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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Unsere Nachbarin meckert ständig mit uns rum, dabei ist SIE das Problem!

Für den stern erzählt Autorin Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Dieses Mal rechnet sie mit ihrer Nachbarin ab. Wenn die das liest, war's das für immer.

Eine Frau sitzt auf dem Sofa uns strickt

Immer hat sie was zu meckern, die Nachbarin (Symbolbild, natürlich!)

Unsere Nachbarin ist wirklich vorbildlich!

Unsere Nachbarin erinnert uns immer wieder an die einzuhaltenden Ruhezeiten. Betreffend: Rasenmähen, Auto saugen, Hecke schneiden, bei offener Terassentür saugen und zu laut zusammenkehren.

Unsere Nachbarin hat aber auch immerzu Zeit. Ich weiß nicht genau, was sie arbeitet. Sie macht, glaube ich, irgendwas Psychologisches mit Kindern. Auf jeden Fall ist sie immer zu Hause und hat dreimal in der Woche Besuch von blassen Eltern mit blassen Kindern. Wenn ihr Mann spätabends heimkommt, hat der den ganzen Einkauf dabei. Manchmal sehe ich ihm abends durch das Fenster zu, wie er dann noch für die Familie kocht.

Als wir hier eingezogen sind, stand der Möbelwagen in der Einfahrt und wir waren gezwungen, kurz am Nachbarszaun zu parken. Nach zehn Minuten hatten wir einen Zettel am Fahrzeug kleben mit: "Das ist kein Parkplatz!" Andere Nachbarn bringen zum Einzug Brot und Salz vorbei, unsere Nachbarin schreibt böse Zettel.

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Alles machen wir falsch!

Dann hat mein Mann sein Auto am Samstagvormittag ausgesaugt und hat die 12-Uhr-Marke um fünf Minuten überschritten. 12.05 Uhr stand der Nachbar da und beschwerte sich. Mein Mann hat ein gesundes (eigentlich ein überdimensionales) Selbstbewusstsein und antwortete: "Was ist denn dein Problem? Musst jetzt Mittagsschlaf halten, oder was?" Nachbar rechtfertigte sich dann recht schnell, dass er nix dafür könnte und seine Frau ihn geschickt hätte.

Ich weiß auch wirklich nicht mehr, wo ich im Winter den Schnee hinschippen könnte, weil sich jedes Mal abends die Nachbarin beschwert und wortreich erklärt, warum der Schnee gerade da nicht hinkönnte.

Die spinnt doch!

Als ihre Kinder noch klein waren, stand die Alte jeden zweiten Tag bei uns in der Haustür und beschwerte sich, dass wir zu schnell in die Straße fahren. Weil ihre Kinder da spielen. Ich hätte meine Kinder in dem Alter aber auch nicht alleine auf der Straße spielen lassen, sondern wäre daneben gesessen wie ein Wachhund. Weil ein Zweieinhalbjähriger den Straßenverkehr – auch in einer Spielstraße – nicht abschätzen kann! Unsere Nachbarin sieht das offenbar anders, weil die ihren Buben schon mit 27 Monaten mit seinen Geschwistern zum Spielen auf die Straße schickte. Müssen halt die anderen aufpassen.

Meiner Meinung nach ist das eigentlich Faulheit, aber ich bin ja hier eh der Buhmann. Wir haben dann die Geschwindigkeit von 40 auf 30  und recht bald auf 20 km/h reduziert. Nach langem Genörgel waren wir bei Schrittgeschwindigkeit. Das sind 7 km/h. Unsere Straße ist lang.

Das ist so ungerecht!

Was mich richtig nervt, ist, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Kinder der doofen Nachbarin sind nämlich jetzt auch schon groß und hören mit geöffnetem Fenster wahlweise Techno oder Heavy Metal. In einer Lautstärke, dass die ganze Nachbarschaft etwas davon hat! Hätten unsere Kinder das gemacht! Die gescheite Nachbarin wäre 15 Sekunden später vor der Tür gestanden!

Davor haben wir uns fünf sehr lange Jahre das Geflöte von Kind 1 angehört und das Gegeige von Kind 2. Immer bei offenem Fenster! Und wir haben nie was gesagt.

Wissen Sie, wie die im Ort zum Einkaufen gehen? Die rollert! Ernsthaft! Nicht mit einem coolen E-Roller! Die rollern mit einem Kinderroller! Durchs Dorf! Wissen Sie, wie das aussieht?! Als erwachsene Frau, mit 'nem Jute-Umhängebeutel? Ultrageil ... Einmal musste er mitrollern. Man hat schon von weitem gesehen, wie peinlich ihm das ist. Ich glaube, sie hat ihn dazu gezwungen. Ich vermute ja, dass meine Nachbarin ihrem Mann schon vor 15 Jahren die Eier abgeschnitten hat und sie daheim in einer Schublade verwahrt. Nicht schön.

Aber Madame fühlt sich dauernd gestört!

Am 50. Geburtstag meines Mannes hat sie um 21.30 Uhr die Polizei geholt. Unsere Feier war zu laut. Beim 18. Geburtstag unserer Tochter haben wir im Garten zu laut gelacht, gegen 21 Uhr – auch da war die Polizei da. Unsere Tochter war im gleichen Abschluss-Jahrgang wie ihr großer Sohn. Bei der Vergabe der Abizeugnisse liefen alle Abiturienten zu einem eigens ausgesuchten Lied zur Zeugnisübergabe ein und alle Eltern klatschten emotional mit allen Abiturienten mit! War eine super Stimmung und wir Eltern waren alle sehr gerührt und ergriffen. Sie saß hinten und strickte. Alle anderen Eltern haben sich fremdgeschämt. Am meisten ihr Mann.

Dann waren die Kinder der Nachbarin groß und sie schoss wieder mit 50 km/h in die Straße rein, weil jetzt ist ja alles anders! Nur hatten wir jetzt Katzen! Da verstehe ich keinen Spaß. Also bin ich mehrmals rübergerannt und habe angemahnt, nun doch etwas langsamer zu fahren. Aber die dumme Nachbarin sieht das nicht so recht ein, weil sie sturerweise jetzt eher schneller fährt. Das ärgert mich am meisten. Wir haben uns von der die ganze Zeit gängeln lassen, jetzt betrifft es sie nicht mehr und schon hat die soziale Nachbarin andere Ideale.

Meinem Mann hab ich gesagt: "Wenn die hier eine unserer Katzen anfährt, mach ich die fertig! Ernsthaft."
Mein Mann hat beschwichtigend geantwortet: "Jetzt bleib mal ruhig."
"NEIN!"
Also hat er noch mal mit ihr gesprochen. Aber die super-soziale Öko-Nachbarin mit dem praktischen Kurzhaarschnitt sieht die Dinge ganz gern nur aus ihrer Sicht. Die macht mich fertig die Frau.

Der arme Mann!

Hin und wieder scheißt sie ihren Mann in einer Lautstärke zusammen, dass es die ganze Nachbarschaft mitbekommt. Manchmal nicken wir ihm aufmunternd zu. Er lächelt dann immer traurig zurück. Glaub nicht, dass der Mann meiner Nachbarin happy ist.

Im Garten hat sie neulich ein abstraktes Vogelhaus aufgestellt. Kurze Zeit später saß die Nachbarskatze darunter. Wutschnaubend hat sie direkt einen Zaun mit Seilen und Stangen darum platziert. Die diversen Katzen unserer Gegend haben das wohlwollend beobachtet und sich anschließend im Kollektiv kaputtgelacht. Jetzt sitzen die Katzen abwechselnd auf dem Dach des Vogelhäuschens (Aus Prinzip. Weil sie es können!) und zeigen die Mittelkralle zur Nachbarin. Die halten nämlich nix von strickenden griesgrämigen Öko-Tussis.

Ab und zu sehe ich, wie ihr Mann grinsend den Katzen zusieht.

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