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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Der Teenager ist so vergesslich, ohne Zettel läuft bei uns goar nix!

Für den stern erzählt Autorin Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Dieses Mal erklärt sie, warum zu Hause ohne Zettelkommunikation gar nichts läuft.

Ein Teenager wäscht Geschirr ab

Ohne Zettelerinnerungen vergessen die Teenager im Hause Herrmann alles! (Symbolbild)

Getty Images

Zettel spielen in unserer Familie eine enorm große Rolle. Ohne Zettel läuft gar nichts.  Das hat insbesondere damit zu tun, dass alle zu unterschiedlichen Zeiten zu Hause sind und auch zu unterschiedlichen Zeiten essen. Wenn ich zum Beispiel abends aus dem Büro komme, sehe ich manchmal noch kurz meinen Sohn, der gerade dabei ist, auf die Pirsch zu gehen. Wenn ich dann gegen halb elf langsam neben meinem Mann auf dem Sofa wegdöse, erlebe ich ihn manchmal noch, wie er von der Pirsch zurückkommt. Natürlich hat der dann Hunger. Eine Zeitlang hat er abends immer angefangen, sich noch irgendwas Ungesundes aus der Tiefkühltruhe anzubraten oder in den Ofen zu schmeißen, was meinen Mann tierisch aufgeregt hat. Deswegen koche ich jetzt immer etwas vor, das er sich dann, mit minimalem Lärm warm machen kann. Das halten beide männlichen Herdenmitglieder für aktzeptabel.

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Wenn ich aber will, dass der dazugehörige Topf, die Pfanne, Schüssel und der Pfannenwender auch abgespült werden, muss ich dafür einen Zettel schreiben. Außerdem einen Extra-Zettel für den Deckel. Wenn ich den Zettel nicht schreibe, bleiben alle Kochutensilien angesaut in der Spüle stehen. Topf / Pfanne / Wender werden dank des Zettels abgespült und auf den Ablauf gelegt. Wenn ich will, das auch noch abgetrocknet wird, muss ich das extra dazuschreiben. Sonst wird's nicht gemacht. Das Gleiche gilt fürs Einräumen. Der Zettel lautet dann also in etwa so: "Topf, Pfanne, Pfannenwender UND Deckel abspülen, abtrocknen und wegräumen sowie den Teller in die Spülmaschine räumen. Auch das Besteck!!" Alles, was ich vergesse draufzuschreiben, wird auch nicht erledigt.

Er vergisst ALLES!

Wenn ich will, dass unser Sohn die beiden Katzen füttert, wenn wir nicht da sind, schreibe ich einen Zettel mit: "Katzen füttern!!" und hänge ihn ins Bad an den Spiegel. Der wacht auf und denkt sich: "Stimmt. Muss ja die Katzen füttern." Dann geht er runter in die Küche. Da hängt der nächste Zettel mit "Katzen füttern!!" am Kühlschrank. Sohnemann denkt sich: "Stimmt! Hab ich schon wieder vergessen." Bevor er das Haus verlässt, liest er den dritten Zettel mit "Katzen füttern! Jetzt wirklich!!", der innen an der Haustüre klebt. "Fuck! Ganz vergessen." Denkt er sich, geht wieder rein und füttert die Katzen dann auch tatsächlich, die während der ganzen Zeit kläglich miaut haben, ohne dass er es zu Kenntnis genommen hätte.

Wohingegen unser kleiner weiblicher Nerd gern mal bis morgens um eins irgendwelche komischen Rollenspielchen am PC mit einem Japaner, Australier und Einwohner der Fitschi-Inseln spielt, die dann zusammen eine Einheit bilden, die gegen einen Amerikaner, einen Litauer, einen anderen Deutschen und einen Schweizer in einer imaginären Welt ihre Grenzen verteidigen müssen. Weshalb es unserer Tochter nicht möglich ist, zu normalen Essenszeiten den Kontakt mit den anderen Herden-Mitgliedern zu suchen, sondern sich stattdessen nachts um zwei eine Pizza in den Ofen schiebt. Sorry, aber der Japaner kann jetzt keine Rücksicht auf unsere Zeitzone nehmen, zumal alles auf den absoluten Endkampf rausläuft. Die Pizza wird zu vier Fünfteln gegessen und der Rest in den Kühlschrank gepackt, versehen mit einem Zettel: "Meine Pizza! Ernsthaft! Meine Pizza. Pfoten weg. Pizza ist Krieg!" Vor laute Sorge, Brüderchen könnte sie essen.

Alles wird gehamstert

Parallel dazu werde ich immer, wenn ich vom Einkaufen komme und diverse Lebensmittel ins Haus zerre, durchsucht, als wäre ich im Security-Bereich des Weißen Hauses. Anschließend werden die Schmuckstückchen direkt vom minderjährigen Teil der Hausbewohner an verschiedenen Stellen versteckt. Eigentlich immer in der Speisekammer. (Falls Sie irgendwann bauen sollten, planen Sie eine Speisekammer mit ein, so was von praktisch!) Mein Mann macht auch! Der versteckt die Sachen gerne oben, genauso wie der Stammhalter – weil die beiden ja recht groß sind. Das Mädel verstaut ihre Ausbeute eher weiter unten. Insgesamt wie bei Eichhörnchen! Hin und wieder wird mal ein Lebensmittel vergessen und beim Saubermachen fällt einem ein Snickers mit dem Haltbarkeitsdatum von 2015 in die Hände.

Besonders heiß begehrte Lebensmittel werden sicherheitshalber mit einem großen Zettel versehen, auf dem in Großbuchstaben das Wort "MEINS!" steht. Manchmal versehe ich aus Spaß Brokkoli oder Zucchini mit den Worten "SEINS!" oder "IHRS!", was ich recht lustig finde. Meine Kinder finden das nicht lustig. Aber, bei aller Liebe, die haben auch keinen Humor.

Diese verrückten Essensgewohnheiten!

Neulich habe ich für meinen vegetarischen Teil der Brut Soja-Bolognese-Sauce gekocht, die mein Sohn fälschlicherweise für Hackfleisch-Bolognese hielt und gegessen hat. Nachdem er eine Riesenportion verschlugen hatte und ich gefragt habe, wo denn das Essen für seine Schwester geblieben sei, hat er mich entsetzt angesehen und mir erklärt, ihm sei plötzlich schlecht. (Das Kind hat eine unerklärliche Angst vor vegetarischem Essen.) Das Gleiche ist mir mit meinem Mann passiert. Der hat abends um elf die Hälfte des Currys, das ich für Max vorgekocht hatte, direkt aus der Pfanne gegessen, während ich auf der Couch geschlafen habe. Um in der Früh erschrocken festzustellen, dass da echt viel Knoblauch drin war und heute ein wichtiger Kundentermin ist.

Seitdem werde ich angehalten, die diversen Töpfe und Pfannen, in denen das Essen für die jeweiligen Familienmitglieder parat steht, auch ausreichend zu beschriften. Das sieht dann so aus: Topf 1 ist beschriftet mit "Carbonara – vegetarisch für Hannah". Auf Topf zwei steht "Chilli ohne Bohnen und Mais für Max". Auf dem dritten Topf steht: "Zürcher Kalbs- (nicht Schwein!) Geschnetzeltes für Schatzi". (Er mag sporttechnisch kein Schweinefleisch mehr). Topf 4 ist versehen mit "Reis für alle!". Topf 5 ist versehen mit: "Nudeln glutenfrei!"   Ich hab nur vier Kochplatten ...

Urlaubs-Konsequenzen

Mein Mann und ich verbringen seit sieben Jahren konsequent unseren Sommerurlaub ohne die Kinder. Aus Prinzip! Das ganze Jahr geht's nur um die beiden Küken. Die streiten im Urlaub eh nur. Außerdem nutzen sie keines der sportlichen, intellektuellen oder animierenden Angebote, sondern chillen den ganzen Tag nur. Aus dem Super-Riesenbuffett, das es früh, mittags und abends gibt, wird immer das gleiche ausgesucht. Früh: Nutella-Toast, mittags: Nudeln mit Tomatensoße, abends: Nudeln mit Käse( vegetarisch), Nudeln mit Sauce Bolognese. Wahlweise auch ausnahmsweise mal Pizza. Und das für 50 Euro Essenspauschale pro Jungtier pro Tag. Um im Grunde vier Fünftel der Zeit schlecht drauf zu seien. Weswegen wir unsere Urlaube mittlerweile ohne Kinder verbringen. – Sehr entspannt – 

Allerdings muss man dann ganze viele Zettel schreiben, wenn die zwei allein daheim sind. Sonst: "It doesn't work!" Zettel wie:
"Mülltonne grau am Donnerstagabend rausstellen." "Briefkasten leeren." "Schildrüsen-Tabletten nicht vergessen." "Montag erste Woche die grüne Tonne rausstellen." "Bio-Müll rausbringen, bevor da Schimmelkulturen wachsen."  "KATZEN FÜTTERN!" "KATZENKLO SÄUBERN" "Wäsche nicht fünf Tage in der Waschmaschine liegen lassen!" "Abends Tür zuschließen!" "Morgens nach Verlassen des Hauses – Tür zuschließen!" "Keine House-Partys oder ihr könnt euer Studium selbst finanzieren!" "Oma Ilse und Opa Günther am Mittwoch anrufen!" "Mit Oma Sieglinde am Freitag einkaufen gehen. Beide!" "Finger weg von Papas Whiskey!" "Wenn hier irgendeiner Gras raucht, werf ich euch beide raus!"

Die Sonnenseiten des Zu-Hause-Bleibens

Alternativ gibt es auch gute Zettel! Mein Mann fährt jedes Jahr einmal mit seinen Golfkumpels eine Woche in den Urlaub. Jedes Mal bekomme ich nach seiner Abfahrt eine kleine Liebesbotschaft. Mal einen Zettel – versteckt im Kühlschrank. Mal einen Brief – versteckt in der Unterwäsche, mal eine Botschaft – geschrieben auf unserem Badezimmerspiegel. (Mit meinem teuren Lippenstift!!)
Rhetorik hin oder her, aber immer ist die Botschaft gleich: "Du bist mein Herz! I love you!" seitens meines Mannes. Wie schön ist das denn?! Ich liebe solche Zettel! Kann ich gar nicht genug davon bekommen.

Bei den Kindern sehe ich das folgendermaßen: Jegliche Interaktion zwischen uns – ist positv. Was auch immer. AUCH ZETTEL!

Läuft bei uns!

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