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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Wir lassen die Kirche im Dorf – aber nur die katholische

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Die Rolle der Kirche etwa sollte man keinesfalls unterschätzen.

Ein Pastor hält eine Hostie in der Hand

Selbstverständlich geht der aufrechte Katholik in Bayern jeden Sonntag zur Kommunion!

Getty Images

Bei uns hier im bayrischen Oberland gibt es viele Dinge, die für uns ganz normal sind, aber auf Großstädter oder Nicht-Bayern etwas irritierend wirken. Kirche zum Beispiel spielt bei uns noch eine große Rolle. Wir haben hier eine große katholische Kirche, da gehen 90 Prozent aller Dorfbewohner hin, und eine evangelische Kirche, da geht der ganz Rest hin oder bleibt zu Hause.

In der richtigen Kirche, also in der katholischen, sitzen Männer und Frauen tatsächlich getrennt. Können Sie sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, oder? Aber die Männer sitzen rechts und die Frauen links. Die alten Familien haben noch Namensschilder an den Bänken und damit einen festen Sitzplatz, der von keinem anderen genutzt werden darf. Muss man natürlich ordentlich Spenden an die Kirche, damit das möglich wird. Die heilige Kommunion wird vollzogen und alle laufen nach vorne und holen sich brav ihre Oblate ab.

Zeremonien folgen klaren Gesetzen

Vergangene Woche war ich zur Taufe eingeladen. Meine Arbeitskollegin hat ein kleines süßes Mädchen bekommen und ihre Freundin aus Hamburg war Taufpatin. Der Pfarrer zieht also die Zeremonie durch und frägt die Taufpatin mit dem Baby im Arm feierlich: "Und was wünschen wir dem Kind?" Die Taufpatin ist mit den kirchlichen Ritualen nicht so vertraut und antwortete irritiert: " Ja ... dass sie gesund wird ... und glücklich und eine gute Ausbildung bekommt und ähhhh viele Freunde hat ..." Der Pfarrer hat mit den Augen gerollt, sie abgewürgt und gesagt: "Wir wünschen dem Kind die heilige Taufe." Dann hat er in der Taufzeremonie weitergemacht. Meine Arbeitskollegin und ich haben uns später kaputtgelacht.

Die heilige Erstkommunion ist eine ganz ernste Sache. Die Mädels bekommen ein weißes langes Kleid und gehen vorher extra zum Friseur. Vier Jahre später folgt die Firmung. Da dürfen sich die Jugendlichen selbst etwas zum Anziehen aussuchen. Hauptsache festlich. Bei uns hier kommen einfach alle in Tracht. Danach geht man mit der ganzen Familie samt Cousins, Cousinen, Nichten, Neffen, Opas, Oma, Tanten, Onkels usw. zum Essen. Ab 14.30 Uhr gibt's Kaffee und Kuchen und anschließend kommen alle 23 Personen noch zu einem nach Hause, wo es ab 17 Uhr Brotzeit gibt. Der folgt erst Wein, dann Bier, Schnapserl, Speck und Käse. Gegen 23 Uhr, weil alle schon blau sind, dann noch ein Schnapserl. Von der ganzen Fresserei ist einem drei Tage lang schlecht.

Bei der höchst gestellten Familie ist während der ganzen Prozedur der Pfarrer zu Gast und frisst sich durch. Das ist eine große Ehre!

Geschäfte werden in der Kneipe gemacht

Überhaupt ist der Pfarrer, der richtige – also nicht der evangelische, eine große Persönlichkeit bei uns im Dorf. Wenn die heilige Dreifaltigkeit (Pfarrer, Sparkassendirektor, Bürgermeister) zusammen beim Altwirt auf ein Bier sitzen, wissen alle anderen, dass jetzt etwas Wichtiges besprochen wird. Da traut sich keiner, sich dazuzusetzen. Da werden dann sehr wichtige Dinge entschieden, wie, ob der Bürgermeister dem Gemeinderat raten soll, dem Bauantrag des wichtigen Kunden vom Sparkassendirektor zuzustimmen, zumal der eine große Spende an die Kirche plant und der Pfarrer mit den Huber-Bauern ein großen Hirschen zum Schießen für den Bürgermeister vereinbart hat. Zu kompliziert? Na ja, das ist halt einfach Gschaftelhuberei. Eine Hand wäscht die andere. Das läuft hier ständig so bei uns.

Alle haben im Auto einen heiligen  Christophorus. Alle haben Pfingstzweige im Auto. Die kann man kaufen. Zu einer bestimmten Zeit im Jahr laufen die Frauen aus dem katholischen Frauenbund von Haus zu Haus und verkaufen die geweihten Pfingstzweige. Die sollen einen beschützen. Deswegen werden die von allen gekauft und ins Auto gehängt. Alle geben den Sternsingern, wenn die mit ihrem Weihrauchkram am Anfang des Jahres vorbeikommen, ordentlich Geld für die Kirche mit um sich ja nicht zu blamieren.

Die katholische Kirche ist sehr streng

Wir haben hier ein super Gymnasium – nur für Mädels. Da sind auch noch ein paar Nonnen! Kaum zu glauben, oder? Eine der Nonnen ist so dick, dass sie nur seitwärts durch die alte Tür von  Schloss Hohenburg kommt. Das St.-Ursula-Gymnasium ist wirklich ein altes Schloss im Bergwald mit Weiher, wie aus dem Film! Zuckersüß. Allerdings ist die Schule teilprivatisiert und in katholischer Hand. Deswegen muss man unterschreiben, dass man sein Kind im katholischen Glauben erzieht. Ernsthaft! Ansonsten darf das Kind nicht auf die Schule.

Überhaupt ist hier alles in katholischer Hand. Bald jedes zweite Grundstück hier gehört der katholischen Kirche. Ich weiß auch nicht so genau, wieso die dann so viele Spenden brauchen, aber es läuft hier auf jeden Fall für die Kirche.

Todesfälle sind eher gruselig

Wissen Sie, was wirklich gruselig ist? Wenn jemand stirbt! Nicht weil derjenige tot ist, sondern aufgrund der skurrilen Rituale. Direkt nach der Beerdigung geht man samt Pfarrer zum Leichenschmaus (ja, es heißt wirklich so). Das wird dann wieder ein kleines Fressgelage wie bei der Firmung und alle sind lustig, betrunken und lachen. Obwohl einer ja tot ist! Wenn es besonders gut war, wird anschließend gelobt mit den Worten: "Des war a bsonders scheene Leich!" Joah, Ironie wird hier groß geschrieben.

Davor ist das Rosenkranzbeten. Das ist noch gruseliger. Wissen Sie, was ein Rosenkranz ist? Das ist eine Gebetskette. Die muss man pro Perle durchbeten. Also immer zehn Ave Maria auf ein Vaterunser. Uuuuuunendlich lang. Beim Rosenkranzbeten (das findet am Abend  vor der Beerdigung statt) sitzen die sechs ältesten Dorfweiber, die sonst nichts zu tun haben, und beten in einem irritierenden Singsang den ganzen Kram auf und ab, während die Angehörigen wortlos dabei sitzen. Echt strange – selbst für mich.

Manchmal sind wir erstaunlich flexibel

Es gibt auch ganz nette Sachen. Meine Tochter hat eine ganz liebe Kletterfreundinn, die sehr gläubig ist. Als meine Tochter nach Köln ging, um zu studieren, hat sich besagte Kletterfreundin Hannah verabschiedet mit: "I glab, i kon die ned ohne a bisl Hilfe gehen lassen. Hier, nimm die heilige Barabara mit. Die passt auf dich auf, wenn i ned do bin!" Und reichte ihr ein hübsches Heiligenbild. Süß, oder?

Na ja. So haut's schon hin mit der Kirche bei uns. Eigentlich. Jetzt ist aber unser alter Pfarrer in Rente gegangen und wir haben einen neuen bekommen. Der ist schwarz. Können Sie sich das vorstellen? Hier bei uns im Hinterwäldler-Dorf. War ein Riesendrama! Schön, langsam wird's wieder. Nachdem die Rosenkranz-Beterinnen gemerkt haben, dass er wirklich gläubig ist, haben die grünes Licht gegeben und die Dorfbewohner sind langsam aufgetaut.

Uns interessiert das alles Gott sei Dank nicht so. Meine Tochter hat auf ihrem Nummernschild aus Revolutionsgründen die 666 und ich halte mich an das Motto: "Fuck Heaven – I will go to Valhalla!"

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