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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Was mich an Halloween am meisten gruselt? Unser Nachbarkind!

Für den stern erzählt Autorin Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Derzeit steht ihr bevor, dass schon wieder Halloween ist.

Verkleidete Kinder ziehen an Halloween durch die Straße

Halloween: Oh Gott, da kommen sie wieder!

Und schon wieder Halloween. Ich mag Halloween nicht. Das hat verschiedene Gründe. Als die Kinder noch klein waren, habe ich immer ein extra Gruselmenü gekocht. Mit drei Gängen! Da gab's dann so was wie: Blutsuppe mit Knochen (Tomatensuppe mit Selleriebröseln), gekochtes Gehirn (Spaghetti klein gehackt mit Hackfleischstückchen) und Gruselaugen (Raffaellos mit aufgeklebten Augenlinsen – gibt’s bei Amazon). Das war ja noch ganz lustig. So lange, bis es Abend wurde und die beiden auf Süßes-oder-Saures-Tour gehen durften.

Da ich durchaus Freude an meinen Kindern habe und die beiden auch ganz gern noch länger bei mir hätte, habe ich sie natürlich nicht im Dunkeln, allein, an fremden Türen klingeln lassen, sondern habe alles von der jeweiligen Einfahrt aus beobachtet. Irgendwie hat sich das geändert. Wenn hier Kinder klingeln, sehe ich nie eine Mutter, die aufpasst. Meine Kinder durften auch nur an Häusern klingeln, an denen ein Kürbis angezündet war. Das ist nämlich der geheime Code, dass derjenige bereit ist, denn Spaß mitzumachen. Auch das hat sich anscheinend geändert. Wir haben hier seit Jahren keinen Kürbis mehr, aber an dem Abend geht’s hier zu wie am Stachus.

Nachdem man also zwei Stunden in der Kälte mit den Keinen rumgelaufen ist und nach langer Diskussion endlich heimgehen kann, hauen die zwei sich natürlich einen ganzen Berg ihrer erbeuteten Süßigkeiten rein, während sie parallel die verschiedenen Leckereien tauschen. Saure Gummibärchen gegen zwei Snickers? Vom vielen Zucker sind sie schließlich so aufgedreht, dass sie vor elf nicht einschlafen und eine Kissenschlacht die nächste jagt. Der Süßigkeiten-Vorrat reicht für die nächsten zwei Wochen!

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Also, ich verkleide mich nicht!

Ich mag auch keine Halloween-Partys. Das ist wie Fasching. Ich feiere keinen Fasching, weil ich das Verkleiden nicht mag. Bin quasi die Anti-Klum. In allen Bereichen. Figur und Hirn eingeschlossen. (Wie Sie das einschätzen, ist Ihre Sache. Ich könnte ja zum Beispiel auch dünner und dümmer sein!)

Die Kinder sind nun schon groß und gehen recht gerne auf Halloween-Partys. Das endet in der Regel immer in einem Desaster, weil auf jeder Halloween-Party irgendwelche Drinks und Bowlen angeboten werden. Etwa Vampirblut (Tomatensaft, Gin, Wodka, Rum) Gift-Shot (Blue Curaçao, Gin, Wodka, Rum) und Urin-Spezial (Orangensaft, Gin, Wodka, Rum). Die jungen Erwachsenen sind danach jedes Mal für zwei Tage zu nix zu gebrauchen.

Einkaufen nicht vergessen

Während mein Halloween-Abend mittlerweile so läuft, dass ich Halloween erst mal komplett vergesse, es mir aber nach der Arbeit beim Heimfahren dämmert, weil überall maskierte Kinder rumlaufen. Also muss ich dann noch schnell zum Einkaufen. Und mit dem Billigzeugs vom Aldi braucht man hier bei uns in der Gegend gar nicht erst anzukommen. Das wäre peinlich.

Einmal war es mir zu blöd und ich war nicht extra einkaufen. Als ich irgendwann angefangen habe, den klingelnden Kindern aus Verzweiflung erst die teure Lindt-Schokolade, dann die Alkoholpralinen mitzugegeben und ihnen zu später Stunde Geld angeboten habe, stellte ich fest, dass dies nicht mein hellster Moment gewesen ist. Jetzt bin ich also immer schön vorbereitet.

Die Kleinen sind ja noch süß

Ab halb sechs klingelt es also im Fünf-Minuten-Takt an der Tür. (Obwohl wir keinen Kürbis haben! Nicht mal was Kürbis-Ähnliches!) Ich mache den kleinen Kröten auf und höre mir an einem Abend 32 mal "Süßes oder Saures" an. Wenn man den Kindern die Schüssel hinhält, fangen die alle gleichzeitig gierig das Fischen nach der besten Süßigkeit an – während man selbst reglementiert: "Jeder nur zwei Sachen! Jeder nur zwei. Hey, hast du gehört?! Nur zwei! Du auch! Hörst du?!" Danach rennen sie weg, ohne sich zu bedanken.

Am Anfang des Abends kommen die netten Kleinen, die sind ja noch ganz süß. Aber je später der Abend wird, desto größer die Kinder. Am schlimmsten sind die 12-, 13-jährigen verpickelten Halb-Teenager, die so gegen 21 Uhr auftauchen und die ganze Sache eher aus Langeweile machen. Dementsprechend motiviert wirken die auch. Ab halb zehn stell ich die Klingel ab.

Und dann sind da noch unsere Nachbarn

Meine Nachbarin versteht mich überhaupt nicht und sagt, sie freue sich, wenn die Kinder bei ihr klingeln. Bei allem Verständnis, meine Nachbarin ist aber auch die Spießerin vorm Herrgott. Sorry, aber ich hab 20 Jahre lang Kinder aufgezogen und alles hat sich immer um die zwei gedreht. Ich finde, ich darf ein bisschen genervt sein. Zumal ja nicht alle Kinder nett sind!

Unsere Nachbarin hat drei Kinder. Sie ist so der "Zum Einkaufen nehme ich ausschließlich meinen selbst geklöppelten Dinkel-Jute-Sack aus veganer, glutenfreier Öko-Wolle"-Typ. Das jüngste Kind nennen wir Ju-Ju-Kind, weil es immerzu dieses Wort ruft. Samstagmorgens, halb acht. Bobby-Car: Rrrrng Rrrrng Rrrrng und "Juuuuuu-Juuuuu!". Sonntag, Mittagessen auf der Terrasse: Das Kind läuft vor unserem Garten unentwegt auf und ab und brüllt "Juuuuu-Juuuuuu!". Nachmittags, beim kleinen Mittagsschläfchen, wieder Bobby-Car mit "Juuuuuu-Juuuu!". Ich war irgendwann so angenervt, dass ich abends das Bobby-Car geklaut und versteckt habe.

Mein Mann hat mich gezwungen, es wieder zurückzustellen, der Spielverderber! Als das Ju-Ju-Kind wieder vor unserem Grundstück rumgeplärrt hat, habe ich so getan, als würde ich in hohem Bogen die Hecke gießen, aber eigentlich habe ich nur versucht, das Kind zu treffen, damit es endlich weggeht. Mein Mann hat kopfschüttelnd den Wasserhahn abgedreht. "Es ist nur Wasser!", habe ich ihn entnervt angeblafft.

Gott, wie der mich nervt!

Wenn das Ju-Ju-Kind gespielt hat, hat es immer geschrien. Es war immer laut. Es konnte nicht leise spielen. Irgendwann hat das Kind aufgehört, immer "Ju-Ju" zu schreien, dafür hat es angefangen zu flöten. Jetzt mal im Ernst! Was soll einem denn Flötespielen für das Leben bringen? Das möcht ich mal wissen. Ist ja nicht so, dass man mit 21 gemütlich Bier trinkend mit Freunden am Lagerfeuer sitzt und dann sagt jemand: "Du, kannst du Flöte? Möchtest du nicht was vorspielen?"

Als das Ju-Ju-Kind ins Schulalter kam, hat es am Straßenfest irgendwann mit näselnder Stimme erklärt, dass die Erwachsenen hier ruhig mal mehr Rücksicht auf die Kinder nehmen könnten. Als ich nicht reagiert habe, kam hinterher: "Vielleicht sollten manche Leute mal daran denken, nicht jeden Weg mit dem Auto zu fahren, damit wir unser Fußballtor nicht jedes Mal wegräumen müssen!" Mein Mann hat mich dann recht schnell weggezogen.

Dieser Drecks-Balg! Ist doch wahr.

Und dann noch meckern!

Wissen Sie, was mein größter Halloween-Grusel ist? Das Ju-Ju-Kind kommt auch jedes Jahr! Am Anfang hat es immer "Ju-Ju!" geschrien anstatt "Süßes oder Saures" und ich stand in der Tür und mein Auge hat dabei ganz komisch gezuckt. Mittlerweile steht das Ju-Ju-Kind nur da, sagt "Süßes oder Saures" und merkt anschließend tadelnd an, dass keine der Süßigkeiten Bio-Ware sei. Oder es frägt scheinheilig, warum wir beide zwei so große, umweltschädliche Autos benötigen. Eines würde doch sicher auch reichen, oder? Dieser kleine Turnbeutelvergesser!

Jeden gruselt's an Halloween vor was Anderem. Mich gruselt's vor dem Ju-Ju-Kind. Nächstes Jahr biete ich ihm Bio-Karotten an.

Halloween-Smoothie

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