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Bayern-Reihe – Corona-Tagebuch

Bei Herrmanns dahoam: Mir wird das alles zu viel! Was is denn los mit die Leid?

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" derzeit so zugeht. Im Moment kochen abends die Whatsapp-Gruppen über – und sie wundert sich, was für Freunde sie so haben.

Eine wütende Bayerin im Dirndl

Woher kommen nur diese ganzen bekloppten Verschwörungstheorien?? (Symbolbild)

Getty Images

In Corona-Zeiten lernt man seine Freunde auf ganz neue Art kennen. Wir entdecken immer wieder Seiten bei unseren Bekannten, die wir bislang nicht kannten. Einstellungen, die wir nie zuvor vermutet hätten. Wirklich interessant!

Abends gehen hier die Whatsapp-Mitteilungen ein wie warme Semmeln und man kann auch gar nicht darauf antworten, weil's in der nächsten Gruppe schon wieder weitergeht und man irgendwann in ein Dutzend Gruppen schreiben müsste!
"War die Diskussion über Wirtschaft vs. Gesundheit bei den Golfern oder in deiner Familie?", frägt mein Mann abends um neun. Ich kann nur ratlos die Schultern zucken.

Claudia Herrmann mit Katze

Claudia Herrmann über sich: "Die Kinder sind aus dem Haus und ich bin vor der Menopause. Ich glaub, das ist die beste Zeit meines Lebens! Ich muss nur aufpassen, das ich jetzt nicht zur crazy cat lady mutiere."

Verschwörungstheorie Typ 1:

Die reiche Tussi, die den Riesen-Senfbetrieb vom Vater in dritter Generation vererbt bekommen hat und jetzt die mortz Geschäftsfrau ist und immerzu alle Mitarbeiter zusammenscheißt – weil sie es kann. Alle Ihre Geschäftspartner zwingt sie zu Verträgen, die deren Abhängigkeit schamlos ausnutzt.

Die Frau hat in ihrem Leben noch nie großartig Probleme gehabt, sieht aber jetzt, dass der Gewinn nicht so hoch sein wird wie im letzten Jahr. Der Gewinn! Sie hat also immer noch Gewinn. Nur nicht so viel. Was für sie einen unzumutbaren Zustand darstellt. Aus diesem Grund geht sie auf jede Pro-Wirtschaft-Demo und schreibt in der Tennis-Gruppe immerzu Nachrichten wie: "Lasst nicht zu, dass sie die Wirtschaft ruinieren!"  "Corona ist nur wie eine Grippe" oder "In Schweden machen‘s auch nix".

Verschwörungstheorie Typ 2:

Der alte Opa, der das alles für komplett übertrieben hält und seine drei Arztbesuche in der Woche trotzdem durchzieht. Trotz knapp 90 Jahren und Vorerkrankung. Ebenso das Einkaufen. "Ich hab an Zweiten Weltkrieg überlebt. Wenn ich Corona bekomme, leg ich mich sieben Tag ins Bett, schlof mi aus und des war's!"

Verschwörungstheorie Typ 3:

"Du musst nur dein Immunsystem stärken! Dann kann dir Corona nichts anhaben!", sagt der vegan lebende, Marihuana rauchende Vollkiffer mit den fettigen Haaren und der Bhagwan-Kette, den mein Sohn zum Freund hat. "Wenn du jeden Tag drei Tassen Schafgarbentee trinkst und reichlich Dinkel isst, ist das unheimlich entgiftend und dein Immunsystem steht wieder voll parat", erklärt er langatmig.
"Aha! Ist das so?!", frage ich stirnrunzelnd.
Er denkt eine ganze Zeit nach und antwortet dann: "Na ja ... der Hanf spielt auch eine Rolle. Den darfst ned vergessen!" Vielsagend blickt er mich an.
"Seit wann san mia eigentlich per Du?", fahr ich ihn an.
Mein Sohn packt seinen Spezi am Arm und sagt: "Wir sollten jetzt besser gehen! Servus, Mama!"

Verschwörungstheorie Typ 4:

Nachbar, Single, ohne Kinder, kein Hobby, aber einen Sportwagen.
"Das ist doch alles völlig übertrieben! Dann sterben halt ein paar Alte. Die würden ja eh irgendwann sterben. Uns trifft das nicht, weil unter 70 ist das gar kein Problem. Deswegen nehme ich das alles nicht so ernst. Wenn ich das bekomme, stecke ich das locker weg. Kein Ding! Die ganzen Vorsichtsmaßnahmen sind doch völlig unnötig!"
Bei Monologen wie diesen bekomme ich weißen Schaum vor dem Mund. Egoistischer geht's nicht mehr ...

Verschwörungstheorie Typ 5:

"Bill Gates hat schon vor Jahren eine Impfung gegen Corona entwickelt, dann hat er die WHO gekauft, dann hat er Entwicklungsfirmen gekauft, dann hat er sich mit allen Staaten irgendwie besprochen und alle waren sich einig, die Weltbevölkerung zu minimieren, eine Diktatur zu schaffen und allen Menschen den Impfstoff samt Mikrochip zu spritzen und gleichzeitig alle Frauen zu sterilisieren und ..."  Den Rest hab ich vergessen.

Schreibt die Esoterik-Mami aus der alten Schulgruppe, die ihre Kinder nicht impfen ließ, die beiden bis zum sechsten Lebensjahr gestillt hat und immerzu davon spricht, dass sie ihre mentale Kapazität erreicht hat. Aber in Deutschland gibt es doch psychologische Hilfe für so was, oder?!

Mir wird das alles zu viel! Was is denn los mit die Leid?

Nur der Fonsi hat's drauf!

Resümee aus meinem gestrigen Gespräch über den Zaun mit unserem alten Bergwachtler Alfons (Fonsi):

  • Man darf nicht mehr zum Friseur: Ich spar ma Geld. Mia doch wurscht wie mei Frau ausschaut.
  • Die Wirtschaft bricht ein: Des wird schon wieda. Hamma früher a gschafft.
  • Fremde Mächte kontrollieren das System: Ha, ha! Wie beim Elvis! Der lebt ja a no! Ha, ha!
  • Immunsystem stärken: I sauf jeden Tag an Schnaps, des is des Beste, was't machen kannst.
  • Corona ist nicht schlimm: Also ich möchte des ned haben und deswegen pass i immer gscheid auf!

"Ja, Fonsi, aber mit deine Enkel ist des jetzt schon blöder, oder? Wenn die dich gar ned mehr besuchen dürfen?"
"Ja, mei", er stottert rum, "manchmal sand die schön anstrengend, gell. Und dann schreien die auch viel und irgendwann sitzen's dann eh nur vorm Handy." Er zuckt mit den Achseln.
"Aber Hauptsache, gsund samma!", strahlt er mich an.

Der hat's drauf, der Fonsi!

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