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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Nur unser Dorfpolizist, ganz ein netter, hat unseren Ort im Griff

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihr "Dahoam in Bayern" so zugeht. Dieses Mal schildert sie, was passiert, wenn Dorfpolizist Andi mal nicht da ist.

Ein Polizist aus Holz misst die Geschwindigkeit, doch die Straße ist komplett leer

Geschwindigkeit kontrollieren, wo gar nix los ist? Würde dem Andi nie einfallen!

Getty Images

Unser Dorfpolizist hat's nicht leicht. Der Unterstoisser Andi. Ganz ein Netter. Ich glaub, der Andi hat sich seine Karriere auch anders vorgestellt. Früher hat er immer von München geschwärmt und von der Kripo. Irgendwie hat es ned ganz gereicht, weswegen der Andi immer noch in Lenggries seine Runden dreht. Manchmal tröstet er sich mit dem Gedanken, dass er zumindest kein "Gradausfahrer" geworden ist – das ist die Autobahnpolizei. Tiefer kann man nicht sinken. Weswegen der Unsterstoisser mit seinem Job als Dorfpolizist seinen Frieden gemacht hat.

Der Tag vom Unterstoisser beginnt damit, dass er die Dorfwache aufsperrt und nachsieht, ob beim Polizei-Audi von 2009 auch noch die Reifen intakt sind. Dann gibt's den ersten Kaffee des Tages. Jetzt darf man nicht denken, dass der Andi dumm ist. Ganz im Gegenteil, der hat sein Dorf schon im Griff. Der Andi weiß genau, dass der alte Obermüller schwarz Schnaps brennt und den manchmal unter seinen Kollegen vertickt. Er schätzt die Lage aber so ein, dass der alte Obermüller ja niemandem schadet. Also lässt er ihn einfach. Solange keiner vom Schnaps blind wird, besteht kein Handlungsbedarf.

Der Andi weiß schon, mit wem er sich besser nicht anlegt

Gleiches gilt beim Basti. Das ist der Sohn vom Bürgermeister. Der hat hinterm Haus zwei prächtige Marihuana-Büsche stehen. Das weiß der Andi natürlich auch. Aber da der Basti eben nichts an seine jugendlichen Kollegen vertickt, lässt der Dorfpolizist auch ihn. Ist auch sehr anstrengend, sich mit dem Bürgermeister anzulegen. Das schätzt der Unterstoisser schon richtig ein. Bastis Mutter hat mir neulich erzählt, dass es kein Spaß ist, wenn in der Tiefkühltruhe etwas liegt, das beschriftet ist mit: "NICHT ESSEN!", weil der Basti ganz gerne lustige Kekse bäckt.

Letztes Jahr hatte der Andi ein Problem mit der Hoferin. Die Hoferin ist 84 und hat im Juni ein Auto angefahren, im Juli drei und im August sieben. Da hat der Andi ihr den Führerschein abgenommen. "Ja aber wie soin i jetzt zum einkafa kemma?!", hat die Hoferin traurig gefragt. Jetzt holt der Unterstoisser die Hoferin am Dienstag und am Freitag gegen elf zum Einkaufen ab. Mit dem Polizei-Audi. Die beiden fahren zum Tengelmann, er wartet 15 Minuten und bringt sie dann wieder heim. Bis jetzt war noch kein dringender Einsatz in dieser Zeit. Gott sei Dank. Aber der Hoferin ist schon sehr geholfen. Der Andi ist schon ein Netter!

Gute Tipps gibt er auch!

Bei den Jungs im Dorf ist es ein Schulterschlag, zum 18. Geburtstag ein Verkehrsschild zu klauen. Der Andi regt die Gratulanten dazu an, doch die 50er-Schilder in der Karwendelstraße zu klauen, weil er weiß, dass die Karwendelstraße bald eine 30er-Zone wird. Besonnen und klug. Er weiß, er kann es eh nicht ändern.

Auch am Bau: Der Unterstoisser fährt hin, steigt gewichtig aus und rückt sich langsam Uniform und Mütze zurecht. Währenddessen räumen alle Arbeiter eilig die Bierkästen weg. "Was trinkt's n ihr alle so?", wirft er als Frage auf die Baustelle. Alle Bauarbeiter schauen sich nervös um und zeigen anschließend gemeinsam auf die einzige Cola-Flasche neben der halb fertigen Treppe. "Cola!" Der Andi weiß natürlich, was gespielt wird, und antwortet: "Ihr alle? Des oane Cola!"

Alle stecken die Hände in die Taschen und schauen beschämt zu Boden, während der Andi die Baustelle mit den Worten verlässt: "Am Bau derft's nix trinken, Leid! Des ist gfährlich. Denkt's an eure Kinder." Alle Handwerker nicken bedröppelt und winken "Pfia Gott!". "Er hat ja recht ...", raunt der Maurer zum Zimmerer.

Er kennt seine Pappenheimer

Später rief die Frau Elke Kronert-Siegritz an – eine Zugezogene. Die beschwerte sich über die 30er-Zone an ihrer Mietwohnung und verlangte nach einer "Schrittgeschwindigkeits-Zone". Wegen der Umwelt! Der Andi hat sich den ganzen Schmarrn angehört und sich anschließend gedacht: "Ihr Grünen schweißelts doch eh alle ... wenn oane scho an Doppelnamen hat ..." [Das Verb "schweißeln" wird im Bayrischen auch für "stinken" verwendet, Anm. d. Red.]

Am Abend wurde der Dorfpolizist von der Kreisdirektion angehalten, eine Alkoholkontrolle an der Hauptstraße durchzuführen. Er stoppt also ein weiteres Auto und stellt erschrocken fest, dass darin der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr sitzt. Der war mit dem Auto seiner Frau unterwegs, deswegen hat ihn der Andi nicht erkannt. Der Dorfpolizist weiß natürlich, dass der Feuerwehr-Kommandant vom Stammtisch der Feuerwehr kommt und zu viel getrunken hat.

"Ja Bäda! Was mach' ma jetzt mit dir?" Der Feuerwehr-Kommandant Peter blickt bedröppelt drein. "Hmm", denkt der Andi nach, "was mach' ma'n jetzt?" Nach kurzer Überlegung fällt ihm ein: "Blinkertest! Bäda, mir mach'n an Blinkertest. Jetzt blink a mal rechts. Ja, super! Geht guad. Jetzt blink a mal links. Geht auch! Ja super, Bäda. Scheena Abend no und grüß die Evi!"

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Dann passierte etwas Schlimmes

Am Samstag trainiert der Andi die jungen Erwachsenen beim Fußball. Die spielen in der Bezirksklasse – also ganz gut. Die Jungs sind alle voll mit dabei und der Unterstoisser ist ein guter Trainer. Er nimmt die Jungs immer mal wieder auf die Seite, wenn er denkt, dass einer zu sehr über die Stränge schlägt. Die Jungs nehmen sich das zu Herzen. Bis vor zwei Monaten. Da hat sich einer der Fußballburschen hinters Steuer gesetzt und hatte einen schrecklichen Verkehrsunfall. Zu dem Unfall kam der Andi als Polizist dazu und es hat ihn wirklich erschüttert. Besagter Fußballjunge hatte Drogen im Blut und lag anschließend im Koma.

Das soll ja kein bedrückender Text werden, deswegen lös ich das jetzt gleich mal auf. Es ist alles wieder gut geworden! Der Bub wachte nach einer Woche aus dem Koma auf, ist wieder gesund und nimmt, glaube ich, sein Leben lang keine Drogen mehr.

Aber folgende Sachen geschahen danach bei uns im Dorf. Es kamen zwei Polizisten aus ... na ja, Auswärtige halt. Weil die ganze Sache den Andi so mitgenommen hat, dass er fünf Wochen Auszeit beantragt hat. Der eine Polizist war ein "offizieller", der andere ein Zivilfahnder.

Das Dorf steht kopf

Die Schnapsbrennerei vom alten Obermüller wurde ausgehoben und seine Kollegen im Ü-80-Klub bekommen jetzt keinen Schwarzgebrannten mehr.

Am Bau gab's furchtbar Ärger.

Die beiden Marihuana-Bäumchen beim Bürgemeister im Garten wurden entfernt und der Sohnemann hat ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetzes am Hals. So lange, bis die Oma äußerst überzeugend behauptet hat, das wäre ihr Gras. "Bei mir is doch eh schon wurscht. Mi sperrn die nimma ein!"

Die Hoferin hat jetzt keinen mehr, der sie zum Einkaufen fährt.

In der ersten Woche waren die Fußballburschen traumatisiert, aber nachdem der Kumpel wieder aufgewacht war, waren sie erst froh und hatten dann einige revolutionäre Gedanken bezüglich der neuen Polizisten. "Spinna die! Wia soin des gehn mit der Hoferin?? Und der Obermüller und da Bürgermeister-Basti erst!"

Die Dorfjugend schmiedet einen Plan

All das fiel in den Fasching, deswegen ging die gesamte Dorfjugend mit Handschellen, Plastikpistole und weißem Hemd auf alle Faschingsbälle und erläuterte allen: "Wir gehen als das dunkelste aller Geschöpfe! Als Zivilpolizist!" Es wurden gezielt wichtige Schilder geklaut. So was wir "Parken streng verboten!" oder "Vorfahrt gewähren", was ein ordentliches Verkehrschaos zur Folge hatte. Eines Abends kam unser Nachbarssohn stolz heim mit dem Außenlüfter der Polizeistation. "Die haben keine Heizung und Klimaanlage mehr bis der Andi wiederkommt!"

Dann fing die Dorfjugend mit einem Spiel an. Das hieß: so lange hinter dem Polizeiauto fahren, bis sie es merken. Und dann dran bleiben. Macht die Polizisten ganz kirre. Zumal die Dorfjugend groß ist. Gesteigert wurde das Unterfangen der Jugendlichen bei uns im Ort mit der Challenge: "Die Tür aufmachen und sich auf den Rücksitz setzen! Wer's am längsten schafft, hat gewonnen!"

Hab ich erwähnt, dass die Dorfjugend groß ist?

Da kam der Andi früher zurück

Die beiden Aushilfspolizisten waren irgendwann komplett überfordert und die Dienststelle hat beim Andi angefragt, ob er nicht bald wiederkommen könnte. Er würde auch in eine andere Gehaltsklasse überstellt. Seitdem verkauft der Obermüller wieder Schnaps, die Hoferin kann wieder zum Einkaufen. Der Bürgermeister-Basti-Sohn hat seine Lehren aus dem Unfall seines Kumpels gezogen und baut nix mehr an. Am Bau habens jetzt auch mehr Ehrfurcht. Nachdem der Unterstoisser erfahren hat, dass sein Schützling wieder gesund wird, konnte er auch bald seinen Dienst als Dorfpolizist antreten. Zur Freude aller.

Schee, wia's ois bei uns funktioniert, oder?

Was ändert sich durch das neue Polizeiaufgabengesetz? Die Antwort gibt's im Video.

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