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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Bayern überleben oder: "Nur der Herrgott und der Metzger weiß, was im Leberkas drin ist"

Für den stern erzählt Autorin Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Dieses Mal bereitet sie ihre Leser mit lebenswichtigen Tipps auf einen möglichen Besuch in Bayern vor.

Semmeln mit Leberkäse und ein Glas Bier

Leberkäse gehört zu den Grundnahrungsmitteln der Bayern. Eingekauft wird die pastetenförmige Brühwurst am besten beim Metzger des Vertrauens.

Getty Images

Hier bei uns im echten Bayern geht’s noch so richtig zünftig zu. Auch in Bezug auf die Sprache. Es gibt viele Wörter oder Redewendungen, die verstehen schon die meisten Leute in München nicht mehr. Ein kleines Beispiel: Hirnbatzerl. Schon mal gehört? Ein Hirnbatzerl bekommt man, wenn man etwas schwer von Begriff ist oder gerade auf der Leitung steht. Dabei schnippt einem das Gegenüber mit Daumen und Zeigefinger an die Stirn. Zunk. Ich habe von meinem großen Bruder in meiner Kindheit viele Hirnbatzerl bekommen.

Das Pendant zum Hirnbatzerl ist ein Näga. Das ist nichts Rassistisches, sondern auch etwas Schmerzhaftes und zwar, wenn einem jemand mit den Knöcheln der geballten Faust kurz, aber heftig auf den Oberarm haut. Das Ziel ist, dass dadurch ein kleiner blauer Fleck entsteht. Den Näga bekommt man, wenn man als kleine Schwester seinen großen Bruder und dessen Freunde nervt. Ich hatte in meiner Kindheit ständig blaue Oberarme.

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Schafkopfen, das bayrischste Spiel von allen

Wenn man dann so zehn, elf Jahre alt ist, kann man schon mal zum Brunzkartler werden! Das ist aber gar nichts Schlimmes, sondern so: Bei jeder Freiwilligen Feuerwehr, jeder Bergwacht, Wasserwacht, jedem Schützenverein usw. gibt es am Samstag und Sonntag einen Frühschoppen. Das ist wie ein Stammtisch, nur schon am Vormittag. Eigentlich haben das, glaube ich, irgendwann die Männer erfunden, um ihren Bierkonsum bereits am Vormittag zu legitimieren. Da gibt’s dann immer einen Tisch, an dem diskutiert, politisiert und gelästert wird und einen Tisch, an dem Schafkopfen gespielt wird.

Schafkopfen darf man nicht unterschätzen. Das ist ein kluges Spiel, das dem Skat ähnelt. Je nachdem, in welchem Verein der eigene Vater aktiv ist, darf man manchmal zum Frühschoppen mitkommen – aber nur, wenn man die anderen nicht nervt. Da es am Gesprächstisch rasch langweilig wird, sitzt man in der Regel bei den Schafkopfern und schaut zu, zumal man sich ohnehin im eigenen Familienkreis fleißig in dieser Kunst übt. Wenn einer der vier Mitspieler aufs Klo muss (brunzen), ist die größte Ehre, die einem zuteil werden kann, wenn man als Kind gefragt wird, ob man "aufheben" möchte. Aufheben heißt, für denjenigen weiterzuspielen, der währenddessen auf der Toilette ist. Man ist also der "Brunzkartler".

Obacht!

Beim Schafkopfen wird in der Regel der Tarif 10 Cent/50 Cent gespielt. 10 Cent für ein Sauspiel mit einem anderen zusammen, 50 Cent für einen Wenz oder ein Solo gegen alle anderen. Dem Brunzkartler wurde der Einsatz des Schafkopfers überlassen, er wird also demütig nur Sauspiele spielen. Sollte er derart gute Karten haben, dass er einen Wenz oder ein Solo wagt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Im Erfolgsfall wird ihm größtmöglicher Respekt mit den Worten "Des hast fei guad gmacht, Bua" gezollt. Im Falle eines Misserfolgs war das sein letzter Einsatz als Brunzkartler. 

Wenn einer der Schafkopfer am Tisch keine guten Karten erhält, kann sich dies in unterschiedlichen Flüchen äußern. Er könnte etwa nur "Zefix!" sagen. Er könnte aber auch: "Himmelherrgott-kruzefixsackelzementscheißdrecksglumpverreckts!" sagen. Würde beides das gleiche bedeuten.

Grüßen und einkaufen

Falls Sie mal in der Gegend Urlaub machen, ein paar Tipps: Sagen Sie nicht "Hi", nicht "Hallo" und auf gar keinen Fall "Tschüs"! Sagen Sie Grüß Gott und Pfiad Gott. Wenn Sie auftreten wollen like a Pro, sagen Sie Habadiehre! in beiden Fällen. Ein Servus geht auch immer. Im Begrüßungs- und im Verabschiedungsfall. Das wird gehandhabt wie salut im Französischen. Es gibt im Bayrischen überhaupt viel, das aus dem Französischen übernommen wurde, wie Vis a vis oder Kanapee.

Wenn Ihnen die Verkäuferin etwas gibt, sagen Sie nicht "Danke", sondern Vergelt's Gott. Die Verkäuferin wird antworten: Segn's Gott (Segne es Gott). Sagen Sie beim Metzger auf gar keinen Fall Wuarst, sondern Wurscht! Sagen Sie auch nicht Frikadelle oder Bulette, sondern Fleischpflanzerl. Sagen Sie nicht Leberkäse, sondern Leberkas. Letzterer spielt in unserer Geschichte und unserem Leben eine große Rolle. Die früheste Kindheitserinnerung ist eine Leberkassemmel. Da wir hier in Bayern mit der Zeit gehen, gibt's natürlich auch neue Leberkas-Sorten wie Kas-Kas (mit Käse), Pizza-Kas (mit Salami und Schinken) und Koibs-Kas (mit Kalbfleisch). Ein geflügeltes Wort bei uns ist: Nur der Herrgott und der Metzger weiß, was im Leberkas drin ist ...

Komplimente und das Gegenteil

Das höchste Lob für eine Frau lautet: Des is a sauberns Madl! Das höchste Lob für einen Mann lautet: Des is a strammer Buasch! Das höchste Schimpfwort, das es im Urbayrischen gibt, ist oreidig. Das kann man nicht direkt ins Deutsche übersetzen, weil es keine richtige Entsprechung dazu gibt. Es bedeutet irgendwas zwischen unwürdig, unsauber und jemand, mit dem man keinen Umgang möchte. In Bezug auf einen Menschen ist das die schlimmste Bezeichnung, die man aussprechen kann und sie ist praktisch nicht zurückzunehmen. Bei Harry Potter wäre das der Todes-Fluch.

Wenn ein Eingeborener Sie frägt "Is' Regierung a do?", meint er nicht Frau Merkel, sondern Ihre Frau. Dann gibt es noch ein paar Wörter, die sollte man überhaupt nicht sagen. Eins davon ist lecker. Ich hab einmal in meiner Kindheit "lecker" gesagt und direkt von meinem Vater eine Knackfotzen bekommen. So entsetzt war er. Eine Knackfotzen ist weit weniger schlimm, wie es sich anhört. Es ist lediglich ein kleiner Patscher an den Hinterkopf und tut nicht weh. Ich hab trotzdem nie wieder lecker gesagt. Bitte sagen Sie auch nicht Maaaaas, wenn Sie einen Liter Bier wollen. Das heißt Maß!! Und es ist kein Gerööööstel. Es ist ein Gröstl!

Hier noch ein kurzes Bayern-ABC:

  • tramhappert – noch schläfrig, gerade aufgewacht, nicht fit
  • Nasenramme – Nasenausfluss, Popel
  • Haisl – Toilette, WC oder eine andere Stelle (z. B. auch in der Natur), an der man sich erleichtern kann
  • Sparifankerl – außerordentliche und nicht angebrachte Besonderheit bzw. Ärgernis
  • hoibscharig – nur zur Hälfte bei der Sache, nur zur Hälfte zu Ende gebracht, nicht mit ganzer Willenskraft
  • schiach – hässlich, nicht liebenswert, negativ
  • schnackseln – Liebe machen, miteinander schlafen bzw. starke sexuelle Interaktion
  • Zipfelklatscher – kann als Beleidigung gemeint sein, kann aber auch ein verbindender ironischer Ausdruck unter Freunden sein

Alles in allem sind wir ja sehr nett und aufgeschlossen. Egal, welchen Dialekt Sie reden. Wir gehen hier schließlich mit der Zeit und lernen, mit den Preißn zu reden. Ois easy! Es gibt nur eine Todsünde. Wenn Sie diese begehen, wird Ihnen das niemals verziehen werden. Sie werden vom ganzen Dorf mit Schimpf und Schande vom Acker gejagt! Das ist wirklich ernst. Achtung! Ich kann es nur ganz leise schreiben! Bereit??! Essen Sie niemals eine Weißwurst mit Ketchup!!!

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