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Streetart in Schottland: Die kreative Rache einer 104-Jährigen

Grace Brett und ihr Strickclub brauchten fast ein Jahr, um ihre Rache vorzubereiten: Sie waren beim örtlichen Kunstfestival abgelehnt worden. Sie strickten und häkelten, was das Zeug hielt – und überschwemmten das Fest.

Grace Brett sitzt auf einer Bank und häkelt

104 Jahre alt, sechs Enkelkinder, Mitglied der Souter Stormers, Streetartist: Grace Brett kann sich über Langeweile nicht beklagen

Man hat es selbst schon mal gesehen, zumindest, wenn man in einer deutschen Großstadt lebt: An Zäunen oder Laternenpfählen hängen plötzlich kleine gestrickte oder gehäkelte Dinge, niedlich und lustig, eine Bereicherung für das Stadtbild. Sind es nur wenige, lautet die Botschaft: Mach auch was und häng es daneben. Diese Kommunikation funktioniert ohne Worte. Wie bei Graffiti, sprüht einer los, sprühen die anderen hinterher. Streetart eben.

Die wohl älteste Streetart-Künstlerin dürfte Grace Brett sein. Die 104-Jährige, die sechs Enkel und 14 Urenkel hat, ist Mitglied des Strickclubs Souter Stormers und auch dort die älteste von 40 Aktiven. Der Club erlangte kürzlich gewisse Berühmtheit mit einer Guerilla-Knitting-Aktion. Fast ein Jahr lang hatten sie an den Nadeln ihr Bestes gegeben, um die kleinen schottischen Grenzörtchen Selkirk, Ettrickbridge und Yarrow mit ihren Wolllappen zu überziehen. Zäune, Bänke, Laternenpfähle - plötzlich war alles bunt und "angezogen". Sogar eine Telefonzelle.

Wie war es dazu gekommen?

Aufschluss über die Hintergründe liefert Penelope, die Betreiberin eines Wollgeschäfts in Selkirk. Sie berichtet auf Facebook, dass jedes Jahr in den drei Städtchen das Yes Arts Festival stattfindet. Dazu wollten die Nadelaktivisten einen Beitrag leisten – und wurden abgelehnt. Sie beschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und planten eine Racheaktion: Yarn Bombing. 

Seit November 2014 hatten sie unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit gearbeitet. Sätze wie "Ich könnte es dir sagen, aber dann müsste ich dich töten" sollen gefallen sein. Von einem Mordfall wurde jedoch nie berichtet. Und pünktlich zum Festival ging es zur Sache: An 46 Plätzen dekorierten die Damen los. Das Publikum bekam die lustigsten Dinge zu sehen, einen Kraken auf einem Pfeiler, Eulen auf einem Zaun, Püppchen und sogar Nessie, die berühmte Seeschlange. Gestrickte Würste hingen von Hauswänden herab, gehäkeltes Obst und Gemüse kletterte ein Schild hinauf. Baumstämme wurden bunt, ebenso wie Blumenkästen. Selbst eine Tageszeitung mit einer Suchmeldung nach einem Schaf wurde gestickt. Auf der Facebookseite von Penelope sind die fotografierten Ergebnisse zu sehen.

Das Publikum war begeistert - die Deko soll bis zum ersten Oktoberwochenende bleiben.

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