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Reportage

Kinderuni: Hier beschäftigen sich Kinder mit Fragen, an denen die meisten Erwachsenen scheitern

Wie lebten Piraten wirklich? Und was sind eigentlich Schwarze Löcher? An der Kinderuni widmen sich Schüler Themen aus der Wissenschaft. Das ist eine Herausforderung für Kinder und Professoren.

Kinder bei einer Vorlesung der Kinderuni in Hamburg

Bei der Kinderuni dürfen Schüler zwischen acht und zwölf Jahren mal ins Studentenleben hineinschnuppern

Dort, wo es um Jura, Wirtschaftswissenschaften, Medizin und andere Dinge, die die Welt im Innersten zusammenhalten, geht, spielen die Studenten Fangen. Lärm inklusive. Im Foyer vor dem Audimax der Universität Hamburg ist einiges los. Was daran liegt, dass es sich nicht um angehende Anwälte oder Ärzte handelt – jedenfalls noch nicht so bald. Und die meisten von ihnen sind auch freiwillig zur Vorlesung gekommen. Die Hamburger Kinderuni hat wieder eingeladen.

An jedem Montag im Wintersemester geht es um ein Thema aus der Welt der Wissenschaft, kindgerecht aufbereitet. Dann kommen Schüler im Alter zwischen acht und zwölf Jahren an die große Uni und widmen sich noch größeren Fragen. Wie funktioniert das Herz? Was ist Gerechtigkeit? Wie erforscht man Schwarze Löcher, wenn man sie doch nicht sehen kann? Jeder Vater und jede Mutter kennt diese Fragen von Kindern, bei denen die eigene Bildung gnadenlos dahinbröckelt. Hier versuchen Kinder Antworten zu finden auf Fragen, an denen die meisten Erwachsenen scheitern.

"Das mit dem Herzen" hat Cedric, sieben Jahre alt, bisher am besten gefallen, "aber heute wird es bestimmt auch ganz spannend", meint er, während er in der Schlange vor dem Eingang darauf wartet, einen Stempel in seinen Studierendenausweis zu bekommen. Ja, Vorlesungsscheine gibt es an der Kinderuni auch, und sie sind ähnlich begehrt wie bei den echten Studenten – nur dass man sie auch ohne Prüfung bekommt. Cedric hat in diesem Semester noch keine Vorlesung verpasst.

Kinder warten vor der Kinderuni

Großer Andrang: Die jungen Studenten holen sich ihren Anwesenheitsnachweis ab

Eine Herausforderung für Kinder und Professoren

"Wie lebten die Piraten in der Karibik?", lautet das Thema heute. Claudia Schnurmann kennt sich aus damit. Seit 15 Jahren ist sie Professorin für nordamerikanische, karibische und atlantische Geschichte der Neuzeit, normalerweise veröffentlicht sie Fachartikel mit Titeln wie "Hamburg in der Perzeption heimwehkranker Migranten des frühen 19. Jahrhunderts". Heute steht sie vor etwa tausend Kindern im nahezu vollbesetzten Audimax und möchte ihnen erklären, wie das denn nun wirklich war mit den Piraten. Für die Wissenschaftler ist die Kinderuni fast eine noch größere Herausforderung als für ihre jungen Studenten: Sie müssen hochkomplexe Inhalte nicht nur kindgerecht verständlich machen, sondern auch ständig um die Aufmerksamkeit der Kinder kämpfen. 30 Minuten dauert der Vortrag, danach gibt es eine Viertelstunde Zeit für Fragen. "Natürlich habe ich mich anders als sonst vorbereitet", erklärt die Historikerin. "Für Kinder kann ich nicht 20 oder 30 Minuten lang nur reden." 

Deshalb hat sie Unterstützung mitgebracht – einen echten Piraten, mit schwarzem Umhang, Augenklappe, Pistole, Säbel und natürlich einem Papageien auf der Schulter. Schnurmanns Mitarbeiter Philipp Wendler hat sich in Schale geworfen. "Er war sofort begeistert. Oder hat wenigstens so getan", berichtet Schnurmann. "Philipp der Furchtbare", Schrecken der Weltmeere, erzählt Schauergeschichten aus einer längst vergangenen Zeit, und wenn er seinen Kampfschrei loslässt, zucken die Kinder in den Reihen zusammen. Der Pirat verkörpert das Klischee, das die Nachwuchsstudenten aus "Fluch der Karibik" oder "Pippi Langstrumpf" kennen: "Ein lustiges Leben als Pirat, wenn auch ein kurzes, ist besser als ein langes Leben als Bauer", lautet sein Motto.

Professorin Claudia Schnurmann und ein Pirat bei einer Vorlesung der Kinderuni

Die Professorin und der Pirat: Claudia Schnurmann (r.) und "Philipp der Furchtbare" versuchen den Kindern die Welt der Seeräuber näherzubringen

Wissenschaft, die begeistert

Die Professorin ist derweil für die wissenschaftlichen Fakten aus dem 17. Jahrhundert zuständig. Behutsam, aber schonungslos räumt sie mit allen romantischen Vorstellungen auf: Piraten litten wegen ihrer falschen Ernährung an Skorbut und hatten deshalb schon mit 30 kaum Zähne im Mund, sie hatten keine Chance auf ein friedliches Leben, um acht Uhr war an Deck Schlafenszeit und die meisten von ihnen konnten noch nicht einmal schwimmen. Mit Jack Sparrow hat das alles nicht viel zu tun. "Piraten wollten nur stehlen, morden und zerstören. Sie waren Verbrecher, Kriminelle, mit schlimmen Zahnschmerzen", fasst Schnurmann zusammen.

Das mag einigen Kindern ihre Illusionen rauben, aber auch für die Erwachsenen im Saal gibt es etwas zu lernen. Wer wusste zum Beispiel, dass die meisten Piraten ihre Augenklappen nicht wegen im Kampf erlittener Verletzungen trugen, sondern weil sie zu oft in die Sonne geguckt hatten?

Professorin Claudia Schnurmann gibt Autogramm

Professoren als Popstars: Nach der Vorlesung muss Historikerin Claudia Schnurmann noch fleißig Autogramme geben

 "Die Kinder haben viel besser zugehört als die erwachsenen Studenten. Die hängen ständig am Handy", stellt Claudia Schnurmann nach ihrem Vortrag fest. "Und die Fragen waren auch phänomenal." Samira, 10, wollte zum Beispiel nicht in den Kopf, warum es gar keine Piratinnen gab. "Die Frauen waren zu klug für so etwas", gibt Schnurmann als Antwort. Am Ende gibt es einen Applaus, wie sie ihn nach einer Vorlesung wohl noch nie erlebt hat. Auch das ist für die Professoren ein ungewohntes, aber schönes Gefühl: die unverhohlene Begeisterung des Publikums. Die kann sogar so groß werden, dass die Veranstalter vorsichtshalber ein Schild mit der Aufschrift "Bitte nicht auf die Bühne springen" angebracht haben.

Zurück im Foyer bildet sich wieder eine lange Schlange – diesmal wollen die Kinder Autogramme von der Dozentin und noch die letzten Fragen beantwortet haben. Philipp und Adrian, beide neun Jahre alt, haben sich auch angestellt, in der Hand ihre Mitschriften vom Vortrag. Dass die Piraten Frauen nicht mochten und viel Rum tranken, hat sich Philipp gemerkt. Auch er hat bereits vier Stempel in seinem Studierendenausweis. Nächste Woche, wenn es um die Schwarzen Löcher geht, freut er sich schon auf den fünften.

Kindergartengruppe singt in Gebärdensprache

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