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Bei Herrmanns dahoam Während andere leichtsinnig werden, wird in Bayern der Esstisch auf drei Meter ausgezogen

Altes Ehepaar winkt aus der Haustür einer jungen Frau
Bei den Abstandsregeln ist die Autorin 100-prozentig!
© SolStock / Getty Images
Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" derzeit so zugeht. Auch wenn sich manches gerade lockert, die Kommunikation mit den Eltern bleibt weiterhin ... kompliziert.

Es gibt sooo viele Nachteile in der Corona-Krise. Es ist Frühling und wir können nicht in den Biergarten. Als Bayer ist das eine unzumutbare Einschränkung. Wir halten uns trotzdem dran. Es gibt aber auch Vorteile. Mein Mann telefoniert viel mehr mit den Kindern und die drei haben plötzlich erfreulich regen Kontakt.

Mein Bruder wohnt zusammen mit meinem Vater in einem Einfamilienhaus. Gestern hat sich die gesamte erweiterte Familie getroffen, Essen vom Griechen geholt und sich anschließend betrunken. Mein Mann und ich sind da außen vor – weil zu weit weg – und haben uns bei der anschließenden Videokonferenz kaputtgelacht.
"Wieso wird der Opa beim Lachen so ungesund rot?", frage ich aufgeregt.
"Der hat zu vui Bier, ois easy!", antwortet mein Bruder.
"Aha!" Zumindest haben sie Spaß, denke ich mir – und halten die Abstandsregeln ein.

Claudia Herrmann mit Katze
Claudia Herrmann über sich: "Die Kinder sind aus dem Haus und ich bin vor der Menopause. Ich glaub, das ist die beste Zeit meines Lebens! Ich muss nur aufpassen, das ich jetzt nicht zur crazy cat lady mutiere."
© Privat

Achtung, Abstand, die Schwiegereltern kommen!

Seit Corona sind wir so viel zu Hause! Aber eigentlich macht es uns gar nicht so viel aus, hab ich festgestellt. Wir arbeiten jetzt beide nur noch halbtags. Mein Mann geht mit mir einkaufen – hat er vorher nie gemacht. Wir kochen zusammen! Und den Keller haben wir auch endlich ausgemistet! Ich finde die ganzen Beschränkungen eigentlich gar nicht so schlimm. Okay, mein Mann hat Netlix zu Ende geschaut, aber ansonsten ...

Gestern hatten wir seit sechs Wochen das erste Mal wieder die Schwiegereltern zu Besuch. Wir haben uns wirklich viele Gedanken darüber gemacht. Meine Schwiegermutter ist 86, mein Schwiegervater ist 93. Ich könnte echt nicht damit leben, die beiden zu gefährden. Deswegen haben wir unseren Esstisch auf drei Meter ausgezogen und vorab alle Türklinken desinfiziert. Die beiden saßen auf einem Eck und wir auf dem anderen.

Wir haben das so durchgezogen, dass ich ein relativ gutes Gewissen habe. Und ich bin da ziemlich 100-prozentig!
"Seid's fit, Karl?", rufe ich über den Tisch.
"Was?", ruft er zurück und hält sich eine Hand hinters Ohr.
"Ois klar bei Eich?", wiederhole ich laut.
"Eiklar?? Wieso brauchst du das Weiße vom Ei? Zum Kochen??"
"Na. Geht's eich guad?", rufe ich also erneut über den Tisch.
"Ja freilich, geht's uns gut!", antwortet er lachend und mir wird klar, dass das Gespräch an diesem Abend, über diese Distanz, anstrengend werden könnte. War's auch. Aber! Wir haben die Abstandsregeln eingehalten und wir haben meine Schwiegereltern nicht gefährdet.

Die Tochter leidet, der Sohnemann – ach, was weiß denn ich?

Mir fällt auf, dass beim Rest der Bevölkerung die Hemmschwelle doch deutlich sinkt. Mir macht das Sorgen. Ich habe nämlich beispielsweise auch den Eindruck, dass beim Fräulein Tochter in der Studenten-WG bald alle Sicherungen durchbrennen. So wenig soziale Kontakte!!

Ich bin mir außerdem ziemlich sicher, dass der 20-jährige Thronfolger das alles gar nicht ernst nimmt. Wenn ich jetzt meinen Sohn in den Arm nehmen und anschließend Essen zu meinen Schwiegereltern bringen würde, würde mir das Sorgen machen.

Skypen mit dem Vater, super Idee ...

Meine Tochter hat meinem Vater vor Urzeiten Skype installiert. Der Plan für heute ist, die Nutzung wieder zu reaktivieren. Gott sei Dank läuft das über meinen Account und ich kann das Freischalten über meinen PC managen. Die Verbindung steht also und ich starte den Skype-Anruf an meinen 72-jährigen Dad.
"Hey! Hörst du mich?" Die Bild-Qualität funktioniert sehr gut, denn ich sehe die Holzdecke bei meinem Vater in allen Einzelheiten.

"Papa! Stell das Display runter!"
Nachdem von Vaterseite keine Reaktion kommt, rufe ich ihn mit dem Telefon an.
"Vater! Ich seh dich ned und dein Mikrofon ist aus."
"Oh. Wie geht das an?
"Auf das Mikrofon-Symbol tippen!"
"Wie sieht das Symbol denn aus?"
Wie erklärt man das Symbol, überlege ich mir eine Zeitlang. Irgendwann hat es dann geklappt, aber die Kamera zeigte immer noch die Holzdecke.
"Klapp mal den Bildschirm runter, Dad."
"Wieso?"
"Vater! Ich sehe die Holzdecke!"
Langsam geht mir die Geduld aus. Er klickt währenddessen zufällig auf das Kamera-Symbol.
"Oh!", sagt er freudig, "jetzt geht's! Ich seh mich!" Dad freut sich.
"Ja super!", lobe ich halbherzig. "Aber das Ziel wäre ja, dass du mich siehst und ich dich!"
"Na, alles gut!" Mein Vater ist happy. "Ich sehe mich!"
"Ok, Dad! Wenn du happy bist, bin ich auch happy!"


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