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Fahrt über den Atlantik: Alle Flüge gestrichen: Mann segelt fast drei Monate lang zu seinem 90-jährigen Vater

Mitten in der Coronakrise saß der Argentinier Juan Manuel Ballestero auf einer portugiesischen Insel fest und konnte nicht zu seiner Familie. Also überquerte er mit seinem Segelboot den Atlantik – ein lebensgefährliches Unternehmen.

Juan Manuel Ballestero reckt bei seiner Ankunft in Argentinien die Fäuste nach oben

Juan Manuel Ballestero bei seiner Ankunft im Hafen von Mar de Plata – fast drei Monate dauert die Überfahrt nach Argentinien

DPA

Viele Menschen hindert die Coronavirus-Pandemie daran, ihre Familien und besonders die älteren Angehörigen zu besuchen. Für Juan Manuel Ballestero war das besonders schwierig: Der Argentinier befand sich gerade auf Porto Santo, einer kleinen portugiesischen Insel im Atlantik, als das Coronavirus sich nach und nach auf der ganzen Welt verbreitete und auch sein Heimatland erreichte.

Ballestero wollte in dieser schwierigen Zeit gern bei seiner Familie sein und vor allem seinen Vater sehen, der in Kürze seinen 90. Geburtstag feiern sollte. Der herkömmliche Weg war aber versperrt: Argentinien hatte sämtliche Flugverbindungen gekappt.

Also wählte der passionierte Segler eine andere Route: Mit der "Skua", seinem Segelboot, machte er sich Mitte März auf die Reise, um den Ozean zu überqueren. Die Odyssee dauerte insgesamt 85 Tage.

Mit dem Segelboot nach Argentinien: fast drei Monate auf See

Am 17. Juni legte der 47-Jährige endlich an seinem Heimathafen Mar de Plata an, etwa 300 Kilometer von Buenos Aires entfernt. Dort erwarteten ihn bereits seine Familie und viele Reporter, denn sein Bruder hatte die Presse über das waghalsige Projekt informiert. Für den größten Teil der Überfahrt hatte Ballestero keine Möglichkeit zu kommunizieren. Mehr als 50 Tage lang hatte die Familie nichts von ihm gehört, sagte sein Vater der "New York Times".

Juan Manuel Ballestero mit seinem Vater

Juan Manuel Ballestero feiert das Wiedersehen mit seinem Vater

DPA

Sein Sohn hatte in dieser Zeit auf dem Meer viele Krisen durchzustehen. Nach seiner Ankunft berichtete Ballestero der internationalen Presse, wie es ihm ergangen war. Mitunter wurde es unterwegs sogar lebensgefährlich. "Ich habe gedacht, das wäre meine letzte Reise", sagte der Segler. Einmal sei er beinahe von einem großen Schiff gerammt worden. Vor der brasilianischen Küste erwischte eine Welle sein Schiff, Ballestero musste einen ungeplanten Zwischenstopp in Vitoría einlegen, der seine Reise um zehn Tage verlängerte. 

Trotz Warnungen: "Ich wollte alles tun, um nach Hause zu kommen"

Unterwegs ernährte sich der Argentinier von seinem Proviant, den er auf Porto Santo eingepackt hatte: Früchte, Reis, Thunfischkonserven. Die Behörden in Portugal hatten ihm dringend von der Reise abgeraten, nicht nur wegen der Gefahren auf See, sondern vor allem auch wegen der weltweiten Corona-Krise, die sich zu jener Zeit rasant zuspitzte. Sollte er umkehren müssen, sei nicht garantiert, dass er wieder portugiesischen Boden betreten könne, hieß es. Zudem war unklar, wie die Einreisebestimmungen in Argentinien zum Zeitpunkt seiner Ankunft aussehen würden. Ballestero aber ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen.

"Ich wollte nicht wie ein Feigling auf einer Insel bleiben, auf der es keine Fälle gab", begründete er seine Entscheidung in der "New York Times". "Ich wolle alles tun, um nach Hause zu kommen. Für mich war das Wichtigste, zu meiner Familie zu kommen."

Am schlimmsten war die Einsamkeit

Besonders schlimm, so berichtete es Ballestero der "New York Times", sei die Einsamkeit auf dem Ozean gewesen: "Ich war gefangen in meiner Freiheit", beschreibt er das Gefühl. In besonders schlimmen Momenten suchte Ballestero Zuflucht bei dem Whisky, den er ebenfalls eingepackt hatte. Umgeben von Wasser, fing er wieder an zu beten und Gott zu suchen. Und schließlich war die Natur es auch, die ihm die Ruhe zurückgab: zum Beispiel Delfine, die um sein Boot herumsprangen.

Gegen Ende seiner Reise konnte sich Ballestero immerhin über digitale Medien bei seiner Familie melden und sich mit anderen Menschen austauschen. Er setzte sogar einen eigenen Instagram-Account auf, auf dem er Eindrücke von seinem Segelboot aus und der Ankunft in Argentinien postete. 10.000 Menschen folgen ihm dort mittlerweile.

Im Hafen von Mar de Plata wurde Juan Manuel Ballestero sofort auf Covid-19 getestet, nach drei Tagen war das negative Testergebnis da. Dann war es geschafft: Ballestero konnte nach der fast dreimonatigen Atlantik-Überquerung endlich seinen Bruder und seinen Vater wiedersehen.

Quellen: "New York Times" / Juan Manuel Ballestero auf Instagram

epp

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