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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: "Das Seniorenhandy ist doch scheiße! Wir brauchen ein iPhone!"

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Dieses Mal muss sie sich ein bisschen über ihre Schwiegereltern wundern.

Eine alte Frau sitzt auf dem Bett uns starrt auf ihr Handy

PIN? PUK? Das Handy ist doch scheiße!

Getty Images

Meine Schwiegereltern ... was soll ich sagen. Die zwei sind wie Yin und Yang. Mein Schwiegervater ist sooooo zuckersüß, lieb und zuvorkommend. Meine Schwiegermutter ist echt nett, aber sooooo kompliziert! Ich kann das an dieser Stelle ganz offen schreiben, weil meinen Schwiegerelten das Internet äußerst suspekt ist und sie dieses Medienangebot nicht nutzen. Sie lesen lieber Tageszeitung. Weil im Internet kann ja jeder schreiben, was er will! Hat mich der Schwiegerpapa Karl das letzte Mal informiert.
"Ist dir das klar?! Jeder kann da ins Internetz reinschreiben!"
"Ich weiß schon, Karl", hab ich geantwortet, "aber man kann die Quellen schon einschätzen."
"Nein! Jeder kann da reinschreiben! Egal ob er Ahnung hat oder nicht!" Der Karl ist normal echt gechillt, aber da hatte er Blutdruck.
"Warst du denn schon mal im Internet?", hab ich neugierig gefragt.
"Na! Aber i hab drüber glesen!"

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Im Restaurant

Die Schwiegermama kommt ursprünglich aus dem Norden. Vor zehn Jahren sind die hier zu uns gezogen, aber die Inge kommt hier nicht klar. Wenn wir mit den Schwiegereltern zum Essen gehen, läuft das folgendermaßen.
Inge: "Können wir nicht den Tisch da hinten haben? An diesem Tisch hier zieht's!"
Bedienung deckt den Tisch hinten ein und alle nehmen Platz. Nach fünf Minuten bemerkt Inge, dass sie da schlecht hört aufgrund der Nebengeräusche im Gastraum.
Inge: "Können wir doch an den Tisch da drüben?"
Bedienung bittet die dortigen Gäste um Umzug und deckt neu ein. Inge ist jetzt mit dem Platz zufrieden und bereit, ein Getränk zu bestellen.
Inge: "Bitte ein Wasser!"
Bedienung: "Mit oder ohne Kohlensäure?"
Inge: "So mittel."
Bedienung: "Mittel gibt's nicht. Entweder mit oder ohne Kohlensäure."
"Waaaaas?", frägt Inge mir zugewandt. Sie trägt ihr Hörgerät nicht, weil sie davon angeblich Kopfweh bekommt. Nachdem der Kohlensäuregehalt geklärt ist, wird die Temperatur des Getränks zum Problem.
"Bitte nicht zu kalt", sagt die Inge.
"Also eher warm", sagt die Bedienung.
"Nein! Nicht warm!", sagt die Inge.
"Also so lau?" frägt die Bedienung.
"Nein!", sagt die Inge. Bis die Bedienung ratlos in die Runde blickt. Die Inge auch. Darauf folgt die Bestellung: "Könnte ich bitte das Jägerschnitzel bekommen, aber ohne Pilze, anstatt dem Salat ein Gemüse und ohne Spätzle und dafür Pommes? Und bitte kein Schweinefleisch!" Die Bedienung ist mittlerweile leicht angepisst: "Ja, aber das ist ja dann ein ganz anderes Gericht!"

Alle anderen am Tisch lassen beschämt die Stirn auf den Tisch fallen (samt dem Ehegatten Karl), während Inge irritiert umhersieht. Inge wurde versprochen, ihren Essenswunsch zu realisieren, deswegen ist die Stimmung am Tisch wieder besser. Bis die Inge nach 4,5 Minuten nachfrägt, wie lange das Essen noch dauert. Das ist dann der Moment, an dem der Koch wahrscheinlich uns allen ins Essen spuckt, stell ich mir vor. Nur mal so, um das Problem zu verdeutlichen, wie kompliziert die Frau ist. Dazu muss man noch sagen, dass die Inge 83 Jahre ist und der lustige Karl 89.

Ein Handy muss her

Das Problem ist jetzt, dass die beiden, eigentlich die Inge, sich ein Handy gewünscht hat. Gut, dachten wir uns, ist ja von Vorteil. Können die beiden Hilfe rufen, wenn's drauf ankommt. Also haben wir ihnen ein Seniorenhandy mit Notfallknopf gekauft, worauf eine mehrtägige liebevolle Einweisung in die (einfache) Technik des Geräts folgte. Folgende Probleme traten im Nachhinein auf.
Die beiden waren nie per Handy erreichbar. Egal wie oft wir angerufen haben. Also zu beiden hingefahren und nachgefragt.
"Ja, das Handy!", sagt die Inge.
"Weißt du, wo das ist, Karl?" Nach halbstündiger Suche wurde das Handy unter diversen Zeitschriften gefunden. Nächster Versuch: Die beiden sind nicht erreichbar. Abends kurz vorbeigefahren, um festzustellen, dass der Akku leer ist.
"Was ist denn der Akku?", frägt mich die Inge erregt.

Am nächsten Tag ruft mich der Karl in der Arbeit an und frägt zögerlich.
"Wie lädt man das Handy noch mal?"
"Mit dem Ladekabel, Karl ..."
"Aso!"

Der Notfallknopf

Samstagnachts um 3.20 Uhr bekommen wir eine telefonische Mitteilung, dass der Notfallknopf bei meinen Schwiegereltern gedrückt wurde. Wir fahren panisch im Schlafanzug zu den beiden, um meinen Schwiegervater mit Schlafstörungen vorzufinden: "Was macht's denn ihr da? I hab ned schlafen können und hab am Handy rumgspielt ..." Eine solche Notfallmitteilung bekamen wir dann 13 Mal in zehn Tagen. Letztens fragte ich die beiden, ob sie noch wissen, wo der Notfallknopf ist, weil zehn Tage Ruhe war.
"Welcher Notfallknopf?", haben sie mich gefragt.

Eine Woche später hat mich die Inge aufgeregt vom Festnetz angerufen, weil sie eine SMS bekommen hat. Was jetzt zu tun sei? Da war ich gerade im monatlichen Brainstorming in unserer Firma. Dann folgten panische Anrufe mit Fragen wie: "Wo ist noch mal das Telefonbuch?! Ich glaub, ich hab grade das gesamte Handy gelöscht. Es klingelt auf einmal nicht mehr, sondern vibriert! Weißt du, was ein PIN ist?? Weißt du, was ein PUK ist??? Achso, dann ist das blöd, wenn ich das jetzt dreimal falsch eingegeben habe?" Schlussendlich war der Akku immer leer, weil keiner dran dachte, das Handy auch zu laden, zumal es nur ab und zu auffindbar war.
"Wo ist eigentlich noch mal das Kabel??"

Ein iPhone muss her

Nachdem das mit den großen Seniorentasten nur so mittel funktionierte und dann auch noch ein Update fällig war, hatte die Inge jegliches Vertrauen in das Handy verloren und verlangte nach einem neuen.
"Das Seniorenhandy ist doch scheiße! Wir brauchen ein iPhone!", erklärte sie mir gestern. Ihre Nachbarin habe auch eins und sei damit sehr zufrieden.
"Ja, Inge!", versuche ich zu erklären. "Beim iPhone ist die Bedienung halt ganz anders ... und ein bisl schwieriger!"
"Ach, ihr Jungen seid's halt auch total unflexibel!", schüttelt sie augenverdrehend den Kopf.

Danke, Inge.

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