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Bayern-Reihe – Corona-Tagebuch

Bei Herrmanns dahoam: Langsam wird's bedenklich: Mundschutz mit Katzen-Motiv, Onsen-Eier und andere Probleme

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" derzeit so zugeht. Lächeln mit Mundschutz, der richtige Garpunkt fürs Onsen-Ei und unglückliche Nachbarn – Probleme, Probleme, Probleme!

Eine Katze trägt einen Mundschutz

Claudia Herrmanns Tochter macht sich Sorgen um ihre Mutter, denn die kocht komische Sachen und verbringt offenbar zu viel Zeit mit der Katze

Getty Images

Ist schon echt seltsam, wenn man mit Mundschutz einkaufen gehen muss, oder? Wer hätte gedacht, dass man so was mal erlebt. Das mit dem nett Zulächeln funktioniert jetzt gar nicht mehr, ist mir heute klar geworden. Da kommt nicht mehr die Reaktion, die man erwartet. Deswegen sollte man dazu etwas Nettes sagen, habe ich festgestellt. So was wie: "Schene Tomaten, gell?" oder "Jetzt gibt's ja wieder Klopapier!" oder "Hast du an tollen Mundschutz!" (Wir in Bayern duzen uns alle.) Das ist nämlich mal das Nächste: Ich hab das Gefühl, Farbe und Muster des Mundschutzes sind voll das Statement.

Claudia Herrmann mit Katze

Claudia Herrmann über sich: "Die Kinder sind aus dem Haus und ich bin vor der Menopause. Ich glaub, das ist die beste Zeit meines Lebens! Ich muss nur aufpassen, das ich jetzt nicht zur crazy cat lady mutiere."

Ich kenne Masken mit Blümchen – die tragen vorwiegend ältere Damen. Masken in Trendfarben wie Pink, Flieder oder Mauerblümchenblau – die tragen die Mitzwanziger. Ich habe Masken mit bayrischer Nationalflagge gesehen und mit dem bayrischen Löwen. Das sind die bayrischen Urgesteine, die alle CDU oder Bayern-Partei wählen. Parallel dazu gibt's die Linken! Hab ich gehört. Also hier bei uns in Bayern ned wirklich.

Masken sagen mehr als Worte

Aber ich kenn die Viktoria, deren Bruder hatte mal an Arbeitskollegen und der kannte einen. Der einen Linken kannte ... Aber die tragen Masken mit Statements. "FCK NZS" oder so. Dann gibt's Menschen mit schwarzen Masken. Vielleicht sind die ein bisschen depressiv, überlege ich mir. Oder zumindest pessimistisch.

Die Freigeister tragen keine Masken, sondern Schals. Die Schwulen tragen Rosa, Glitzer oder trendy Marinemuster. Die Banker, Broker, Unternehmensberater tragen Paisleymuster. Menschen, die ein bisschen älter sind, tragen recht gerne diese professionellen Schutz-3-Masken. Ich hab ein zehnjähriges Mädchen mit Einhorn-Maske gesehen, voll süß!

Bin ich langweilig geworden?

Was sagt denn das über mich aus, wenn ich nur eine stinknormale OP-Maske trage, die es bei uns im Betrieb gibt?, frage ich mich gerade. Bin ich langweilig?? War ich vor Corona nicht, aber heute finde ich auch Sachen wie Puzzle machen spannend oder Vorhänge waschen. Außerdem habe ich angefangen, Marmelade einzukochen und zu käsen. Ich kann jetzt Mozzarella selber herstellen! Schöne Sache.

Und ich kann Macarons! Die waren echt schwierig. Ewig Mandelmehl sieben, Eiweiß abwiegen, mortz Aufwand und am Schluss passt die Backmatte nicht und man hat klebrige Batzn. Aber jetzt hab ich's drauf! Ich kann die besten Macarons ever. Mit den geilsten Füllungen ever. Mein Mann ist voll happy deswegen.

Und dann das Onsen-Ei!

Zusätzlich habe ich noch Onsen-Ei ausprobiert. "Von welchem Tier ist denn das Onsen-Ei?", werden Sie sicher fragen. Hab ich mich auch gefragt, als ich das erste Mal davon gehört habe. Onsen-Huhn? Onsen-Schildkröte?? Nein, nein. Der Name kommt von den Onsen-Quellen in Japan, wo das Wasser konstant heiß ist. Bei 64,5 Grad Wassertemperatur legt man die (Hühner)-Eier in den Topf und nach einer Stunde sind die perfekt, weil das Eiweiß genauso weich ist wie das Eigelb. Das ist dann ganz cremig. Also theoretisch.

Ich hab 13 Versuche mit 25 Eiern gebraucht, aber das eine Ei war dann echt saugut! Ich habe das auch in unserem Familienchat erzählt und ich glaube, meine Tochter macht sich seitdem ein bisschen Sorgen um mich. Sie hat mir auf jeden Fall einen Artikel eines führendem Psychologen geschickt mit der Aussage: "Es ist nicht zwingend eine psychische Krankheit, wenn Sie mit Ihrer Katze sprechen. 'Ich kenn dich doch!'", fügt sie noch an. Irritiert lese ich den Artikel und frage mich, was das Kind mir damit sagen will. "Wann kommst du eigentlich mal wieder heim?" "Mom, irgendwann."

Die Nachbarn im Kurzarbeits-Homeoffice haben's auch nicht leicht

Lustig finde ich unsere Nachbarn im Homeoffice. Die wohnen hier gar nicht. Das Haus steht zu 90 Prozent leer. Die nutzen das eigentlich nur zu Ferienzeiten, sind aber jetzt seit gut drei Wochen da und beschweren sich über jeden Schmarrn. Papa und Mama erklären traurig über den Zaun den Stress des Homeoffice (in Kurzarbeit) und dass Mutti jetzt tatsächlich den ganzen Tag mit den Kindern zusammen sein muss. "HORROR!", schluchzt sie am Zaun.

Der Vater ("Ich bin so ein bisschen Bank Clerk, aber auch Administrative Manager, außerdem bin ich der Supply Chain Manager") erklärt lautstark seinen Beruf und  flüstert anschließend leise: "Die Kinder nerven so! Ich kann mich gar nicht konzentrieren!!" Währenddessen hopsen die Kleinen fröhlich im Garten rum. "Was macht der beruflich?", frägt mein Mann später. Ich kann nur mit den Achseln zucken.

Abends verbarrikadiert er alle Katzen-Durchgänge an unserem gemeinsamen Heckenzaun. Später frage ich ihn über den Zaun, was das soll. Er erklärt traurig, dass seine Frau das verlangt hat wegen Angst vor Katzenscheiße in der Hecke. "Ich kann hier nicht arbeiten", er weint schon wieder fast, "meine Frau versteht das nicht!" "Ist ja gut. Wird schon wieder", tröste ich ihn.

Die RTL-Reporterin zeigt, wie man seine Maske richtig trägt

Nur die Katze versteht mich wirklich

Noch später stehe ich vor dem Zaun und sehe stirnrunzelnd auf die Barrikaden. Katze Birdie sitzt neben mir. "Des ist doch deppat, wenn ihr jetzt nicht mehr durch den Garten könnt und über die Straße laufen müsst!" Birdie sieht mich zustimmend an und dann verächtlich auf Nachbars Barrikade. "Ja, Birdie! Du verstehst mich, gell?!", streichle ich sanft. Birdie nickt mir wissend zu.

Noch später – Nachricht an die Tochter: "Was sagt denn der Psychologe dazu, wenn die Katze antwortet?" "Ich weiß nicht!", antwortet sie überraschend schnell. "Geht's dir gut??" "Ich hab jetzt übrigens an Mundschutz mit Katzen-Motiven!", erkläre ich ihr stolz. "Mom, ich komme heim und besuche euch! Ich fahre übermorgen los und bleib a Woche!" "Ok", antworte ich demonstrativ passiv und mache gleichzeitig High five mit Birdie.

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