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Ein Erziehungstipp und seine Geschichte: Früher aufstehen statt nackt losfahren

Eine kurze Meldung im "Weser Kurier" lockt womöglich den ein oder anderen Leser auf eine falsche Fährte. stern.de hat deshalb nachgefragt. Eine Ermittlung nach einem Wutanfall in der Redaktion.

Von Susanne Baller

Morgens ist immer Stress. Das fängt schon mit dem eigenen Aufstehen an: Schlummertaste, umdrehen, Schlummertaste, umdrehen. Für Eltern kleiner Kinder klingt dieses Ritual allerdings schon nach Luxus, ihr Wecker kommt meist auf zwei Beinen oder brüllt aus dem Kinderzimmer, wenn er nicht ohnehin mit im eigenen Bett übernachtet hat. Schlummertaste Fehlanzeige. Übernächtigt und oft unter Zeitdruck gestaltet sich der weitere Morgen. Statt Kaffee oder Tee muss erstmal eine warme Milch bereitet und eine Windel gewechselt werden. Manchmal ist Letzteres schon anstrengend, weil liebevolle Ausdauer, Gehirn und Humor noch schlafen.

Für einen ganz besonders schlechten Morgen wurde am 20. Februar im "Weser Kurier" ein Erziehungstipp veröffentlicht, der auf einem Kurzinterview mit Ulrich Gerth, Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, basiert. Geführt hat das Interview die DPA. Laut "Weser Kurrier" rät der Diplom-Psychologe, dass man "statt das Kind mit Gewalt anzuziehen" es besser im Schlafanzug ins Auto setzen und die Erzieher im Kindergarten um das Ankleiden bitten solle.

Wie bitte? Das Problem soll also weitergereicht werden? Ich gebe zu, ich habe den kurzen Text eher überflogen, denn ich war sofort auf 180. Natürlich, das ist also der Grund, dachte ich, warum sich später die Lehrer beschweren, dass die Kinder machen, was sie wollen! Den Eltern wird geraten, die heiklen Themen andere ausfechten zu lassen. Und dann gilt dieser super Tipp auch noch ausschließlich für extrem privilegierte Eltern, denn zur Umsetzung müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

1.

Du musst ein Auto haben.

2.

Es sollte nicht allzu kalt sein, sonst gefriert dein Kind auch trotz Auto.

3.

Es dürfen nicht alle Eltern an diesem Tag mit einem nackten Kind im Kindergarten auftauchen, weil ihnen außer Gewalt keine Lösung eingefallen ist, sonst drehen die Erzieher durch.

Falsch verstanden

Also gilt dieser Ratschlag nur im Sommer, nur für Eltern mit Auto, nur, wenn die Erzieher einverstanden sind? Und was machen radfahrende Eltern im Winter? Wenden sie den Rat auf ihre Situation an, könnte ihnen passieren, was 2008 einer Münchner Mutter geschah und noch bei "Sueddeutsche.de" nachzulesen ist: Die Frau fuhr nämlich Ende September bei unangenehm kaltem Wind mit ihrem nackten, "erbärmlich frierenden" Kind hinten im Fahrradsitz und wurde von der Polizei angehalten. Das anderthalbjährige Mädchen hatte blau angelaufene Mundwinkel und eine Rotzspur bis unter den Mund, aber "das Recht auf eine eigene Persönlichkeit", wie die Mutter den Polizisten ihre Interpretation moderner Pädagogik erklärte. Die 32-jährige Rechtsanwältin aus Schwabing kam dafür vor Gericht.

Nachgefragt

Was ist also tatsächlich gemeint? Ulrich Gerth erzählt mir, dass die Ausgangsfrage der DPA einen etwas anderen Dreh hatte. Sie lautete: "Kann man das mal machen, wenn der Zeitdruck groß ist und das Kind tobt, dass man es einfach im Schlafanzug ins Auto setzt?" Und diese Frage, so Gerth, habe er bejaht. '"Focus.de' hat das besser wiedergegeben", sagt er. Denn sein Tipp lautete nicht: Wenn das Kind tobt, zieht es eben der Erzieher an. "Das kann natürlich kein Dauerzustand sein", sagt Gerth. "Aber das kann man im Notfall mal machen." Und wenn es Winter ist oder man kein Auto hat? "Dann kann man dem Kind vorschlagen, dass es den Schlafanzug anlassen darf und seine andere Kleidung drüberzieht", sagt der Psychologe.

Der ursprüngliche Tipp

Damit es nicht dauernd zum Machtkampf kommt, sagt Gerth, sollten sich Eltern die Morgensituation ansehen. Das Kind hat einen eigenen Rhythmus und braucht Zeit für sich. Es funktioniere nicht, zu sagen, dass man selbst es eilig habe und das Kind sich deshalb beeilen müsse "und wenn es klüngelt, muss es sich noch mehr beeilen. Das Kind braucht genug Spielraum. Wenn die Zeit nie reicht, muss man etwas früher aufstehen", lautet sein Rat.

Klar, früher aufstehen. So einfach ist das.

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