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Ein Leben als Zeuge Jehovas: Wie Misha Anouk die bekannteste Sekte der Welt verließ

Misha Anouk wurde in eine Familie von Zeugen Jehovas hineingeboren. Warum er unter dem Glauben seiner Eltern litt und wie er es schaffte, die Sekte hinter sich zu lassen, erzählt er in seinem Buch.

Von Viktoria Meinholz

Vor zwölf Jahren wurde Misha Anouk ausgeschlossen. Seine Erfahrungen als Zeuge Jehovas verarbeitete er in seinem Buch "Goodbye Jehova".

Vor zwölf Jahren wurde Misha Anouk ausgeschlossen. Seine Erfahrungen als Zeuge Jehovas verarbeitete er in seinem Buch "Goodbye Jehova".

"Was passiert eigentlich auf der anderen Seite der Tür, wenn du sie den Zeugen Jehovas vor der Nase zuschlägst?" Misha Anouk ist jahrelang an jedem Samstag von Tür zu Tür gezogen, um andere Menschen von der "Wahrheit" zu überzeugen, wie die Zeugen Jehovas den Kern ihres Glaubens nennen. In seinem Buch "Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ" beschreibt er den Ablauf der Hausbesuche. "Nachdem du die Tür geschlossen hast, wird hinter deiner Hausnummer ein Code notiert: M oder W für dein Geschlecht, NH für 'Nicht zu Hause', KI für 'Kein Interesse'."

So ein "KI" ist gar nicht so leicht zu bekommen, denn die Zeugen Jehovas nehmen den Predigtdienst, so heißt das Missionieren, sehr ernst. Sie glauben an Harmagedon, den Weltuntergang, an dem Jehova alles Böse vernichten wird und nur die Zeugen und Menschen, die in Jehovas Gunst stehen, überleben und in einer Art Paradies weiterleben werden. Wann genau der Weltuntergang eintritt, ist nicht klar. Die Wachturmgesellschaft, die Leitung der Zeugen Jehovas, hat mit ihren Prognosen schon mehrfach falsch gelegen und hält sich nun mit genauen Aussagen zurück.

"Glauben Sie an Gott?"

Misha Anouk hatte Angst vor dem Samstag, "dem Hauptkampftag der Zeugen Jehovas", und war froh über jede Tür, die geschlossen blieb. Es war ihm peinlich, bei fremden Menschen zu klingeln und mit ihnen über Gott zu sprechen. Die Zeugen Jehovas werden bei den Gesprächen mit potenziellen neuen Mitgliedern darauf geschult, ganz genau hinzuhören und hinzuschauen. Dreißig Sekunden reichen ihnen, um ein Profil ihres Gegenübers anzufertigen. Hängt am Schlüsselbrett vielleicht ein Anhänger von Borussia Dortmund? Dann wird der freundliche Vertreter der Zeugen Jehovas beim nächsten Besuch eine Bemerkung über das letzte Spiel des Bundesligisten einfließen lassen. Wie gekonnt andere Menschen manipuliert und langsam an das System herangeführt werden, beschreibt Misha Anouk in seinem Buch sehr anschaulich.

Von seiner Geburt an bis zu seinem 22. Lebensjahr war er ein Mitglied der Sekte. Doch ist bei fast acht Millionen Mitgliedern weltweit der Begriff Sekte überhaupt passend? "Die evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen bezeichnet sie als totalitäre Organisation mit sektenartigen Merkmalen", erklärt Misha Anouk. "Ich bezeichne die Zeugen Jehovas leicht ironisch immer als ein florierendes Wirtschaftsunternehmen mit angeschlossener spiritueller Abteilung und sehr erfolgreichen Vertrieblern."

Jehova steht über allem

Dieses Wirtschaftsunternehmen hat jahrelang sein gesamtes Leben bestimmt. Die Zeugen Jehovas seien nichts für Mitläufer, sagt Misha Anouk, jedes Mitglied muss sich engagieren und in das Gemeindeleben einbringen. Sein Glaube regelte seine Freizeit, suchte seine Freunde aus und schrieb ihm vor, wie seine Zukunft auszusehen hat. Sogar in die medizinische Versorgung mischte er sich ein, denn Zeugen Jehovas ist es nicht erlaubt, Blut anzunehmen oder zu spenden - auch im Notfall nicht. "Ich wusste, dass meine Eltern mich lieben. Ich wusste auch, dass sie mich sterben lassen würden, wenn es hart auf hart käme."

Auch wenn er selbst sagt, dass er eine glückliche Kindheit hatte - im Buch wird deutlich, wie groß der Druck durch einen allmächtigen und allgegenwärtigen Gott sein kann. Bei jedem Fehler, jeder falschen Entscheidung - egal, ob es um Musik, Filme oder Masturbation ging - musste er befürchten, dass Jehova ihn aus dem Paradies ausschließen könnte.

Wann Misha Anouk das erste Mal daran dachte, die Zeugen Jehovas zu verlassen, weiß er nicht mehr. Aber er erinnert sich an eine Szene aus seiner Pubertät, in der er neben seinen Eltern saß und sich vorstellte, wie es wäre, kein Zeuge Jehovas zu sein. "Ich fand den Gedanken erschreckend, gleichzeitig aber auch attraktiv. Es kamen immer wieder Zweifel, besonders oft, wenn ich im Predigtdienst war und von Haus zu Haus ging."

Ein erzählerisches Sachbuch

Sein Ausschluss war kein bewusster Schritt, er nahm den Umweg über eine Sünde: Er schlief mit einer ungläubigen Frau. Die Zeugen Jehovas bestrafen ihre ehemaligen Mitglieder mit Gemeinschaftsentzug. Seit dem Tag seines Ausschlusses hat Misha Anouk kein Wort mehr mit seinem Bruder oder seinen alten Freunden gesprochen. Mit seinen Eltern hat er unregelmäßigen Kontakt per E-Mail.

Er stand plötzlich ganz allein da, ohne Familie, Freunde und auch ohne sein bisheriges Weltbild. Sich eine neue Sicht auf die Welt zu bauen, sagt er heute, war die größte Herausforderung. Besonders da er in den ersten Jahren eigentlich noch an "die Wahrheit" glaubte.

"Ich habe mich im Leben als Zeuge Jehova nicht wohl gefühlt. Es ging bei meinem Ausschluss nicht um Zweifel an der Doktrin, mit der habe ich mich ja damals gar nicht auseinandergesetzt", sagt Anouk heute. Erst Jahre später beschäftigte er sich mit der Lehre der Zeugen Jehovas, las Bücher, sprach mit anderen Aussteigern. Er selbst nennt sein Buch ein "erzählerisches Sachbuch" und das trifft es sehr gut. Denn Misha Anouk hat akribisch recherchiert. Seine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Zeugen Jehovas mischt sich mit seiner persönlichen Geschichte. Manchmal etwas langatmig, aber im Ganzen sehr spannend. Es ist ein Blick hinter die Kulissen einer Sekte, die jeder kennt und über die man doch so wenig weiß.

Hilfe für ehemalige oder aktive Mitglieder der Zeugen Jehovas gibt es beispielsweise bei JW Alumni.

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