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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Abi-Reisen früher und heute: Wir waren dauernd besoffen, meine Tochter macht in Kultur

Für den stern erzählt Autorin Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Dieses Mal wundert sie sich über die Spießigkeit ihrer Tochter. Und über sich selbst.

Zwei Mädels in Berlin machen ein Selfie

Zwei Bayerinnen in Berlin – schnell mal 'n Selfie machen! (Symbolbild)

Getty Images

Meine Tochter möchte ein paar Tage verreisen. Der Grund: Abi-Stress. Das ist aber nur der Vor-Abi-Trip. Der Nach-Abi-Trip kommt dann natürlich auch noch. 95 Prozent der Mitschüler meiner Tochter fangen nicht sofort an zu studieren, sondern fahren erst mal ein halbes Jahr weg. Um Erfahrungen zu sammeln. Kommt man später nämlich nicht mehr dazu. Das ganze nennt sich dann Transatlantischer Working mit landestypischen kulturellen und puristischen Eindrücken. In Wirklichkeit ist das aber nur Kiwipflücken in Neuseeland oder Australien. Ich bin mir nicht ganz sicher, welche großartigen Erfahrungen man beim Kiwipflücken sammeln kann, aber was weiß ich schon. Aber wir sind ja erst beim Vor-Abi-Trip.

So einen Trip zu planen, erfordert einiges an Überlegung, wenn man die Tatsache zugrundelegt, dass man in dem Alter permanent pleite ist. Das war bei uns früher genauso. Deswegen haben wir aber auch nur eine Nach-Abi-Reise gemacht. Das lief dann so: Man hat sich zu fünft zusammengetan und der Einzige der Mitreisenden, der einen gültigen Führerschein hatte, hat im Vorfeld, zwei Wochen lang, seine 74-jährige Tante angebettelt, dass die ihm für fünf Tage ihren 17 Jahre alten Fiat Panda leiht. Fünf Personen und Gepäck in einen Fiat Panda, das ist eine kleine Herausforderung. Deswegen haben wir unsere ganzen Klamotten in Plastiktüten gestopft, um damit die verbliebenen Hohlräume des Fahrzeugs zu füllen. Die Mitfahrer rechts und links auf der Rückbank hatten es etwas unbequem, da in ihrem Fußraum jeweils eine Kiste stand. Deswegen wurde bei jedem Pinkelstop rundrum durchgetauscht. Sind ja auch nur 850 Kilometer nach Bibione.

Wenn der Pegel stimmt, kann man auch auf dem Boden schlafen

Einer unserer Gefährten hatte ein Vier-Mann-Zelt organisiert, das wir dankbar angenommen haben mit den Worten: "Da passt schon noch einer mehr rein!" Das Zelt war am Dach des Fiat Panda samt fünf Luftmatratzen festgezurrt, die im Fahrtwind lustige Geräusche machten. Der Urlaub ging gleich schon bei Kilometer eins los, indem sich alle, außer der Fahrer, ein Bier aufmachten. Am Brenner waren wir dann so gut drauf, dass wir im Stau stehend: "Wir wollen hüpfen, hüpfen, hüpfen, wollen hüpfen, hüpfen …" sangen und dabei das Fahrzeug so durchrüttelten, dass ein Achsbruch drohte und wir die anderen Autofahrer im Stau sehr amüsierten. 200 Kilometer vor dem Ziel war einzig der Fahrer noch wach.

Auf dem versifften, überteuerten Campingplatz angekommen, wurde unter erneutem Einfluss von Bier versucht, das Zelt aufzubauen, von dem keinerlei Beschreibung vorhanden war. Nach zwei Stunden stand es zwar irgendwie, aber mit Sicherheit nicht so, wie sich das der Hersteller vorgestellt hatte. Spät abends haben wir irgendwann festgestellt, dass zwei der fünf Luftmatratzen kaputt sind, aber auf dem Boden schlafen ist nur eine Frage des Alkoholpegels.

Fünf Tage Daueralkoholkonsum

Die gesamte Urlaubskasse ging für Bier und Pizza drauf. Und zum Frühstück wurden die Reste der Pizza des Vortages unter allen gerecht aufgeteilt. Am Tag der Heimreise sprang selbstvertändlich das Auto nicht mehr an und man musste dem Campingplatz-Chef, der kein Deutsch sprach, klarmachen, dass er uns in die nächste Werkstatt schleppen muss – ohne mehr italienische Wörter zu kennen als prego, grazie und birra. Nach dreistündiger Wartezeit in der nicht ganz vorbildlich geführten Hinterhofwerkstatt zahlten wir anschließend fast unser gesamtes Benzingeld für das Einsetzen einer neuen Zündkerze.

Nach zehnstündiger Fahrt daheim angekommen, gezeichnet von fünftägigem Daueralkoholkonsum und zeitgleichem Schlafmangel, löste man bei den eigenen Eltern aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes größtmögliche Besorgnis aus und war für drei Tage zu nichts mehr zu gebrauchen. Außerdem musste man die verschiedenen Schäden an und Zelt den Ausleihendem erklären und teilweise ersetzen, heißt: Das Zelt konnte man wegschmeißen und mit dem Auto konnte die Tante auch nicht mehr viel fahren.

Das Ganze hat dann insgesamt gekostet: 200 Mark Benzin, 76 Mark Maut und Autobahngebühren, 180 Mark Zeltplatzgebühren, 60 Mark für Bier (Reise), 323 Mark für Bier (vor Ort), 250 Mark für Pizza, 189 Mark für den einen Abend in der Dorfdisco, 90 Mark für drei neue Luftmatratzen und 276 Mark für drei Stunden Warten in der Werkstatt wegen einer neuen Zündkerze. Macht summa summarum 1644 Mark insgesamt, also zirka 330 Mark pro Nase.

Heute läuft das anders

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Während Fräulein Tochter zusammen mit einer Freundin eine fünftägige Berlin-Reise favorisiert und klugerweise einen Flixbus herausgesucht hat, der hin und zurück 44 Euro kostet. Dazu hat sie gleich das Berlin-Ticket gefunden – damit kann sie dort während der ganzen Zeit kostenlos U-Bahn und Tram benutzen. Und hat noch vergünstigten Einlass in alle Museen und Attraktionen. Außerdem schlafen die beiden in einem hübschen Drei-Sterne-Hotel, das sehr zentrumsnah gelegen ist und nur 32 Euro pro Nacht kostet. Für zwei Personen!

Das Mädel fährt also am Montag um acht Uhr gut gelaunt los und kommt nach siebenstündiger Fahrt, während der sie entspannt geschlafen hat, ebenso gut gelaunt in an. Dort sieht sie, zusammen mit ihrer Freundin, diverse Museen, Ausstellungen und Touri-Ziele an, um abends nett in irgendwelchen Kneipen am Kuhdamm zu essen. Ihrem Bruder hat sie versprochen, dass sie mal schaut, ob sie ihm irgendein feines Gras mitbringen kann. Geld für Alkohol brauchen die Mädels praktisch keines. Einzig am letzten Tag trinken die beiden ein Radler. Zusammen. Freitagabend trudelt eine entspannte Thronfolgerin bei uns zu Hause ein, voller fröhlicher Erinnerungen. Sie gibt also aus: 44 Euro Flixbus, 128 Euro Hotel, 36 Euro Berlin-Ticket, 64 Euro Essen und Trinken, 12 Euro zusätzliche Eintrittsgelder. Macht summa summarum: 160 Euro pro Nase.

Fragen über Fragen

Irgendwie hat sich die Abi-Reise (vorher oder nachher) doch sehr verändert. Wieso bekommt die das viel erwachsener auf die Reihe als wir früher? Und wieso waren wir damals ständig besoffen? Fragen über Fragen. Sind unsere Kinder klüger als wir? Sind die erwachsener und reifer als wir in dem Alter? Woher kommt denn das ganze kulturelle Interesse? Ich würd ihr ja eher raten: "Mach mal einen drauf!" Aber meine Tochter möchte lieber auch die abstrakten Aspekte unserer Haupstadt erkunden. Am liebsten korrekt organisiert. Gibt einem zu denken, wenn sich die eigene Brut viel erwachsener verhält als man selbst in dem Alter.

Aber mal ganz ehrlich! Ich glaube, wir hatten viel mehr Spaß! Alle waren immerzu besoffen und alles war immer nah an der Katastrophe – aber wir hatten Spaß! Auch wenn keiner organisiert war. Und man nach dem Urlaub erst mal drei Tage Urlaub vom Urlaub brauchte.

Ein kleiner Trost sind immerhin die Worte meiner Tochter zwei Tage vor der Reise: "Mom, kannst du bitte den Flixbus, die Berlin-Card und das Hotel buchen? Ich kapier' nicht so ganz, wie das geht."

So viel zum Thema erwachsen. Aber keine Sorge. Das Erwachsenwerden kann sie ja dann beim Kiwipflücken noch lernen.

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