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"Oldenburger Baby": Tim überlebte seine Abtreibung – jetzt ist er mit 21 Jahren gestorben

Seine leibliche Mutter wollte Tim abtreiben, das Baby mit Down-Syndrom überlebte aber. Die Ärzte gaben ihm ein Jahr, nun ist das "Oldenburger Baby" im Alter von 21 Jahren gestorben. Sein Schicksal berührte viele.

Bernd und Simone Guido

Bernhard und Simone Guido nahmen Tim nach seiner Geburt auf. Zu seinem 18. Geburtstag schrieben sie ein Buch über seine Geschichte.

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Eigentlich sollte Tim gar nicht leben. Als er dann doch auf die Welt kam, da lebte er eigentlich nur, um zu sterben. Seine Mutter wollte das Kind in der 25. Schwangerschaftswoche abtreiben, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Baby am Down-Syndrom leiden würde – eine sogenannte Spätabtreibung. Dabei sterben die Kinder normalerweise während oder kurz nach der Geburt. Tim aber überlebte an jenem 6. Juli 1997, auch nachdem er neun Stunden lang allein in ein Handtuch gewickelt und ohne medizinische Versorgung auf einem Metalltisch in einem Krankenhaussaal gelegen hatte. Die Ärzte gaben ihm damals etwa ein Jahr Lebenszeit.

Nun ist Tim tot – im Alter von 21 Jahren. Wie jetzt bekannt wurde, starb er in der vergangenen Woche nach einem Lungeninfekt in einer Klinik. Das bestätigten seine Pflegeeltern Simone und Bernhard Guido. Zuerst hatte die "Neue Osnabrücker Zeitung" darüber berichtet. Weihnachten und Silvester hatte Tim noch mit seiner Familie gefeiert. "Es waren 21 superglückliche, schöne Jahre", sagte sein Pflegevater. "Wir sind sehr traurig und wissen noch nicht, wie wir den Verlust unseres einzigartigen, lebensfrohen und Freude verbreitenden Sohns verkraften sollen", teilten die Pflegeeltern über die Stiftung "Ja zum Leben" mit.

"Oldenburger Baby" mit Down-Syndrom überlebte Spätabtreibung

Tims leibliche Mutter hatte sich damals aus gesundheitlichen Gründen nicht imstande gesehen, das Baby auszutragen. Nachdem Tim die Abtreibung überlebt hatte, adoptierten Simone und Bernhard Guido aus Quakenbrück (Raum Osnabrück) den kleinen Jungen – zusätzlich zu ihren beiden leiblichen Söhnen. "Wir haben gleich gedacht: Der gehört zu uns!", sagte Simone Guido vor drei Jahren der Zeitung "Die Welt". Eigentlich hatten sie ein Mädchen gesucht. Mit viel Liebe und Geduld kümmerte sich die Familie um Tim und ermöglichte ihm das Leben, das er eigentlich nicht hätte haben sollen.

"Er hat uns mit seiner bedingungslosen Liebe zu den Menschen und seinem Lebenswillen die Augen geöffnet", berichtete Bernhard Guido der "Nordwest-Zeitung" kurz vor Tims 18. Geburtstag. Zusätzlich zu seiner bereits vor der Geburt diagnostizierten Behinderung hatte Tim durch die fehlgeschlagene Abtreibung noch weitere gesundheitliche Schäden davongetragen. Zahllose Operationen musste er im Laufe seines Lebens über sich ergehen lassen, noch mehr Krankenhausaufenthalte. Spaß machten ihm die Delfintherapien, die gute Wirkung zeigten. Bis zum Ende konnte er nur wenige Worte sprechen – doch das war schon viel mehr, als ihm jemals jemand zugetraut hätte. Der Junge, dem vorausgesagt worden war, dass er nie laufen können würde, besuchte sogar eine heilpädagogische Werkstatt, um sich für den Berufseinstieg zu wappnen.

Tims Schicksal löst Debatte über Schwangerschaftsabbrüche aus

Als "Oldenburger Baby" war Tim kurz nach seiner Geburt bundesweit bekannt geworden, die Medien nahmen regen Anteil an seinem Schicksal. Seine Pflegeeltern waren öfter in Talkshows zu Gast, ein Film über ihn wird in Schulklassen gezeigt. 2015, zu Tims 18. Geburtstag, schrieben Simone und Bernhard Guido seine Geschichte gemeinsam mit der Autorin Kathrin Schadt in dem Buch "Tim lebt!" auf, das zum Bestseller wurde "Wie uns ein Junge, den es nicht geben sollte, die Augen geöffnet hat", lautet der Untertitel des Buches und fasst damit die Intention der Pflegeeltern zusammen, an die Öffentlichkeit zu gehen: Sie möchten Müttern Mut machen, die ein behindertes Kind erwarten. "Es gibt so viele Alternativen. Eine anonyme Geburt, die Abgabe in eine Pflegefamilie, die Freigabe zur Adoption", zählt Simone Guido in der "Welt" auf. Sie und ihr Mann haben nach Tim sogar noch zwei weitere Kinder mit Down-Syndrom aufgenommen.

Der Fall Tim hatte Ende der Neunziger für eine ethische Debatte über Spätabtreibungen gesorgt. Wird bei einem ungeborenen Kind eine Behinderung diagnostiziert, kann die Mutter das Baby bis zum neunten Monat straffrei abtreiben lassen. Voraussetzung ist, dass ein Arzt attestiert, dass die Schwangere körperliche oder seelische Schäden davontragen würde, wenn sie das Kind austragen müsste. Seit 2010 ist es nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz vorgeschrieben, dass die Abtreibung erst drei Tage nach der Diagnose erfolgen darf.

Quellen: "Die Welt"/ "NordWest-Zeitung"/ "Neue Osnabrücker Zeitung"/ Stiftung "Ja zum Leben"/ Schwangerschaftskonfliktgesetz

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