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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Jeder kennt jeden im Dorf und nichts bleibt geheim, das ist manchmal etwas ... peinlich

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Wenn im Mikrokosmos ihres Dorfes mal etwas Ungewöhnliches passiert, weiß das sofort jeder. Das kann auch mal unangenehm werden.

Blick auf das Dorf Lenggries mit byrischer Zwiebelturm-Kirche

Das Bayrische Dorf Lenggries im Sommer: hübsch, klein und sehr, sehr bayrisch

Getty Images

Ich komme ja aus einem typisch urigen Bergdorf nahe der österreichischen Grenze. München ist für uns ein Ausflugsziel, um auch die kulturellen Ansprüche zu erfüllen. Aber da sind wir die Ausnahme hier in Sachen Kultur. 90 Prozent der Dorfbewohner leben in ihrem Mikrokosmos "Dorf". Das ist nicht weiter schlimm! Hat auch Vorteile, da bleibt das Leben halt auch einfacher. Ist zwar immer gleich, aber einfach! Auch ned blöd. Hier in Oberbayern mögen die Menschen keine Veränderungen. "Des hat's ja no nia ned gem!" ist ein gern gesagter Spruch, oder: "Des war immer schon so!"

Es gibt Sachen hier in Lenggries, die würden Großstädter äußerst irritieren, die Menschen hier aber würden das nicht mal bemerken. Ein Beispiel? Bei uns hat es noch so richtig Schnee im Winter. Ein halber Meter ist da gleich mal drin. Also muss man in der Früh aufstehen, die Einfahrt räumen, die beiden Autos freigraben und den Gehweg schippen. Anschließend läuft man drei Häuser weiter, um den alten Nachbarn zu helfen, die nicht mehr selber schippen können. Sowie zu Opa und Oma, die vier Minuten weg wohnen, zu Fuß.

Ein typischer Samstagmorgen im Winter

Es ist also ganz normal, dass man am Samstagvormittag mit Schneeschaufel über der Schulter durchs Dorf rennt und dabei diverse Bekannte und Freunde, ebenfalls mit Schneeschaufel über der Schulter, trifft. "Servus! Heid a scho friah unterwegs!" Von der Ehegattin wurde man beauftragt, gleich Semmeln und Brezen fürs Frühstück mitzubringen, deswegen gibt es beim Bäcker keinen Schirmständer, sondern lehnen eine große Anzahl an Schneeschaufeln an der Fassade. Bloß aufpassen, dass man die richtige wieder mitnimmt!

Oder einkaufen! Wir gehen im Winter am Wochenende immer in der Früh Skifahren, weil wir neben dem Skiberg wohnen. Danach fahr ich direkt zum Einkaufen. In voller Skimontur, weil es sich nicht rentiert, sich vorher umzuziehen. Wird man eh nur wieder voller Schnee. Fällt hier keinem auf, wenn man in Skiklamotten einkauft.

Mann kennt sich – und zwar sehr gut

Wir sind ja auch ein Touristenort. Deswegen versucht die Gemeinde immer, kleine Events zu organisieren wie Lichterfest, Weihnachtsmarkt, Dorffest, Waldfest oder Glühweingaudi. Wir Lenggrieser gehen da recht gerne hin – ist eine schöne Abwechslung. Dort treffen wir die ganzen Touristen plus ALLE anderen Dorfbewohner. Inklusive unserem Vermieter. Das ist der Karl. Ein ganz ein netter. Trotzdem schlage ich immer die Hände über dem Kopf zusammen, weil ich genau weiß, was jetzt passiert. Der Karl überredet ab jetzt meinen Mann zu einem Schnapserl und Rüscherl [roter Wodka mit Red Bull, Anm. d. Red.] nach dem anderen, weil's so lustig ist! Bis die beiden die mentale Grätsche machen, sich in den Armen liegen und sich gegenseitig bestätigen: "Du bist echt a guada, liaba Freind!" "Du a!" Ich glaube nicht, dass es normal ist, dass wenn man seinen Vermieter dreimal im Jahr trifft, es immer gleich endet. "Schaaaaatz! Ich hab' Kopfweh! Hast du eine Tablette? Ich glaub', ich werd krank."

Genauso der Kioskbesitzer. Mein Sohn ist erwachsen, aber der kennt den beim Vornamen seit er 15 ist. Neulich hab ich ihn zur Berufschule gefahren, als er mich bat, kurz beim Kiosk anzuhalten. "Kein Problem", antworte ich also "ich brauch' eh noch a Zeitschrift." Wir gehen zusammen rein und der Kioskbesitzer ruft, als er meinen Sohn sieht: "Hey, Max! Oida! Ois klar? Mogst a Biar? Kim eina! Mir tringa jetz oana zam ... oh Scheiße."  Vollendet er den Satz leise, als er mich sieht. Nach meinem strafenden Blick raunt er nervös meinem Sohn zu: "Was macht'n dei Mama do?"

Überhaupt. Wenn man einen neuen Nachbarn hat oder ein alter Freund vorbeikommt, sich ein Bekannter was ausleiht oder der Handwerker einen Kundendienst macht, wird gefragt: "Magst a Hoibe?" Das kann eine Hoibe werden, aber auch sechs. Kommt ganz drauf an. Aber zumindest ist's dann lustig.

Klassische Dorfpeinlichkeiten

Relativ normale Sachen, also Sachen, die Großstädter für ganz normal halten, können sehr ungewöhnlich auf die Dorfbevölkerung wirken. Gehen Sie doch mal vor der Oper in München im Abendkleid noch mal schnell beim Metzger rein, um den Braten für Samstag abzuholen. Da werden Sie aber angeschaut, wie ein Alien vom anderen Stern. Das mach' ich nie mehr wieder. Der ganze Laden dachte, ich hab' einen an der Klatsche.

Der Karl, unser Vermieter, hat ein Bauunternehmen und nebenbei eine kleine Landwirtschaft. 21 Kühe und 12 Sauen, an Haufen Hühner und eine Forellenzucht. Er schlachtet alles selbst. Als er letztens bei uns im Garten die dritte Hoibe trank, hat er irritiert auf das Kreuz in der Ecke hingewiesen. Mit Einschnitzung der Todesdaten und Initialen. Dass das Kreuz für unseren leider verstorbenen Hamster Edwin war, den wir hier todtraurig begraben haben, fand er äußerst amüsant.

Letztes Jahr hat mein Mann hier mitten im Dorf beim "Eisen-Gustl" den Profi-Grill mit Smoker gekauft. Nachdem wir festgestellt hatten, dass der nicht ins Auto passt, wurde ich beauftragt, den heim zu schieben. Hat ja eine Rollfunktion – kein Problem. Und weg war mein Mann. "Termin!" Also hab ich den Grill mitten durchs Dorf gerollert ...

Meine Top-3-Peinlichkeiten

Das Drittpeinlichste, das ich hier je erlebt hab', war, beim Apotheker mit der strengen Brille, über die er immer ernst drüberschaut, Scheidenpilzsalbe zu kaufen. Der wohnt zwei Häuser weiter und ist der Platzwart hier bei uns in der Straße. Boah, war mir das peinlich. Ich konnte nur errötend "Scheinpilssabe" flüstern. Der Apotheker-Nachbar hat mich streng angesehen und wortlos die Salbe geholt.

Das Zweitpeinlichste, das mir hier je passiert ist, war im Fasching letzten Jahres. Wir waren mit einem befreundeten Paar erst auf dem Faschingszug und anschließend in einer Kneipe. Mein Mann und ich waren etwas angetrunken, deswegen haben wir uns überreden lassen, mit in die Almbar zu kommen. Da gehen wir wirklich nie hin – es ist etwas ... sagen wir mal ursprünglich. Aber ist ja Fasching! Dachten wir uns. Dort haben wir direkt beim Reingehen unseren betrunkenen Sohnemann getroffen, der gerade unheimlich Spaß hatte, aber bei unserem Anblick, sofort nüchtern wurde. Wir auch. Den eignen Sohn beim Weggehen treffen ist scheiße. Für beide Seiten.

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Nummer drei: Bier, mal wieder

Der allerallerpeinlichste meiner Momente im Dorf war auch meinem Sohn geschuldet. Der zog im April aus. Er ist ja auch schon 19. Ist ok. Ich bin ja durchaus dezent, deswegen habe ich mich zurückgehalten, ihn mit Besuchen zu überfallen. Braucht erstmal Zeit für sich, der Bub. Dann fühlt er sich nicht eingeengt von mir und ich bin wieder im Spiel. Das war mein Plan. Nachdem ich also erfolgreich sechs Monate durchgehalten habe, um Essen und Wäsche immer an der Türschwelle zu übergeben wie im sterilen OP Bereich im Krankenhaus – Barriere! –  ging mir letzte Woche die Geduld aus. "Darf ich mal in die geheiligten Hallen?", hab ich also gefragt und wurde tatsächlich reingebeten.

Ich muss zugeben: Ich hätte es schlimmer erwartet. War sogar gesaugt. Bisschen Müll hier und da und die Küche hätte ich am liebsten sofort geputzt, aber es ging. Bis ich die Pfandflaschen im Bad entdeckt habe. Auf ein Meter fünfzig gestapelt. Ich hab spontan um die 150 Stück geschätzt. Auf mein Anmerken, die mal wegzubringen das übliche Bla Bla Bla: "Ja, ich mach' das gleich morgen ..." Macht der die nächsten drei Wochen nicht, war mir klar. Also haben mein Mann und ich am nächsten Tag eine Überrumpelungsaktion gestartet, früh geklingelt, die Schläfrigkeit des 19-Jährigen ausgenutzt und ganz schnell alle Flaschen rausgetragen. Am nächsten Tag hatte ich die Aufgabe, die am Pfandautomaten aufzugeben. Nur um es vorwegzunehmen: Es waren 236 Pfandflaschen. 44,80 Euro.

Wissen Sie, wie peinlich es ist, im Dorf, wo einen jeder kennt, 236 Pfandflaschen aufzugeben? Das waren zwei große Einkaufswägen, unten und oben voll. Beim Pfandflaschenautomat ist direkt daneben der Dorfbäcker mit diversen Sitzmöglichkeiten. Dort tranken mehrere Leute gemeinsam Kaffee. Die dachten bestimmt, ich bin jetzt eine Flaschensammlerin. Erklär das mal jemand! Ich hab mich auf jeden Fall in Grund und Boden geschämt, während ich die Flaschen nacheinander in den Automaten legte, als mir jemand auf die Schulter klopfte. Beschämt drehte ich mich um. "Servuuus! Habt's ihr a Festl ghabt? Wieso war 'n i da ned einglon?", strahlt mich Karl, der Vermieter, schelmisch an.

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