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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Hilfe, die Wanderer kommen! Die nächsten Touristen sind wieder da – und die erkennt man sofort

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Heute berichtet sie von Besuchern, die immer und überall auffallen. Und in so ziemlich jede Touristenfalle tappen.

Ein Wanderer filmt sich selbst vor einem Wasserfall

Jedes Abenteuer muss natürlich auch festgehalten werden

Getty Images

Wir haben hier verschiedene Hoch-Zeiten im Ort, in denen extrem viele Touristen kommen. Das ist zum einem während der Ski-Saison von Dezember bis Februar. Das sind die Wintertouristen. Wir sind darauf eingestellt und haben extra Skibusse zum Skiberg Brauneck, gemütliche Hüttenabende, Schlittenabfahrten von der Hütten-Einkehr und einen Glühweinstandl im Ort. Da gibt's jeden Abend ab 18 Uhr gemütlich Glühwein. In der Regel stehen da nur die ganzen Alkis vom Ort rum, aber das ist egal. Mia ham an Glühweinstand!

Der klassische Ski-Tourist

Es ist es schon wert, zum Skifahren hierherzukommen. Ist zumindest anspruchsvoll! Am Skiberg gibt's dann Hüttennudeln, Kaiserschmarrn, Kaspressknödel, Gröstel, Gulaschsuppen und Wiener Schnitzel. Während wir Einheimischen das alles nicht essen würden und zum Super-Asiaten im Nachbarort gehen. Aber der Touri mag's gern zünftig.

Die Ski-Touristen erkennt man daran, dass sie erst zum Skiberg kommen, wenn wir Einheimischen schon fertig sind mit Skifahren, weil der Touri "schön gemütlich" bis 11 Uhr frühstücken möchte. Ich verstehe ein zweistündiges gemütliches Frühstück nicht, weil mehr als 1,5 Semmeln kann doch eh keiner essen. Das dauert auch in gemütlich nicht länger als zehn Minuten. Deswegen kann man doch trotzdem um 8.15 Uhr am Skiberg sein, oder? Aber was weiß ich schon.

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Die Wanderer kommen

Im Sommer kommen die Wandergäste. Das ist dann so zwischen Juni und September. Dorf komplett ausgebucht. Beim Einkaufen erkennt man die Touris sofort. Natürlich am Dialekt. Aber auch am Equipment. Wimmerl-Tasche um den Bauch, Rucksack bei Mama, Papa, Leon und Jaspar. Ständiges "Nein, Jaspar. Bitte. Hör auf! Die Mama hat bitte gesagt! Jaspar! Der Papa hat auch bitte gesagt! Jaspar bitte! Hör auf! Jaspar! Hörst du ..." Oida!! Wir würden sagen: "XAVER! Du hältst jetzt die Pappn oder du bleibst die nächsten zwoa Tage in deim Zimmer! Is des klar!!!" Da gibt’s dann keine große Diskussion mehr.

Die vier (Mutti, Vati, Jasper und Leon) machen dann schöne Bergtouren auf den Geierstein oder den Fockenstein. Die Tour dauert normalerweise drei Stunden hin und zurück. Dann trifft man die vier Touris eine Stunde unterhalb des Gipfels, nachdem sie um 10 Uhr (frühzeitig!) losmarschiert sind. Mittlerweile ist es 18 Uhr, weil man als Einheimischer die Tour schnell am Feierabend macht. Am Rückweg trifft man also die vier, die einen fragen: "Wo geht’s denn hier zum Fockenstein?"
"Joahh … also da müsst ihr mindestens eine halbe Stunde zurück und dann der roten Wegmarkierung folgen, die alle zehn Meter ausgewiesen ist."
"Hab ich doch gleich gesagt, dass wir der roten Markierung folgen sollen!", sagt Mama.
"Aber der Berg hat eher so ausgesehen, dass man nach rechts gehen muss und mein Kompass hat das auch gesagt!", sagt Papi.
"Du hörst mir nicht zu! Die rote Markierung!"
"Schatz! Ich war bei der Bundeswehr! Ich kann mich orientieren!", antwortet Papa selbstbewusst.
"Aber es war falsch!!!" Mittlerweile ist Mutti frustriert.
"Ja, bei eurem Tempo seid's da so um 20 Uhr am Gipfel", unterbreche ich die beiden. "Ich glaub, des is mit den Kindern ned so gut. Weil dann wird’s bald dunkel ..."
"Achso!"

Der kleine Unterschied

Aber wissen Sie, was lustig ist? Ich trage Bergschuhe, kurze Hosen und hab eine Wasserflasche im leichten Wanderrucksack. Die Familie aus dem Westerwald, die bis zum Zusammentreffen 300 Höhenmeter in 6,5 Sunden gemeistert hat, ist ausgerüstet für eine Anfangstour im Himalaja. Inklusive Vorräte. Mama und Papa haben sogar Steigeisen dabei. Nur für den Fall. Für den Fockenstein mit 1800 Meter. Bei einer Ausgangshöhe von 800 Metern. Bei dem nicht mal der Weg gefunden wurde.

Die Mama hat Verpflegung für drei Tage dabei. Falls man eingeschneit wird. Im Juli. Aber Hauptsache, sie können daheim von ihrer Ultra-Berg-Tour erzählen. Bevor die Familie heimfährt, lässt sich die Mama im Ort ein original bayrisches Dirndl für 1600 Euro andrehen, das keine Einheimische Dame kaufen würde, weil es in Wirklichkeit vom Dirndl-King aus Simbabwe kommt. Und das sieht man auch. Derweil lässt sich der Ehegatte beim Kioskbesitzer vorm Dorfplatz einen original Gamsbart für den Hut andrehen. "Du bist a so a Netter, bei dir mach ma an halben Preis!" Die Haare stammen zwar nicht von einer Gams, sondern vom Hund des Kioskbesitzers, aber in Hamburg merkt das eh keiner.

Also ois easy.

Dann müssen noch Souvenirs her

Irgendwann dann der obligatorische Einkauf bei der Kräuterhexe – mit bayrischer Obatzda-Gewürzmischung, Kräuterschnaps und der original Murmeltiersalbe. Die Salbe kaufen sie alle. Die ist der Renner. Aber egal. Hauptsache, sie haben einen originalen, authentischen Blick ins Dorfleben! Deswegen gibt's auch immer einen Dorfabend. Mit Blasmusik, Bier, Schweinsbraten und Semmelknödel. Und sogar die Trachtler kommen extra vorbei und machen eine Mordsshow. Wenn wir in der Dorfgemeinschaft zusammenkommen, ist das einfach a total lustige Sauferei. Punkt.

Aber das lustigste mit die Touris ist das an der Isar. Da kann man nämlich "raften". Das Isar-Rafting! Wird ganz groß als Touristen-Arrangement angeboten. Es wird extra ein "Rafting-Boot" nach der einstündigen Einweisung zusammen an die Isar getragen. Alle haben Neoprenanzüge, Handschuhe und Helme an. Und Schwimmwesten! An der Isar ist das Wasser selten so hoch, dass man nicht stehen kann. Aber Hauptsache, es ist save für die Touris. Huiuiuiui! An der "Isarburg" sind ein paar kleine Stromschnellen und da fährt der "Rafting Guide" mit den Touris nur in Dreiergruppen drüber, weil ihm das zu gefährlich ist! Jajajaja. Ganz gefährlich! Anschließend tragen sie das Boot für die nächste Dreiergruppe wieder hoch.

Irgendwo ist jeder der Depp

Der "Rafting Guide" ist übrigens unser 17-jähriger Nachbarssohn, der es nicht auf die Reihe bekommt, sein Zimmer eigenständig aufzuräumen. Nur so zu Info. Auf jeden Fall fahren wir da immer mit unserem rosa Gummiboot vom Aldi runter. Seit 20 Jahren. Auch als die Kinder noch klein waren. Ohne Helm, Neoprenanzug und Schwimmweste. Nur in Bikini und Badehosen. An der "Mega-Stromschnelle-Isarburg" heben wir die Arme hoch und machen "Huhuuuuuu!", während der Träger Bier angebunden am rosa Schlauchboot hinterherschwimmt. (Das funktioniert wirklich!)

Aber wissen Sie, das ist egal! Die Touris kommen hierher und haben ein Mordsabenteuer. Passt ja! Es ist halt was Anderes als in der Stadt. Das ist ja auch okay. Wir machen auch Städetrips, in denen sich die Großstädter wahrscheinlich über uns kaputtlachen! Ich weiß! Die Dorftrottel sind in der Stadt.

Sorry, aber ich muss nur immer an die super ausgestattete Raftingtour und unser rosa Gummiboot denken. Und aus was für einem Teil vom Murmeltier die beliebte Salbe wohl eigentlich ist ...

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