HOME
Buchrezension

China, Indien, Schottland: "Das Jahr nach dem Abi" – was mache ich eigentlich jetzt?

Nach dem Abitur fällt der Schulstress ab und unmittelbar stellt sich eine Frage: Wie soll es nun weitergehen? Um darauf eine Antwort zu finden, nehmen viele Absolventen erstmal ein gap year. Das hat auch Paul Bühre getan und darüber geschrieben, wie es ihm ergangen und was ihm dabei durch den Kopf gewandert ist.

Paul Bühre in einer Kung-Fu-Position

Paul Bühre ist nach China gereist, um Kung-Fu zu lernen. Diese Aufnahme von ihm machte der Meister seiner Schule in Dengfeng.

stern

Nun ist es bald geschafft. Die Abiklausuren sind geschrieben, in dem ein oder anderen Bundesland folgt noch die mündliche Prüfung für das vierte Fach und dann ist man fertig. Wie schön. Doch relativ schnell stellt sich der nächste Druck ein: die Frage "Und was jetzt?" Nach 12 oder 13 Jahren Schule steht man plötzlich allein da. Ohne Anforderungen von außen, ohne Struktur und feste Zeitabläufe, ohne zu wissen, was man eigentlich will vom Leben. Die Zeit des Gammelns lässt sich irgendwann nicht mehr so recht genießen.

So erging es jedenfalls Paul Bühre vor knapp zwei Jahren. Der inzwischen 20-jährige Berliner hatte das Gefühl, sich noch nicht festlegen zu können, in welche Richtung er als Nächstes gehen will. 18 Jahre alt, aber keine Ahnung vom Leben. Jedenfalls nicht so viel, dass er schon hätte sagen könnten, wie es nach dem Abi für ihn weitergehen soll. Er schreibt gern, er liest gern, er zeichnet gern, aber will er das zu seinem Beruf machen? Soll er auf seine Eltern hören und erstmal ein Handwerk lernen? Wahrscheinlich würde es ihn auch glücklich machen, anderen Menschen zu helfen. So viele Optionen, aber keinen Plan.

Einen Plan B aber hatte Paul immerhin. Er wollte reisen, Erfahrungen sammeln, sich auf eine andere Weise selbst kennenlernen. Paul war in der glücklichen Situation, dass er dafür nicht seinen Eltern auf der Tasche liegen musste, mit 15 hatte er ein Buch geschrieben, das ein Bestseller geworden war, "Teenie Leaks". Das Geld, das er damit verdient hatte, würde ihm nun zugute kommen. Er wollte nicht länger zu Hause rumsitzen, sondern Abenteuer erleben, vielleicht eine neue Sprache lernen und Antworten finden auf Fragen wie: Wie will ich später leben? Was macht mich glücklich und zufrieden? Womit will ich Geld verdienen?

Cover des Buchs

"Das Jahr nach dem Abi" von Paul Bühre, Ullstein extra, 304 Seiten, 18 Euro. Hier bestellbar.

Raus aus der Schule, rein in die Schule

So cool wie Batman oder Karate Kid zu werden, schwebte dem Comic-Fan als hübscher Nebeneffekt einer Kung-Fu-Ausbildung in China vor. Ein weiterer würde hoffentlich sein, sich mit dem harten Training den Kopf frei zu arbeiten und anschließend zu wissen, wie es weitergehen soll. Paul beschloss, auf seiner Reise wieder zu schreiben. Über seine Erlebnisse, Erkenntnisse und Gefühle, die man allein auf einem fremden Kontinent hat, 7500 Kilometer von zu Hause entfernt und nur mit rudimentären Sprachkenntnissen ausgestattet.

Ohne zu spoilern, kann man verraten, dass es manchmal hart war. Von der Matratze in seinem Vierbettzimmer in der karg ausgestatteten Kung-Fu-Schule über Krankenhausbesuche, weil er sich zweimal denselben Arm gebrochen hat, bis hin zu Wasserknappheit in Indien, wohin es ihn dann später auch noch verschlagen hat. Und selbst sein letztes Ziel in dem "Ich probiere mich mal aus"-Jahr, Schottland, brachte Paul in Situationen, auf die er vorher im Traum nicht gekommen wäre. Denn manchmal ist es nicht die fehlende Sprachkenntnis und die fremde Kultur, die uns herausfordert, manchmal reicht schon ein einzelner Mensch, dessen Sprache wir zwar kennen, den wir aber trotzdem nicht verstehen.

"Wenn ich nicht so viel Zeit online bin, bin ich einfach aktiver"

"Ich hab auf jeden Fall sehr viel erlebt, sehr viele Leute kennengelernt und unterschiedliche Arten, wie man an verschiedenen Orten auf der Welt lebt. Dadurch habe ich ein bisschen mehr an Toleranz und Offenheit gelernt und Leute dafür zu akzeptieren, wie sie sind", erzählt Paul in einem Interview mit dem stern. "Gleichzeitig hat das Reisen noch mal eine Art Sucht verstärkt, noch mehr zu reisen. Es gibt ja immer noch Orte, bei denen ich mir nur vorstellen kann, wie sie aussehen. Da will ich gerne hin." Auch wenn Paul nicht all seine Erlebnisse mit jedem teilen kann, hat er festgestellt, dass Reisende ähnliche Erfahrungen machen. "Ich habe zum Beispiel viele Leute kennengelernt, die sich auf ihrer Reise auch verletzt haben oder denen auch was Blödes passiert ist und darüber kann man sich dann prima austauschen."

Obwohl Paul in dem Jahr nicht die Antworten auf all seine Fragen gefunden hat, hat er gelernt, was ihn glücklich macht: Sport, Reisen, Zeichnen, Menschen kennenlernen, Kochen für Freunde. "Ich habe gemerkt, dass das Internet einen passiv macht. Vielleicht können andere Menschen besser damit umgehen. Aber wenn ich nicht so viel Zeit online bin, bin ich einfach aktiver", sagt er. Wie er später leben will, weiß Paul immer noch nicht, findet das aber okay. "Vielleicht habe ich mir mit einem Jahr zu wenig Zeit genommen, um das herauszufinden. Ich weiß immerhin, dass ich was Kreatives machen will, wo ich mich ausleben kann."

Inwischen studiert Paul Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, ob er daraus etwas machen wird, wird sich zeigen. Immerhin hat er es schon wieder geschafft, ein Buch zu schreiben, das nicht nur seine Generation anspricht. Das aber manchen Abiturienten sicher inspirieren wird.

Urlaubsplanung: In diese Länder können Sie auch kurzfristig noch günstig reisen
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity