HOME

Angst, Wut und Verzweiflung: Dramatischer Personalmangel in Kitas: stern-Leser berichten von ihren Erfahrungen

Der Fachkräftemangel in Kindertagesstätten bringt viele Erzieher an den Rand der Verzweiflung. Nachdem wir mit einer Erzieherin über die Probleme in ihrer Einrichtung gesprochen haben, sind viele stern-Leser auf uns zugekommen. Hier schildern sie selbst ihre Erfahrungen.

Eine erschöpfte Erzieherin sitzt in einer Kita auf einer Bank

Viele Erzieher sind ausgebrannt. Wer oder was ist Schuld an der extremen Personalnot in Kitas? (Symbolbild)

Getty Images

Unser Artikel über den extremen Fachkräftemangel in deutschen Kindertagesstätten hat offensichtlich einen Nerv getroffen. Fast 300 Mal wurde er auf Facebook geteilt. Und auch auf unseren Leseraufruf haben sich viele Menschen – hauptsächlich Erzieherinnen und Erzieher selbst – zu Wort gemeldet. Auch auf Facebook teilten Dutzende User ihre Erfahrungen mit. Hier stellen wir eine Auswahl der krassesten Kita-Erlebnisse von stern-Lesern vor.

Unterbesetzte Kita: Beaufsichtigung statt Förderung

Eine Mutter aus der Region Hannover klagt über dramatische Personalnot in der Einrichtung, die ihr Kind besuchte. In extremen Fällen habe eine Erzieherin alleine auf 25 Kinder aufpassen müssen. So sei die Arbeit der Pädagogen im vergangenen Jahr eher eine "Beaufsichtigung" als eine richtige Betreuung mit Förderung gewesen. Der reguläre Betrieb habe nur mit Aushilfen von der Zeitarbeit aufrecht erhalten werden können. Das habe für die Kinder zeitweise oft wechselnde Bezugspersonen bedeutet. Dadurch seien Kinder und Eltern genervt gewesen. Ihre Briefe an die Politik seien nur mit "Phrasen-Briefen" beantwortet worden.

Männliche Pädagogen werden dringend benötigt

Chris S. hat zweieinhalb Jahre als Heilerzieher in einer Kindertagesstätte gearbeitet. Dann hat er die Reißleine gezogen und aufgehört. In seiner ausführlichen Lesermail macht er auf das Problem aufmerksam, dass nur sehr wenige Männer als Pädagogen arbeiten. Außerdem sei die Anerkennung für männliche Kita-Mitarbeiter immer noch gering – gerade seitens männlicher Elternteile. So war Chris S. der einzige Mann in seiner Kita. Tatsache sei allerdings, dass in den meisten Fällen über die Hälfte der zu betreuenden Kinder Jungs sind. Das Angebot für diese sei "meistens viel zu gering". Es beschränke sich alles auf Bewegungsspiele und Bauen mit Lego oder Bausteinen. Es könne langfristig kein ausreichendes Angebot für diese Kinder geschaffen werden, wenn es nicht gelinge, mehr Männer für die Arbeit als Erzieher zu begeistern.

Sind das eigentliche Problem die Arbeitszeiten der Eltern?

Patrick A. schreibt uns, dass der Fachkräftemangel in der Kita seines Kindes zu Verkürzungen der Öffnungszeiten geführt habe. Jetzt sei die Einrichtung nur noch bis 17 Uhr geöffnet. Das sei, so der Vater, "immer noch ganz gut". Dank seines "guten Arbeitgebers" habe er seine Arbeitszeiten als Arbeitnehmer im Einzelhandel glücklicherweise entsprechend anpassen können. Viel allgemeiner stellt er sich aber die Frage, ob es generell wirklich mehr Erzieher brauche oder "eine Rückkehr zu einer Welt, in der man nicht jeden Wochentag ganztags Erzieher brauchte – eine Zeit, in der Arbeit auch mal zu Ende war" nicht viel erstrebenswerter sei.

"Junge Kollegen haben Angst, diesen Beruf nicht bis zur Rente ausüben zu können"

Kathrin L. ist nach eigener Aussage seit 40 Jahren Erzieherin – und sie habe schon viele Entwicklungen mitgemacht. Aber das, was sie in den letzten zehn Jahren beobachtet hat, sei von neuer Qualität. Die Anforderungen seien extrem gestiegen. Entwicklungsberichte, Sprachförderung, Portfolios, offene Arbeit mit Gestaltung von Bildungsräumen – all das werde mittlerweile von Erziehern verlangt. Besonders anstrengend seien ihrer Meinung nach außerdem die veränderten Betreuungszeiten. So würden in ihrer Einrichtung nur noch vier von insgesamt 84 Kindern um 12.30 Uhr abgeholt, die Gruppen vergrößert. Das sei für Kinder und Erzieher eine hohe Belastung. All das trägt ihrer Meinung nicht dazu bei, den Beruf attraktiv zu machen. Junge Kollegen hätten Angst, dass sie die Tätigkeit nicht bis zur Rente ausüben können. Viele Kollegen reduzierten deshalb präventiv ihre Stundenzahl – damit sie nach der Arbeit überhaupt noch Kraft für ein Privatleben hätten.

"Würde mich freuen, mal eine 'Basteltante' sein zu können"

Michelle S. hat auf Facebook unseren Artikel kommentiert. Sie schreibt mit Bezug auf den Titel des stern-Beitrags ("Viele sehen uns immer noch als Basteltanten" – eine Erzieherin erklärt die Personalnot in Kitas"), dass sie sich "sehr darüber freuen würde, mal eine 'Basteltante' sein zu können". Ihrer Meinung nach gibt es mit Blick auf den "ganzen Dokumentationskram" kaum noch Zeit für das Kind an sich. "Wie oft muss man den Kindern die Bitte abschlagen, gemeinsam Memory oder UNO zu spielen, weil man eigentlich 1000 Gründe hat, um am PC zu sitzen?!", so die Facebook-Userin weiter. Auch sie sieht die Schuld bei den Politikern. Diese hätten "leider noch nicht gemerkt, dass sie ihre Zukunft, nämlich die Kinder, die später deren Rente bezahlen sollen, vollkommen vor die Wand fahren".

Wenn schon das Bewerbungsgespräch 15 Euro kostet

Eine 19-Jährige aus Würzburg, die gerne anonym bleiben möchte, befindet sich gerade im Bewerbungsprozess und muss sich für ihre Erzieherausbildung sowohl für eine Schule als auch auf eine Ausbildungsstelle bewerben. Das heißt, erhält sie nach einer erfolgreichen Bewerbung bei einer Kita einen Arbeitsvertrag und wird dann aber dann aber an der Schule abgelehnt, ist damit das ganze Vorhaben der Ausbildung gescheitert. Ihrer Bewerbung an der Schule müsse sie zudem 15 Euro Bearbeitungsgebühr beilegen. Damit sollen, laut Aussage der Schule, die Kosten für das Bewerbungsgespräch gedeckt werden. Immerhin: Falls es nicht zu einem Gespräch kommt, werde ihr das Geld erstattet.

Da der Rücklauf auf unseren Leseraufruf sehr groß war, mussten wir eine redaktionelle Auswahl treffen. Wir bedanken uns trotzdem für die zahlreichen, spannenden Einsendungen.

Video: Gute-Kita-Gesetz kommt Anfang 2019

Wissenscommunity