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Bayern-Reihe – Corona-Tagebuch

Bei Herrmanns dahoam: Wiesn abgesagt – ICH.KANN.ES.NICHT.FASSEN!

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" derzeit so zugeht. Dass in diesem Jahr kein Oktoberfest stattfindet, ist für sie nur ganz schwer auszuhalten.

Ein Bayer in Tracht liegt bäuchlings auf einer Wiese

Keine Wiesn! Das ist für Bayern kaum auszuhalten.

Getty Images

Wie, es gibt kein Oktoberfest!? Ich bin gleich ganz fassungslos. Kein Oktoberfest! Vielleicht ist ja dem Rest von Deutschland die Tragweite nicht ganz klar. Aber für uns Bayern ist das wie für die Ägypter, wenn man die Sphinx rausträgt. Für Amerikaner so, als ob man die Freiheitsstatue verhüllt. Wie wenn man den Schotten den Whisky verbietet. Oder den Kölnern das Kölsch.

Kein Oktoberfest! Das letzte Mal, dass die Wiesn ausgefallen ist, ist gut 70 Jahre her. Das war während des Zweiten Weltkrieges. Unglaublich, aber ist so. Ich verstehe ja die Entscheidung und finde sie auch gut. Es wäre ja in den jetzigen Zeiten völlig unmöglich, das durchzuführen. Da kann man ja gleich aufs Bierzelt schreiben: "1 Hoibe 11,30 Euro, ½ Hendl 12,20 Euro, Corona inklusive!" Ich weiß, das ist jetzt etwas derb – aber das ist einfach unser Humor.

Claudia Herrmann mit Katze

Claudia Herrmann über sich: "Die Kinder sind aus dem Haus und ich bin vor der Menopause. Ich glaub, das ist die beste Zeit meines Lebens! Ich muss nur aufpassen, das ich jetzt nicht zur crazy cat lady mutiere."

Uns blutet das Herz

Wie gesagt, ich finde es ja gut, dass es abgesagt ist. Ich möchte nur ganz gern dem Rest von Deutschland erklären, wie sehr unser Herz blutet! Volksfeste, ganz im Allgemeinen, sind für uns ein Kulturgut! Eine Religion! Heimat! Und eine Kindheitserinnerung. Als Kind hat man mit den Eltern zum Volksfest dürfen. Natürlich in Tracht. Als Bub hat man einen Hut aufgehabt und die original Lenggrieser Tracht einschließlich Strümpfen. Der Janker ist auch wichtig. Als Mädel wurde man ins Dirndl geschmissen, die Haare wurden kompliziert (und schmerzhaft) geflochten. Das Ganze kostet eine Stange Geld und jeder, der Kinder hat, weiß, dass man spätestens nach zwei Jahren alles neu kaufen kann, weil die lieben Kleinen rausgewachsen sind.

Da man Lederhosen und Dirndl nur zu ganz, ganz besonderen Anlässen tragen durfte, war man sehr, sehr stolz darauf. Zumal jede Ortschaft andere Lederhosen, Strümpfe, Janker, Farben, Schultertücher, Schürzen und Hüte hat. Als ich noch klein war, gab es sogar noch in München eine authentische Tracht! Heute gibt’s da nur noch den Schicki-Micki-Faschings-Schmarrn! Gott, so alt bin ich schon.

All diese schönen Dorf-Erinnerungen!

Volksfest, Bierzelt, Blasmusik und Feuerwehraufmarsch war als Kind super! Überall hat man mal am Bier nippen dürfen, Autoscooter gefahren sind wie mit jedem einzelnen der Gebirgsschützen und die Sanitäter haben uns vom Losestand des Bayrischen Roten Kreuzes immer heimlich Lose zugesteckt.

Dann, im Teenager Alter! Die GESAMTE Dorfjugend im Bierzelt. Und um 18.30 Uhr sind wir schon alle auf den Bänken gestanden und haben alle, wirklich alle, gesungen: "I Wiu wieder ham, dadantaramtam, fui mi da so alloan. Brauch koa große Woit, i wui hoam nach Fürstenfeld!" Und bei jedem Prosit der Gemütlichkeit stoßt das ganz Zelt an.

Wenn einer fremd ist, kommt man nach 30 Sekunden ins Gespräch und um halb zwölf, wenn die Zelte dichtmachen, steht man mit dem Fremden bei "Sierra Madre" Arm in Arm mit dem Feuerzeug (damals, heute ist es das Handy) in der Hand, auf der Bank und sagt bierselig Sachen wie: "Du bist echt a guader Freind!"

Dann, endlich, der Sprung nach München

Ich könnte da jetzt unendlich drüber schreiben, so viele positive Erinnerungen ruft das in mir hervor! Aber das Oktoberfest ist das Topping. Dann ist man endlich halbwegs erwachsen und dann kommt unter den ganzen 17-/18-Jährigen im Dorf der Gedanke: Fahr ma zam an'd Wiesn!" Und alle haben wir uns rausgeputzt. Mit 30 Mann sind wir zusammen reingefahren und die halbe Oberland-Bahn war nur mit uns voll. Staunend sind wir über die Wiesn gegangen und stolz warn wir auf unsere gscheide Tracht! Und gsoffen ham ma! Über die Italiener haben wir gelacht, die schon nach 2 Massn besoffen waren und a mortz Gaudi ham ma ghabt.

Und heute ist es immer noch so. Im mittleren Alter. Wir fahren auf'd Wiesn und gfrein uns. Und haben einen mortz Spaß. Wir freuen uns an unserer Tradition und die ist uns sehr, sehr wichtig. Und unsere Kinder machen's genauso. (Bloß halt nicht mit uns zusammen 😉) Der Spruch beim Anstechen: "Auf eine friedliche Wiesn!" ist für uns gelebtes Motto. Seit immer. Wir leben das.
Scheiße! Wiesn abgesagt.

Wir brauchen einen Ersatz!

Hey! Lasst uns die Wiesn zusammen feiern! Online! Wir trinken zusammen Bier und essen Brotzeit und Hendl! Am besten lasst ihr euch das vorab aus München liefern und unterstützt die armen Händler, denen wegen der Absage das Geschäft wegbricht. Wir singen zusammen: "Und dann die Hände zum Himmel, kommt lasst uns fröhlich sein". Und dann bring ich euch die authentischen Trinklieder in Bayern bei, während wir das nächste Bier auf der Couch stehend trinken! Und jeder bestellt sich vorher einen Maßkrug. Diejenigen, die "do it like a pro!" wollen, bestellen sich einen Steinkrug (da bleibt das Bier länger kühl!).

Ach, was soll's! Trinkt es meinetwegen aus am Teebecher. Wiesnchallenge! Wir in Bayern feiern trotz Corona! Hey! Ich will mei Dirndl anziehen!

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