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Film über Angehörige der Maueropfer: Was passierte, ist wichtiger als die Bestrafung der Täter

Sie wollten die Freiheit und fanden den Tod: 25 Jahre nach dem Mauerfall lässt die Dokumentation "Die Familie" die Hinterbliebenen der Opfer erzählen. Ein erschütternder, nachdenklich machender Film.

Das "Fenster des Gedenkens" mit den Porträts von Todesopfern der Berliner Mauer in einer Szene des Kinofilms "Die Familie"

Das "Fenster des Gedenkens" mit den Porträts von Todesopfern der Berliner Mauer in einer Szene des Kinofilms "Die Familie"

Die Warnung der Stasi war unmissverständlich. Wer zur Beerdigung des bei seinem Fluchtversuch ums Leben gekommenen Rainer Liebeke geht, dem drohen ernste Konsequenzen. Auf dem Friedhof kamen damals Mitte der 80er Jahre dennoch viele Trauernde zusammen. Wie ihr Mann genau zu Tode kam, das wisse sie aber auch #link;http://www.stern.de/politik/deutschland/mauerfall-jubilaeum-der-9-november-vor-25-jahren-2150036.html;25 Jahre nach dem Mauerfall# nicht, erzählt Liebekes Witwe im Dokumentarfilm "Die Familie", der am 6. November in den Kinos startet.

Nach dem Tod ihres Mannes geriet sie selbst ins Visier der DDR-Staatssicherheit: Hausdurchsuchung, Verhöre, Arbeitsplatzverlust. Die tödlichen Tragödien an der DDR-Grenze wurden vom SED-Staat vertuscht und verschwiegen. Trauer, Verzweiflung, aber auch Wut zerstörten das Leben vieler Hinterbliebener für immer.

Mehr als 800 Tote an der innerdeutschen Grenze

138 Menschen starben nach bisherigen Erkenntnissen an der Berliner Mauer, mehr als 800 Todesopfer gab es insgesamt an der innerdeutschen Grenze. Regisseur Stefan Weinert ("Gesicht zur Wand") lässt Mütter, Väter, Ehefrauen, Kinder und Geschwister der Maueropfer zu Wort kommen - sie sind selbst Opfer des DDR-Unrechts, bis heute. "Die Familie" ist ein erschütternder, nachdenklich machender Film.

Die Choreographie der Dokumentation folgt einer Gedenklesung für die von DDR-Grenzsoldaten getöteten Menschen. Die dort verlesenen nüchternen Fakten werden durch die Berichte der Hinterbliebenen dramatisch lebendig. Weinert verzichtet auf einen Off-Kommentar, die Schilderungen der Familien sprechen für sich.

Sparsam setzt der Regisseur Symbolbilder für die Stimmung der Angehörigen ein, die Farben sind wie ausgebleicht - als ob mit dem Verlust auch alles Bunte aus dem Leben der Familien verschwunden ist. Dazwischen sind in Schwarz-Weiß die damals entstandenen Berichte und Fotos der Stasi-Bürokratie zu den Todesfällen zu sehen.

Beim Fluchtversuch erschossen

Als der 18-jährige Dietmar Schwietzer im Jahr 1977 plötzlich verschwindet, suchen Eltern und Schwester tagelang nach ihm. Klappern seine Freunde ab, fragen in Krankenhäusern nach. Ohne Erfolg. Bis eines Abends die Stasi vor der Haustür steht. Dietmar ist erschossen worden - beim Fluchtversuch, heißt es lapidar. "Warum?", fragt seine Mutter im Film weinend. Die Mutter von Michael Bittner, der 1986 an der Berliner Mauer erschossen wurde, hat kein Grab, an dem sie trauern kann. Noch nicht einmal einen Totenschein. Erst nach der Wende erfuhr sie, wie genau ihr Sohn ums Leben kam.

Was ist damals passiert? Eine Antwort auf diese Frage ist den Angehörigen meist wichtiger als die Bestrafung der Täter, die sich in den Mauerschützen-Prozessen verantworten mussten. Am Ende des Films unternimmt einer der Angehörigen den Versuch, den Todesschützen seines Vaters persönlich mit seinen Fragen zu konfrontieren.

mod/Elke Vogel/DPA / DPA

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