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Aus dem Gefängnis zurück ins Leben "In zehn Jahren bin ich Manager bei IBM"


Über ein Jahr saß Amir wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis. Das Leben des 25-jährigen Hamburgers wurde seit seiner Kindheit von Gewalt bestimmt. Wie er das änderte? Er fing an zu boxen.
Von Viktoria Meinholz

Das ist hier wie eine Familie. Hier kommst du her und jeder kennt dich mit Namen." Amir Benkalith* schaut sich zufrieden um, in seinem zweiten Zuhause. Mindestens viermal die Woche ist er bei Box-Out, einem gemeinnützigen Projekt für gewalttätige Jugendliche, um zu Boxen. Und am Wochenende, wenn mal kein Training ist, unternimmt er oft was mit seinem Trainer und den Jungs aus seinem Team. "Hier hilft einfach jeder jedem", erzählt er stolz. Box-Out war seine Rettung.

Wegen schweren Raubs und schwerer Körperverletzung wurde der heute 25-Jährige zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Das hätte der Anfang vom Ende für den jungen Mann aus Tunesien sein können. Warum es anders kam, kann er nur schwer erklären. Irgendwann habe es glücklicherweise "Klick" gemacht. "Im Gefängnis war einer, der war knapp 69 Jahre alt, ein ganz Schlimmer, den kennt in Hamburg jeder Polizist mit Namen. Der hat geweint, weil er Angst hatte, im Knast zu sterben. Ich dachte mir, okay, wenn so ein Typ, der schon ein bisschen was auf dem Kerbholz hat, hier eingeht, dann tja, schon schwierig …" Die Wörter verlieren sich langsam. Amir lacht. Er lacht viel, schaut sich immer wieder zu seinen Trainern und Teammitgliedern um, jeder hat ein nettes Wort für ihn, immer wieder wird dem ehemaligen Problemfall im Vorbeigehen stolz auf die Schulter geklopft.

"Normalerweise bin ich zwar ein netter Mensch", erklärt er noch immer lachend. "Aber für mich ist das so, ich konnte es noch nie ertragen, mich von jemandem klein machen zu lassen. Egal, der konnte drei Meter groß sein." Schwierigkeiten waren da programmiert. Es begann mit Problemen in der Schule. Weil Amir als Kind sehr krank war, fiel er für zwei Jahre aus, danach musste er neu eingeschult werden. Die meisten Jungs aus seinem Freundeskreis waren älter als er. Probleme hat er mit ihnen nie besprochen, dafür hätten sie ihn nur fertig gemacht. "Wir haben uns nichts sagen lassen, wir haben uns durchgeboxt. Nur auf andere Art und Weise als heute."

Bei Box-Out ist er durch einen Freund gelandet. Und hat sich gleich wohler gefühlt als bei den Anti-Aggressions-Trainings und Gesprächsrunden, die er zuvor besuchen musste. "Für mich ist dieses Reden in der Gruppe einfach nichts. 60 Prozent der Leute, die da sitzen, landen wieder im Gefängnis. Die werden da dicht gesabbelt, aber das interessiert die nicht wirklich. Aber wenn man hierher kommt, ist das anders. Hier bekommst du auch mal ein paar auf die Schnauze", er lacht. Christian Görisch hat sich neben ihn auf eines der weißen Sofas fallen lassen. "Vorher hat Amir sich nie anschreien lassen, dann hat er zurückgeschlagen", erzählt der Gründer von Box-Out. "Hier lernt er, dass es auch anders geht. Hier spürt er Konsequenzen und nimmt die auch an."

Mit Box-Out in die Freiheit

Nach einem Jahr und ein paar Monaten durfte Amir auf Bewährung raus. Auch dank Box-Out. Eine seiner Bewährungsauflagen besteht darin, dass er regelmäßig zum Boxen erscheint. Alle zwei Monate muss Christian Görisch eine Bescheinigung für Amirs Bewährungshelfer aufsetzen. Etwas, das der diplomierte Sportwissenschaftler sehr gerne macht. Schließlich ist der 25-Jährige der Beweis dafür, dass sein System funktioniert.

"Jeder, der mit Gewalt zu tun hat, der hat auch ein Problem mit Bildung. Das hängt immer zusammen. Gewaltprävention funktioniert durch Integration und Integration funktioniert durch Bildung", sagt Görisch. Deswegen bietet Box-Out auch eine schulische Betreuung an. Die Jugendlichen können nicht nur miteinander trainieren, sondern erhalten auch Nachhilfe und psychologische Unterstützung. Und mit dem Ende der Schulzeit hört die Hilfe nicht auf. "Ich muss sie lange begleiten, von der Schule bis zum Ende der Berufsausbildung. Erst wenn sie einen vernünftigen Job haben, ist die Gefahr kleiner, dass sie wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen", sagt Christian Görisch. Box-Out will den Jugendlichen eine andere Perspektive und Orientierung bieten, als ihre Familie. Ihnen zeigen, wie das Leben auch aussehen kann.

Ohne das Programm, da ist Amir sich sicher, wäre er längst wieder im Gefängnis. Stattdessen beendet er gerade seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Danach will er Abitur machen und BWL studieren, sein Zehn-Jahres-Plan: "Manager bei IBM."

Der Box-Out-Chef hätte indes nichts dagegen, wenn Amir Sozialpädagogik studieren würde. "Ich würde ihn sofort einstellen", sagt Christian Görisch. Schon heute geht Amir mit Box-Out in Schulen, um den Jugendlichen zu erzählen, wie das wirklich ist im Gefängnis. Ihm hören sie eher zu, als einem Schulpolizisten, der mit mahnendem Zeigefinger seine Regeln vorliest.

In seiner Berufsschulklasse gibt es einen, der ist ein bisschen auf der rechten Spur, wie Amir es ausdrückt. "Als Ausländer kränkt mich sein Gerede schon ein bisschen, aber ich scheiß drauf. Wenn der seine Sprüche bringt, dann fang ich an zu lachen. Früher hätte ich ihm 'nen Stuhl ins Gesicht gehauen." Doch durch das Training und die Betreuung bei Box-Out hat sich bei ihm etwas Entscheidendes geändert: Er weiß jetzt, dass er eine Wahl hat. Dass es auch anders geht.

Weglaufen ist nicht drin

Immer mehr Jungs mit Sporttaschen kommen vorbei, grüßen kurz und verschwinden dann im Herzen von Box-Out, der Trainingshalle. Gleich beginnt der nächste Kurs.

Doch warum gerade Boxen? "Ich brauch' das, um ein bisschen Ballast los zu werden", erklärt Amir. "Im Ring muss ich es zulassen, wenn mir einer ein paar ins Gesicht haut. Da muss ich mich trotzdem weiter an die Regeln halten und kann nicht weglaufen. Ich habe mich daran gewöhnt, auch in solchen Situationen, wenn andere stärker sind, ruhig zu bleiben."

In der Halle ist eine der Jugendgruppen dabei sich warm zu machen. Turnschuhe quietschen, es riecht nach Schweiß und Gummi. "Los, du auch", fordert sein Trainer Amir auf. "Nee, ich mach ja später bei der Truppe mit." "Wenn du hier bist, machste auch mit", fährt der Trainer ihm über den Mund. Amir lacht und setzt sich in Bewegung. Es hat "Klick" gemacht bei ihm.

*Name von der Redaktion geändert.

Box-Out und der stern laden am 9. Mai in Hamburg zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Jugendgewalt ein. Boxkampf inklusive. Nähere Infos finden Sie hier.


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