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"Das Kurtisanenhaus" von Amy Tan: Die Freiheit der Frauen

Anfang des 20. Jahrhunderts: Die Halbchinesin Violet wächst in einem Shanghaier Kurtisanenhaus erster Klasse als Tochter der Inhaberin auf. Ihr Schicksal und das weiterer Frauen erzählt Amy Tan.

Als Kind verfügt Violet über das Selbstbewusstsein einer modernen Amerikanerin. Viel davon bleibt jedoch im Laufe der folgenden Jahre auf der Strecke. Aus dem verwöhnten reichen Mädchen wird eine Frau, die zwar die erotische Liebe nach allen Regeln der Kunst beherrscht, den Glauben an die emotionale aber fast verloren hat. Zu Männern, zur Mutter, zum Vater. Ihr Schicksal steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Amy Tan "Das Kurtisanenhaus".

Die in Kalifornien lebende Tan ("Töchter des Himmels") - selbst Kind chinesischer Auswanderer - hat wieder einmal Frauen verschiedener Generationen und Kulturkreise porträtiert, wobei die in Shanghai lebende Violet als Tochter der Amerikanerin Lucretia Minturn und des Chinesen Lu Shing das Bindeglied ist. Die Handlung setzt Anfang des 20. Jahrhunderts ein - eine Zeit, in der weder in den USA noch in China eine Ehe zwischen den beiden möglich ist. Lucia oder auch Lulu - so nennt sich die damals 17-Jährige abwechselnd - könnte allenfalls Konkubine werden, was sie ablehnt.

Lektionen in der chinesischen Liebeskunst

Lucia/Lulu also wird gezwungen, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie gründet in Shanghai den "Verborgenen Jadepfad", ein Kurtisanenhaus erster Klasse. Dort wächst Tochter Violet auf, bis es politische Unruhen gibt und der Kaiser gestürzt wird. Es folgt ein kunterbunter Reigen aus Schicksalsschlägen, Irrungen und Wirrungen, Historie und Dichtung und ganz viel Gefühl. Keine Frage, das "Kurtisanenhaus" ist ein typischer Frauenroman, aber so spannend und unterhaltsam geschrieben, dass er auf keinen Leserkreis beschränkt werden sollte.

Zu den starken Persönlichkeiten dieser Geschichte zählt unbedingt Zauberkürbis, ehemals Kurtisane im "Verborgenen Jadepfad" und später treue Freundin Violets. Sie ist es vor allem, die dem Mädchen beim Überleben hilft, als es von seiner Mutter getrennt und verschleppt wird. Höchst interessant sind ihre Lektionen für Violet, als sie diese in die chinesische Liebeskunst der gehobenen Kategorie einführt. Selten wurden sexuelle Praktiken und Geschlechtsteile blumiger und sicher auch nie schöner beschrieben.

Kultivierter als Prostituierte

Amy Tan, die die "Codewörter" der Kurtisanen zuvor studiert hatte, will damit auch deren kultivierten Status hervorheben. Sie seien völlig anders als Prostituierte im herkömmlichen Sinne gewesen, sagt sie in einem Interview der BBC. Sie hätten mehr Freiheiten gehabt als andere Frauen, einschließlich der Ehefrauen, denn sie waren eine Art Popstars, kreierten Mode, durften allein ausfahren, wurden gefeiert. Und: Kurtisanen hätten selbst bestimmt, welchem der Freier sie Intimitäten gestatteten.

Die Schattenseite: Dieser Status war nur auf eine kurze Dauer ihres Lebens beschränkt - auf ihre Jugend. Violet wird ebenfalls Vergänglichkeit in allen Lebenslagen erfahren, aber auch ihre Stärken ausloten, bis sie wie ihre Mutter, wie Zauberkürbis und andere Frauen des opulenten Romans nicht nur persönlichen Frieden findet, sondern auch Freiheit - vor allem von gesellschaftlichen Zwängen. Fazit: Herz und Schmerz in Hülle und Fülle - aber auch ganz viel fernöstlicher Zauber und vor allem Amy Tans unwiderstehlicher Erzählstil.

Frauke Kaberka, DPA / DPA
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