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Erziehungstrend: Messer, Säge, Lagerfeuer: Wieso Kitas wieder gefährlich werden müssen

Wenn jedes Risiko aus der Kindheit eliminiert wird, werden die Kinder nie erwachsen. Kitas und Schulen sollen wieder gefährlicher werden. Das raten Experten, damit Kinder lebenswichtige Erfahrungen machen können.

Kinder sollen auch mal hämmern - selbst wenn sie sich ab und zu auf den Daumen hauen.

Kinder sollen auch mal hämmern - selbst wenn sie sich ab und zu auf den Daumen hauen.

Getty Images

"Sicherheit zuerst" – das war lange Zeit das Credo in der Kindererziehung. Toben und Rangeln galten in Kitas als Tabu, ebenso gefährliche Gegenstände wie Messer und Scheren. In den USA und in Großbritannien trieb man die Null-Risiko-Erziehung auf die Spitze. Doch mittlerweile findet ein Umdenken statt. In den USA wurde das Buch "Achtung Baby" über die deutschen Erziehungspraktiken zum Bestseller. Es ist geschrieben aus der Sicht der Amerikanerin Sara Zaske, die in Deutschland erstaunt feststellte, wie viel Freiheit man dem Nachwuchs lässt, selbst wenn Freiheit bedeutet, dass die Kleinen auch mal ihre Konflikte unfreundlich austragen. "Lasst die kämpfen", lautet die Forderung von Zaske. Hinter ihren markigen Formulierungen wie Kampf und Chaos steht ein großes unbegrenztes Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder, sich selbst zu organisieren.

Born to be wild

Nun berichtet die "New York Times" darüber, wie die Erzieher in Großbritannien eine riskantere Kindheit zu schätzen lernen. Das ist umso erstaunlicher, als die Horte im Land Ihrer Majestät dafür bekannt waren, jedes Risiko zu eliminieren. Seit einigen Jahren geht es in der Richmond Avenue Grundschule im Südosten Großbritanniens um ein "bringing in risk" – also darum, das "Risiko wieder rein zu holen". 

"Wir haben überlegt, wie wir das Element des Risikos und der Gefahr wieder in den Alltag zurückholen", sagte die Leiterin Leah Morris der "New York Times". "Zuerst hatten wir eine normale Sandgrube, also haben wir überlegt, womit wir die Sandgrube etwas gefährlicher machen können." Jetzt nutzt die Schule Feuer, Messer, Sägen, Stapel von Kisten und alle möglichen Werkzeuge – natürlich unter Aufsicht von Erwachsenen. 

Erziehungsexperten sehen in begrenzten Risiken einen wichtigen Faktor für die Entwicklung von Kindern. Auch ein Kind muss mit Widerstand und Gefahren konfrontiert werden.

In wurde zwar auch versucht, das Risiko möglichst kleinzuhalten. Doch es gab hierzulande stets gegenläufige Bewegungen, wie etwa Abenteuerspielplätze und Wald-Kindergärten zeigen.

Entscheidend für die Veränderung in ist, dass auch Amanda Spielman, die Chefin der mächtigen Schulinspektionsbehörde, diese Entwicklung unterstützt. "Es ist ganz in Ordnung, wenn Kinder mal hinfallen und sich in Dinge stürzen", sagte sie der Zeitung. "Das ist nicht dasselbe, wie einen Zweijährigen ohne Begleitung auf den Rand einer Klippe zu schicken."

Neue Probleme durch Risikovermeidung in der Kita

Das übermäßige Sicherheitsdenken hat zu eigenen Problemen geführt. Gepolsterte und gesicherte Spielplätze führen nicht nur zu sehr hohen Kosten. Die langweiligen Spielgeräte werden von den Kindern verschmäht. Die teuren Plätze bleiben leer. In Großbritannien gab es große Kampagnen, die auf alle denkbare Gefahren auf dem Schulweg hingewiesen hatten. Das Ergebnis: Die Straße und der öffentliche Raum wurden zur Gefahrenzone abgestempelt, die man den Kindern nicht zumuten könne. Heute geht ein Kind allein oder in einer Gruppe Gleichaltriger zur Schule. Selbst ältere Kinder werden zum Schultor gebracht und dort nimmt sie ein Lehrer in Empfang.

Fähig für die Welt der Erwachsenen

Lückenlose Sicherheit führt zur lückenlosen Kontrolle. Heute fragen sich viele Lehrer, wie ein Kind, dass unter Vermeidung von jeder Gefahr groß geworden ist, seinen Weg in der Welt der Erwachsenen machen soll. Mehr Mut zum Risiko ist einer der wenigen Fälle, bei denen sich Linke und Rechte in Großbritannien einig sind. Die Konservativen sind begeistert, weil endlich etwas gegen die verzärtelte Jugend unternommen wird, die Linken sehen darin einen Weg zu einer natürlicheren Kindheit. 

Die abwertende Bezeichnung "Snowflakes" für die junge Generation benutzen nicht nur Trump-Anhänger. Im vergangenen Jahr sorgte der Führungscoach und "New York Times"-Autor Simon Sinek mit seiner öffentlichen Kritik an der Generation Y für Furore. Seiner Meinung nach sind die Millennials in eine Falle gelaufen. Von Eltern und Schule wurden sie in Watte gepackt. Kein Risiko, keine Anforderung und keine Zurückweisung wurden ihnen zugemutet. Sineks Erfahrungen nach ist es eine unverantwortliche Schocktherapie, wenn junge Leute so unvorbereitet in die Arbeitswelt entlassen werden. "In einer Sekunde lernen sie dort, dass sie nichts Besonderes sind. Hier können ihre fürsorglichen Mütter keine Beförderung besorgen." In diesem kurzen Moment wird das Selbstbewusstsein junger Menschen zerstört. 

Mehr Risiko in der Erziehung reagiert auch auf diese Kritik, denn so soll das echte Leben schon in der anfangen. Auch wenn es mal zu Stürzen und kleinen Verletzungen kommt.

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