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Meinung

Pisa-Ergebnisse: Wir machen einen grundlegenden Fehler in der Schule: Wir selektieren

80 Staaten, 600.000 Schülerinnen und Schüler, die an der Pisa-Studie teilnehmen. Deutschland schafft es gerade mal, etwas besser als der Durchschnitt zu sein. Dabei haben wir doch beste Voraussetzungen. Oder?

Eine Schulklasse, in der die Schüler nicht glücklich aussehen

In Deutschland haben Schüler nicht die gleichen Chancen, wenn die soziale Herkunft entscheidet, ob das Bildungssystem funktioniert

Getty Images

"Pisa testet kein Schulwissen", erklärt die deutsche Pisa-Studienleiterin Kristina Reiss im aktuellen "Spiegel". Vielmehr wird die Fähigkeit überprüft, ob 15-Jährige anwenden können, was sie wissen. Bei Pisa 2018 lag der Schwerpunkt in der Lesekompetenz: Verstehen sie, welche Teile eines Textes relevante Informationen sind? Können sie Fakten von Meinungen unterscheiden? In einer Zeit, in der Meinungsbildung stark über das Internet geschieht, entscheidet dieses Verständnis jedes Wahlergebnis.

Die heute veröffentlichten Ergebnisse haben einen Aspekt hervorgebracht, der zeigt, dass wir in Deutschland immer noch viel falsch machen. Denn herauskam, dass oft die soziale Herkunft eines Kindes dafür verantwortlich ist, ob es bei Pisa gut abschneidet. Die durchschnittlichen Leistungen der Kinder sind erneut gesunken, nachdem sie zwischen 2000 und 2012 stetig gestiegen waren. Was sagt uns das?

So einfach, wie es aussieht, ist es nicht

Nun könnte man meinen, dass es an der Zuwanderung in den vergangenen Jahren liegt. Dass es für Kinder mit Migrationshintergrund selbstverständlich schwieriger ist, Lesekompetenz in der deutschen Sprache zu beweisen. Doch das Ergebnis der Studie spiegelt auch etwas anderes wider: 16 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund erreichten Spitzenwerte im Pisa-Test und 10 Prozent der sozial Benachteiligten ebenfalls. Es gibt also "Ausreißer", die allen Erschwernissen zum Trotz ihren Weg machen.

"Der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund hat sich in Deutschland zwischen 2009 und 2018 von 18% auf 22% erhöht", heißt es in den Ergebnissen der Pisa-Studie. Die Zahl ist deutlich kleiner, als man meinen könnte. "Die Hälfte dieser Schüler ist sozioökonomisch benachteiligt", geht der Text weiter – eine erschreckend große Anzahl.

Pisa-Studie: Was machen wir falsch?

Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften: "Deutschland schneidet in allen drei Bereichen schlechter ab als Estland, Finnland, Hongkong (China), Irland, Kanada, Korea, Macau (China), Neuseeland, Peking-Shanghai-Jiangsu-Zhejiang (China), Polen und Singapur", besagt das Studienergebnis. Das ist eine bunte Mischung an Nationen, die ihre Kinder besser ausbilden. Wenn es aber bei Pisa gar nicht um Schulwissen geht, welche Fähigkeiten bringen diese Länder ihren Kindern bei?

Wie bei jeder der sieben Pisa-Studien bisher, schneidet Finnland überdurchschnittlich gut ab. "Allerdings spielte das Abschneiden bei den Pisa-Studien in der Wahrnehmung vieler finnischen Bildungsforscher_innen nie eine wichtige Rolle, auch nicht dann, als Pisa noch als 'Bildungswunder' galt", heißt es in der Studie "Zwischen Pisa und Inklusion: Die Rolle des sonderpädagogischen Fördersystems in Finnland". Was Finnland anders macht: Dort findet in der Schule keine soziale Exklusion statt, sondern eine gezielte Förderung für jedes Kind. Das führt zu einer hohen Chancengerechtigkeit, die es so in Deutschland nicht gibt.

Schule für alle: Was wir brauchen sind Integration und Inklusion

Hier wird davon ausgegangen, dass zum Beispiel ein Kind mit Down-Syndrom nicht auf ein Gymnasium gehört, obwohl es bereits 2009 mit Pablo Pineda den ersten Uni-Absolventen mit Down-Syndrom gab, der das Gegenteil bewiesen hat. Sollten wir nicht lieber prüfen, ob wir Gymnasien noch brauchen? Lernen Kinder nicht besser und anders, wenn sie nicht nur als Leistungstrupp durch die Schule ziehen, sondern auch auf Mitschüler mit Beeinträchtigungen Rücksicht nehmen?

Wie selektieren in der dritten Klasse, wie es für Schüler im Leben weitergeht. Da sind die Kinder acht Jahre alt. Stattdessen sollten wir investieren: in Förderprogramme, die auf individuellen Förderbedarf abgestimmt sind. Das hätte nicht nur den Vorteil eines besseren Sozialverhaltens, sondern würde auch dem entsprechen, was sich jeder Wähler wünscht: dass er nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird.

Pisa hat dazu geführt, dass Lehrmethoden transparenter werden, das ist ein schöner Erfolg. Doch Pisa ist nicht alles. Daran sollten wir am Welttag der Menschen mit Behinderung denken.

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