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Kampagne der Aktion Mensch: Verbale Attacken und körperliche Angriffe – so lebt es sich mit Beeinträchtigung

Mit einer Beeinträchtigung zu leben, ist vor allem dann schwierig, wenn aus der Gesellschaft nur Widerstand kommt. Null Toleranz, kein Respekt, erst recht keine Hilfe. Ändern kann sich das nur, wenn wir von klein auf inklusiv leben.

Eine Frau sitzt im Rollstuhl und hält Händchen

Wenn das Leben auf Augenhöhe ohnehin schwierig ist, hilft nur eine inklusive Gesellschaft

Getty Images

Man sollte meinen, wir hätten uns gebessert. Im Jahr 2019 gehen wir sensibler mit Sprache um, vermeiden Verallgemeinerungen à la "alle Jungen sind ..." sowie herkunftsbezogene Bemerkungen. Wir haben gelernt, dass es mehr als zwei biologische Geschlechter und darüber hinaus ein soziales Geschlecht gibt. Wir schreiben Kinderbücher um, wenn sie Rassismus enthalten. Auch wenn das nicht allen gefällt, ist das der richtige Weg – denn Sprache hat einen großen Einfluss auf unser Denken. Wie viel Macht Worte haben, erleben wir in jedem Wahlkampf, bei jedem Streit, bei jeder Liebeserklärung. Wo wir aber Optimierungsbedarf haben, ist im Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung, wie eine aktuelle Studie zeigt, die von der Aktion Mensch in Auftrag gegeben wurde.

Jeder Zweite erlebt Diskriminierung wegen Beeinträchtigung

Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat eine Umfrage unter 517 Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen gemacht. Mehr als die Hälfte der Befragten, 51 Prozent, hat dabei angegeben, Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht zu haben. Bei den 18- bis 50-Jährigen sind es mit 70 Prozent sogar noch deutlich mehr. Diese Erlebnisse hatten die Betroffenen nicht etwa in Ausnahmesituationen, sondern am häufigsten im Alltag: durch rücksichtsloses Verhalten, 60 Prozent, verbale Belästigung, 41 Prozent, oder sogar tätliche Angriffe, 11 Prozent. Verantwortlich dafür sehen 77 Prozent der Befragten jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft.

Was hilft, wissen wir eigentlich schon lange: Inklusion. Doch wir tun nicht genug dafür. Wer sich zum Beispiel mit Eltern von Kindern mit Down-Syndrom unterhält und hört, unter welchen Schwierigkeiten sie einen Kindergarten- oder Schulplatz für ihr Kind suchen müssen, kann kaum glauben, dass wir tatsächlich im Jahr 2019 leben. Und liest man sich Kommentare bei Facebook oder Twitter zum Thema Integration und Inklusion durch, mag man nicht glauben, dass sie tatsächlich von Menschen und nicht von programmierten Bots verfasst worden sind. Aktion Mensch hat in diesem Jahr ein Video zusammengestellt, das sich mit dem Hass in den sozialen Medien auseinandersetzt.

Woher kommt der Hass?

Was wir nicht kennen, macht uns Angst. Was uns fremd ist, verunsichert uns. Aus diesem Grund setzt sich Aktion Mensch dafür ein, der Diskriminierung erst gar keine Chance zu geben. Unter dem Motto "Inklusion von Anfang an" setzt sie auf ein gemeinsames Aufwachsen von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung. "Dann hat die Intoleranz keine Zukunft", heißt es in der Kampagne gegen Hass und für Inklusion. Wenn es normal wird, Rücksicht zu nehmen, weil nun einmal nicht alle Menschen gleich sind, verändert das unsere Gesellschaft. Wo früher Hass war, kann Toleranz entstehen. Wo Angst war, Selbstverständlichkeit.

Dann sieht die Zukunft vielleicht so aus, wie Aktion Mensch sie sich 2018 ausgemalt hat.

"Diskriminierungen in der Gesellschaft nehmen nach Ansicht der Mehrheit der befragten Menschen mit Beeinträchtigung (52 Prozent) sogar noch weiter zu", ergab die YouGov-Umfrage. Das bedeutet, dass wir Inklusion nicht nur zu langsam vorantreiben, sondern mit einem rückläufigen Effekt für die Gesellschaft. Ändern kann sich das nur durch mehr Präsenz von Menschen mit Beeinträchtigung im Alltag. Dazu muss die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben stärker gefördert werden – und zwar nicht erst, wenn die heutige Kinder-Generation erwachsen ist.

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