HOME

stern-Logo Bei Herrmanns dahoam

Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Maibaum-Aufstellen ist seit jeher Männersache, deswegen gilt: je größer – desto besser

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Aus gegebenem Anlass erklärt sie dieses Mal die Tradition des Maibaum-Diebstahls.

Männer in Trachten stellen einen Maibaum auf

Das Aufstellen des Maibaums ist ein logistischer und physischer Kraftakt, wie man den konzentrierten Gesichtern der Herren aus Jachenau ansieht

Getty Images

Alle vier Jahre wird in jedem bayrischen Dorf ein Maibaum aufgestellt. Da hat jedes Dorf einen anderen Rhythmus, aber dieses Jahr ist unser Nachbardorf dran. Die sind alle schon ganz aufgeregt deswegen. Die Verantwortung für den Maibaum obliegt entweder dem Buarschverein, der Feuerwehr oder dem Trachtenverein. Die Blasmusiker können nicht, weil die müssen ja beim Maibaum-Aufstellen Musik spielen. In jedem bayrischen Dorf hat sich im Lauf der Jahrzehnte eine dieser Gemeinschaften der Maibaum-Sache verschrieben. Das bleibt dann einfach für immer so.

Maibaum-Aufstellen ist seit jeher Männersache. Deswegen gilt: je größer – desto besser! Wenn also die Nachbargemeinde im Jahr 2011 einen Maibaum mit 25 Metern Höhe hatte, hatten wir natürlich 2013 einen mit 30 Metern. Die Nachbargemeinde hatte 2015 einen mit 33 Metern. Da hatten sie schon ordentlich Probleme mit dem Aufstellen. 2017 waren wir wieder dran. 36 Meter haben wir geschafft! Hat vier Stunden gedauert und der Burschenverein ist mit 35 Mann angerückt, aber der Maibaum stand. Aus verschiedenen Quellen habe ich gehört, dass das Nachbardorf dieses Jahr die 40-Meter-Marke knacken will, was eine kleine Sensation wäre. Bin ich ja mal gespannt.

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Der Diebstahl

Dabei liegt die Schwierigkeit ja schon in der Vorbereitung. Einen so großen Baum, der kerzengerade ist und keinerlei Schäden aufweist, muss man erst mal finden! Ganz abgesehen vom Transport, dem Schälen und Bemalen. Natürlich muss man dann einen geeigneten Ort finden, um den Baum zu lagern.
Das wird in der Regel in einem Stadel gemacht. Ein Stadel ist eine große Hütte komplett aus Holz. Ein Stadel kann überall stehen, auf der Weide, mitten im Nirgendwo oder aufm Berg.

Bei uns in Bayern hat es Tradition, dass man versucht, dem Nachbardorf den Maibaum zu stehlen. Das wäre ein Schulterschlag im Heimatdorf und dementsprechend groß ist die Motivation der Maibaum-beauftragen Burschen, Feuerwehrler oder Trachtler. Das Dorf mit dem eingelagerten Maibaum braucht also eine Maibaum-Wache. Der wird tatsächlich Tag und Nacht bewacht! Von zwei Mann! In einer Acht-Stunden-Schicht. Können Sie sich das vorstellen? Die Kerle haben ja alle trotzdem eine Arbeit!

Aber das Ganze wird sehr ernst genommen. Besonders seit 2011. Da war das Nachbardorf recht nachlässig mit der Maibaum-Wache und dachte: Tagsüber wird schon nix passieren. Das war eine Fehleinschätzung, weil unsere Trachtler den 25-Meter-Baum am Montag um Punkt 9 Uhr gestohlen haben und unter wehenden Fahnen in unser Dorf eingefahren haben. Es ist nämlich gar nicht so leicht, einen so langen Baum zu transportieren. Die Trachtler haben's mit zwei Bulldog-Traktoren und viel Manneskraft gelöst: An jeder Kurve musste der Maibaum vom zweiten Bulldog gelöst und von Hand rangiert werden. Aber sie hatten unseren größten Respekt! Alle haben wir ihnen zugejubelt. Unsre Trachtler! Ham's dene bledn Nachbarn zoagt!

Die Verhandlung

Eigentlich läuft das dann ganz einfach. Die beiden Bürgermeister verständigen sich. Der Bürgermeister im Vorteil verarscht den anderen kurz. Der Verarschte muss das halt aushalten, um anschließend nach einer "Auslöse" zu fragen. Der Bürgermeister, der im Besitz des unrechtmäßig angeeigneten Maibaums ist, handelt eine Brotzeit und extra viel Freibier für seine Truppe aus, das die andere Gemeinde demütig bezahlt. In unserem Fall hätten die Trachtler a super Festl gfeiert, um am nächsten Tag den Maibaum brav zurückzugeben. Aber 2011 war der Schönhuber Bürgermeister und der war immer schon stur. Der hat gesagt: "Ihr kennt's mi alle am Oarsch lecken. I bsorg an neuen Maibaum!"

Tja, das war sehr unelegant. Und gegen alle Bräuche. Das fand unser Dorf lächerlich und sein Dorf auch. Er wurde auch nicht wiedergewählt. Dafür sind unsere Trachtler dann neun Monate später im Faschingszug vom Nachbardorf mitgefahren und haben die Scheiben des nicht ausgelösten Maibaums verkauft, während sie diese live, während des Faschingszuges, direkt vom Baum schnitten. War eine große Demütigung für das Dorf und alle haben den Bürgemeister bös angesehen. Bin ich ja mal gespannt, ob's den heuer besser bewachen ...

Das Aufstellen

Aber das Beste ist dann der Tag, an dem der Maibaum aufgestellt wird. Also am 1. Mai. Der Maibaum wird von den Trachtlern/Buarschn/Feuerwehrlern unter Begleitung der örtlichen Blaskapelle durchs Dorf zum Hauptplatz getragen. Dort wird mit dem Aufstellen begonnen. Dazu benutzt man Doppelstangen, die durch kurze Seile verbunden sind, in denen der Maibaum liegt. Bei langen Bäumen wird der Stamm langsam Stück für Stück angehoben. Die Stangen werden immer wieder nachgesetzt. Am Schluss ist der Hebel sehr, sehr lang und die Burschen haben ordentlich zu tun. Hin und wieder ist auch schon mal was passiert, deswegen ist das durchaus aufregend, da zuzuschauen.

Das Aufstellen geht um 9 Uhr los. Das gesamte Dorf sitzt in schönster Tracht ab Punkt neun auf extra aufgestellten Bierbänken in der Sonne (am 1. Mai scheint immer die Sonne), trinkt völlig ohne schlechtes Gewissen bereits ab 9.30 Uhr Bier und hat die größte Gaudi. Ab 10 Uhr gibt’s dann Weißwürst und Brezen, während der Maibaum einen Winkel von 35 Grad erreicht hat und die Buarschn schon ordentlich schwitzen. Um 12.30 Uhr wird es echt spannend, weil jetzt die heiße Phase beginnt, ob der Maibaum in die Fassung rutscht und auch wirklich "steht". Zu dem Zeitpunkt haben die meisten ordentlich einen sitzen.

Das Ende

Normalerweise wird ja mit dem Feiern abends, also gegen 19 Uhr begonnen. Beispielsweise beim Gaufest, Trachtlerabend oder im Bierzelt. Zirka sieben Stunden später wanken alle besoffen heim. Dann ist es 2 Uhr in der Früh, dementsprechend bekommt das keiner mit. Beim Maibaum-Aufstellen geht's aber schon um 9 Uhr los. Sieben Stunden später ist es demnach 16 Uhr! Da ist es noch hell. Man sieht also den Zimmerer schlafend mit Bierkrug auf der Parkbank vor der Post sitzen, unter ihm liegt ein Mitglied der Blaskapelle in Embryonalstellung, das fest seine Posaune im Arm hält. Einer vom Burschenverein war mal so betrunken, das er in den Rathausbrief gekotzt hat.

Der Chef der Trachtler dachte, er könnte noch Auto fahren, deswegen sitzt sein Auto jetzt mit der Mitte auf der 30 Zentimeter hohen Friedhofsmauer, während die Reifen fröhlich in der Luft wippen. "Ach, ist doch ah scho scheißegal!", hat er beim Rausklettern gemurmelt und ist schimpfend heimgewankt. Der Feuerwehr-Kommandant hat plötzlich Hunger bekommen und futtert bei Alpendöner schon den zweiten Kebab, während der katholische Pfarrer so Druck auf der Blase hatte, dass er es nicht mehr bis ins Pfarrhaus geschafft hat und heimlich an den Altwirt schifft.

Spielt aber alles keine Rolle. Unser Maibaum war länger!

Bayern-Spieler machen auf Beatles

Wissenscommunity