Sitzordnung war schon sehr steif. Jeder an seinem eigenen Tisch. Mit diesem Abstand konnte man viel weniger Quatsch machen als sonst. Haben wir natürlich trotzdem versucht. Wir hatten unsere üblichen Lach-Flashs. Wie immer ohne genau zu wissen, warum eigentlich.

Wie war die Pause?

Jede Klasse hatte einen festen Platz. Aber unsere Lehrerin hatte ihren Plan vergessen. Wir haben dann aber eine Ecke gefunden, wo genug Platz für uns war. Da haben wir uns auf eine Tischtennisplatte gesetzt und geredet.

Worüber?

Über die Ferien.

Was für Ferien?

Na, die März-Ferien und die kommenden Sommerferien. Dann habe ich noch Leonie aus der Parallelklasse gesehen. Das war schön. Sie hat mir gesagt, sie mache sich nichts aus Abstand. Da habe ich ihr gesagt: "Ich mir aber schon!", und bin einen Meter zurückgewichen. Fand sie okay.

Hattest du das Gefühl, ihr habt euch in all den Wochen verändert?

Nicht sehr. Ich glaube, es ist eigentlich alles wie früher. Leider bin ich nicht die Einzige, die in den 13 Wochen gewachsen ist.

Wie würdest Du den heutigen Tag zusammenfassen?

Es war eine schöne Ausnahme. Leider kann ich ja erst in einer Woche wieder in die Schule. Es war wie wenn man Süßigkeiten-Fasten macht und dann doch mal ein Stückchen Schoko essen darf.

Bist du traurig, dass noch nicht alles wieder ganz normal ist?

Ich weiß ja, dass es so sein muss, weil es eben nicht anders geht.

Wie war die Corona-Zeit für dich?

Es war eine einsame Zeit. Und es gab Tage, da war mir übertrieben langweilig. Da habe ich meine Klasse einfach sehr vermisst. Aber man hat auch viel neue Erfahrungen gemacht.

Welche?

Wie es ist, immer alleine zu sein. Immer zuhause zu sein. Und ich glaube, ich werde nie wieder eine Türklinke anfassen können, ohne sofort zu denken: "Oh Gott, ich muss mir die Hände waschen!"

Was war das Schönste heute?

Endlich alle wiederzusehen.

Und das Schlimmste?

Ich war in der Corona-Zeit ja krass sauer auf eine meiner Klassenkameradinnen. So ein blödes Eifersuchtsding unter drei Freundinnen. Also hatte ich mir fest vorgenommen, sie heute keines Blickes zu würdigen. Aber dann musste ich feststellen, dass man auf diese Person einfach nicht sauer sein kann. Sie ist einfach viel zu lustig. Mit ihr habe ich heute am meisten gelacht.

Also eigentlich einer der besten Momente des Tages.

Klar. Wirklich schlimm war, dass ich keine meiner Freundinnen umarmen konnte.

Macht ihr das oft sonst?

Alle zwei Sekunden.

Aber ihr hebt euch nicht mehr gegenseitig hoch?

Das haben wir uns abgewöhnt. Aber unsere Klassenlehrerin hat gesagt, sie habe Sechstklässler gesehen, die sich gegenseitig die Treppe hochgetragen haben.

Trotz Abstandsregeln?

Deswegen hat sie uns gesagt, wie sollen uns nicht auf dem Boden herumwälzen und gegenseitig abknutschen. Sie müsse sich auf uns verlassen können.


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