HOME

Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Bin ich ein guter Vater?

Zwischen Kinderkacke und Morgenkonferenz: Unser Autor fühlt sich dann und wann überfordert und stellt sich eine grundlegende Frage.

Von Tobias Schmitz

Mit dem Kopf noch im Büro, obwohl eigentlich Familienzeit ist: Arbeit und Vatersein belasten manche Väter, weil sie zu hohe Ansprüche an sich stellen

Mit dem Kopf noch im Büro, obwohl eigentlich Familienzeit ist: Arbeit und Vatersein belasten manche Väter, weil sie zu hohe Ansprüche an sich stellen

Manchmal beneide ich Michels Vater. Diesen Anton Svensson aus Katthult, Lönneberga, den aus dem Buch von Astrid Lindgren. Der hatte es gut: Morgens ging er aufs Feld, abends ins Bett, und um den Rest kümmerte sich seine Frau. Seinen Sohn Michel erzog Anton Svensson, indem er ihn in den Tischlerschuppen sperrte oder ihm Zuckerstangen kaufte.

Anton Svensson gab sich nicht mit Ich-will-jetzt-aber-noch-ein-Eis-Diskussionen ab oder mit Wann-darf-ich-endlich-fernsehen-Generve. Und Warum-musst-du-immer-arbeiten-Gespräche führte er mit seinen Kindern auch nicht.

Ich brülle und er weint

Wenn ich meinen fünf Jahre alten Sohn erziehe, versuche ich es auch mit Süßigkeiten. Oder mit Argumenten. Ich besitze keinen Schuppen. Manchmal brülle ich ihn an, worauf er zurückbrüllt. Oder weint. Es bricht mir das Herz, ein so unperfekter Erzieher zu sein. Es bricht mir das Herz, so oft nur halb für ihn da zu sein, für ihn und seine acht Jahre alte Schwester. Weil ich körperlich oder gedanklich im Büro bin. Oder anderswo. Manchmal, meist in Momenten der Müdigkeit, kriecht mir dieses seltsame Gefühl den Rücken hoch. Und ich frage mich: Bin ich ein guter Vater? Was ist das eigentlich?

"Ein guter Vater", sagt der #link;http://www.matthias-stiehler.de/;Dresdener Theologe und Männerforscher Matthias Stiehler#, "ist ein Vater, der für seine Kinder da ist. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und emotional." Ich habe zentnerweise Kinderkacke von Hintern, aus Stramplern und Bettwäsche entfernt. Ich habe mit meinen Kindern gesungen, habe für sie gekocht und ihnen Prinzessinnenkleider und "Star Wars"-Schlafanzüge gekauft. Ich kutschiere meine Kinder aus Hamburg zu Geburtstagsfesten von Kita-Freunden, die gefühlt kurz vor Berlin wohnen. Manchmal finde ich mich als Vater ganz okay. Aber immer wieder erschrecke ich vor dem, was meine Kinder in mir auch sehen können.

Väter sollen nicht wie Mütter sein

Einen Menschen, der nicht mal richtig Fußball spielen kann und auch keinen Köpper vom Dreimeterbrett hinkriegt. Einen Menschen, der, wenn ihm Argumente oder Nerven ausgehen, gern mal ein "Verdammt noch mal" hinter zu laut Gesagtes setzt. Einen Menschen, der es nicht schafft, mit der eigenen Tochter in aller Ruhe Mathematik oder Klavier zu üben, weil ihn das an schreckliche Stunden seiner eigenen Kindheit erinnert. Ich will so nicht sein.

"Das ist ein großer Wunsch moderner Väter", sagt Matthias Stiehler, "es anders zu machen, als sie es selbst erlebt haben. Manchmal verkehrt sich diese gut gemeinte Absicht aber ins Gegenteil, wenn Väter von ihren Kindern nur noch gemocht werden wollen und keinerlei Orientierungspunkte mehr setzen. Kinder brauchen Grenzen. Und klare Vorbilder. Und es ist wichtig, dass die Väter nicht genau wie Mütter werden. Dass sie Kindern auch das Mannsein vorleben können."

Gut. Ich trinke Bier. Ich tobe durchs Bett, mag Kissenschlachten und mache Furzgeräusche. Ich werfe meinen Sohn im Schwimmbad durch die Luft und erkläre ihm auf dem Parkplatz die Unterschiede zwischen Porsche 911 und Porsche Cayman. Aber dann sieht er mich, wie ich muttimäßig am Herd stehe und koche. Oder wie ich meine Frau ermahne, ihr purpurfarbenes Kleid bitte ausschließlich mit Feinwaschmittel bei 30 Grad und Schonschleudern zu waschen. Ist klar, wo dieser permanente Rollenwechsel hinführt: zu einer gewissen Müdigkeit.

Zufriedene Eltern, zufriedene Kinder

Oft schlafe ich halb, wenn ich mit meinem Sohn zum dreiundzwanzigsten Mal hintereinander spiele, dass der fürchterliche Dinosaurier mit einem fürchterlichen Laserschwert den fürchterlichen Stoffhaifisch angreift. Oft lalle ich, als wäre ich besoffen, während ich mit halb geschlossenen Augen ein Kinderbuch vorlese. Aus "Pippi Langstrumpf" wird dann immer "Piilangstrrm", wofür ich von meinen Kindern prompt "Papa, lies mal richtig"-Pikser in den Bauch bekomme. Wenn die Kinder irgendwann endlich im Bett sind, trinke ich mit meiner Frau ein Glas Wein, rede über dies und das und gehe ins Bett. Ich wusste, dass ich mit dieser Frau Kinder haben wollte, und ich weiß noch immer, dass diese Frau diejenige ist, mit der ich alt, grau, faltig, Großvater und Großmutter werden will. Das immerhin hilft beim Vatersein.

"Ein guter Vater", sagt der #link;http://www.stern.de/politik/deutschland/hans-bertram-90305149t.html;Soziologe und Familienexperte Hans Bertram#, "weiß um die Bedeutung einer guten Beziehung zu seiner Frau. Zufriedene Eltern sind eine Voraussetzung für zufriedene Kinder." Bertram sagt, Väter beschäftigten sich heute viel mehr mit ihren Kindern als noch vor 30 Jahren, aber sie hätten ständig ein schlechtes Gewissen, es sei noch zu wenig. "Junge Väter stehen unter immensem Druck, weil sie sich zerreißen zwischen Arbeit und Zuhause. Die Berufswelt hat sich ihnen gegenüber nie wirklich geöffnet", sagt Bertram, "wer als Mann zwischen 30 und 40 nicht voll im Büro präsent ist, kann sich die Karriere nach wie vor abschminken."

Zeitdruck und Stress

Ja, diesen Druck kenne ich. Trotz Elternzeit. Trotz Teilzeitregelung. Wenn ich mittwochs nicht um spätestens 15.36 Uhr in den Fahrstuhl zur Tiefgarage stürme, um bis spätestens 15.44 Uhr meinen Sohn aus der Kita zu holen, wird es schwer, noch jene Ampelphasen zu erwischen, die es mir ermöglichen, um Punkt 16 Uhr meine Tochter am Schulhoftor abzuholen.

Das Kind wirkt in seiner Ganztagsschule eigentlich recht vergnügt, musste aber ein Jahr lang donnerstags zur Klavierstunde und samstags zum Reitunterricht beziehungsweise Schwimmen. Dazu täglich Mathetraining. Bis wir Eltern dahinterkamen, dass das vielleicht alles ein bisschen viel sein könnte. "Ein guter Vater", sagt Hans Bertram, "respektiert die Eigenständigkeit des Kindes, entdeckt mit dem Kind gemeinsam Stärken und Schwächen und lässt das Kind sein, was es sein will. Ein guter Vater schützt sein Kind vor den riesigen Erwartungen der Gesellschaft, die einen unglaublichen Druck ausübt: Es muss ja immer Abitur sein! Drei Fremdsprachen! Und die beste Uni!"

"Einfach da sein"

Meine Tochter, drittes Schuljahr, kommt seit einiger Zeit wieder häufiger in unser Bett. Was für mich kein Problem wäre, läge dort nicht meist schon mein Sohn. Ich schlafe dann irgendwo. Ich weiß nicht, wie oft ich in den vergangenen Jahren gegen 3.26 Uhr oder 4.17 Uhr aufgestanden bin, weil jemand einen Schluck Wasser wollte oder ein schlimmer Spinnentraum verscheucht werden musste. Ich könnte eine Liste mit hässlichen Flüchen aufschreiben, die ich gegen 1.19 Uhr, 2.07 Uhr oder 5.11 Uhr im Halbschlaf ausgestoßen habe, wenn wieder irgendwer irgendwas wollte.

Lieselotte Ahnert, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien, hat zusammen mit anderen Wissenschaftlern einen europäischen Forschungsverbund zum Thema Väter aufgebaut. Sie spendet Trost: "Ein guter Vater ist vor allem dann da, wenn das Kind bedürftig ist. Wenn es nachts aufwacht, wenn es krank ist. Gerade diese Momente sind für eine stabile Vater-Kind-Beziehung sehr wichtig." Da ist er wieder, dieser tröstliche Gedanke vom "Einfach da sein", von dem, was so einfach klingt und manchmal so schwer ist: präsent zu sein. Körperlich, geistig.

Das gelingt mit Gerede von der angeblich alles entscheidenden "Quality Time", die beruflich stark beschäftigte Eltern dann und wann mit ihren Kindern verbringen, eher nicht. "So, wie der Begriff 'Quality Time' heute verwendet wird, ist das eine Betrachtung vollkommen aus der Erwachsenenperspektive", sagt Ahnert. "Väter, die sich für die kurze Zeit, in denen sie mit ihren Kindern zusammen sind, die tollsten Aktionen ausdenken, handeln oft gar nicht im Sinne ihres Kindes. Wichtig wäre es zu spüren: Was will mein Kind gerade? Was sind seine emotionalen Bedürfnisse? Um die wahrzunehmen, muss ich das Kind kennen. Und das gelingt nur, wenn ich genügend Zeit mit ihm verbringe."

Wahnsinn ist in Familien der Normalfall

Ansprüche runterschrauben

Ich habe etwa dreihundert Mal Pläne für meine Kinder geschmiedet, die dann aber irgendwie doch nicht ins Abenteuerbad mit der Todesrutsche gehen, sondern lieber "malen" wollten. Manchmal hat mich dann die Wut gepackt, und ich habe ihnen Sätze aus dem vorigen Jahrhundert entgegengerotzt. So etwas wie "Andere Kinder wären froh, wenn sie die Todesrutsche rutschen dürften". Dann gab es Streit. Die Kinder: traurig. Und ich: eingeschnappt wie eine alternde Diva.

"Ein guter Vater", sagt Volker Baisch, "gibt Fehler zu." Baisch, 47, selbst Vater, lebt in Hamburg und hat vor vier Jahren eine gemeinnützige GmbH namens "Väter" gegründet, die Unternehmen, Kommunen oder Politiker berät. Etwa, wie man das hinkriegt: Arbeit und Vatersein. Auch durch mehr Gelassenheit. Und Zurückhaltung. "Ein guter Vater", sagt Baisch, "beobachtet viel. Wir Männer wollen ja immer machen, machen, machen. Aber manchmal wollen Kinder einfach einen Tag in der Hängematte verbringen." Da sind wir wieder bei Todesrutsche versus Malbuch.

"Aber das alles ist doch Wahnsinn", sage ich. "Ja", sagt Volker Baisch, "Wahnsinn ist in Familien der Normalfall. Deshalb schraubt ein guter Vater am besten die Ansprüche an sich selbst runter. Niemand muss der Super-Daddy sein." Der für mich schönste Satz von allen. Wusste Anton Svensson schon lange.

Mehr zum Thema Erziehung können Sie im neuen stern-Extra lesen.

Wissenscommunity