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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Danke für eure Anteilnahme, aber wir Bayern kommen mit dem Schnee schon klar!

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Dieses Mal berichtet sie, wie es wirklich ist, wenn dort richtig viel Schnee fällt.

Die Frontseite des kleinen Dorfladens in Jachenau

Verhungern muss bei uns auch keiner! Der Dorfladen in Jachenau wird selbst bei gesperrter Staatsstraße mit frischen Lebensmitteln versorgt.

DPA

Ich komme ja aus Lenggries. Das ist im Voralpenland nahe der österreichischen Grenze. In unserem Landkreis wurde wegen des vielen Schnees vergangene Woche der Katastrophenalarm ausgelöst. Die Kinder hatten alle schulfrei und sogar der Söder war aufgrund der besorgniserregenden Lage hier in der Kreisstadt Bad Tölz! Waren wir alle stolz deswegen! Nur bei uns schneit's so schön, dass sogar der Söder kommt.

Ich hab dann einen Fernsehbericht im Ersten über unser Dorf gesehen! Aber hallo! Was ich dort gesehen habe, hat mich zuerst irritiert und anschließend schmunzeln lassen. Ähnliche Berichte kamen in allen anderen Sendern und auf allen Online-Plattformen. Ich dachte zuerst, da geht es um ein anderes Dorf, so dramatisch wurde das geschildert! Schneechaos in Lenggries, Brauneck geschlossen, Nachbardorf Jachenau von der Außenwelt abgeschnitten, höchste Lawinen-Warnstufe, Räumdienst am Ende der Kräfte, Schulen geschlossen, Gebäude durch Schneelast einsturzgefährdet, Bürger wissen nicht mehr weiter – Jahrhundertwinter. Uiuiuiuiui!

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

So dramatisch ist es nun wirklich nicht!

In echt ist das anders. Das fängt schon damit an, dass es jeden Winter recht viel schneit. Diesmal war es halt ein bisschen mehr. Mein Gott, was soll's. 2009 hatten wir viel mehr Schnee. Ob es 70 cm schneit oder 90 cm ist dann auch schon egal. Wir sind hier drauf eingestellt. Alle haben genug Schneeschaufeln, Fahrzeuge mit Allradantrieb und jeder zweite eine Schneefräse zum Räumen der Einfahrt. Wenn der Schnee so schwer wird, dass wir das Dach abräumen müssen, brauchen wir nicht die Bundeswehr. In der Straße werden alle Buben zwischen 16 und 26 zusammengetrommelt, die in einer gesammelten Aktion am Samstag fleißig alle Dächer in der Straße räumen. Fertig. Wenn einer keine Schneefräse hat, kann er die beim Nachbarn problemlos ausleihen. Dem älteren Ehepaar nebenan, die keine Kinder haben, wird ohne viel zu fragen einfach auch die Einfahrt, der Gehweg und das Dach geräumt. Ohne groß Tamtam.

Währenddessen hören wir immer wieder die Lawinensprengungen vom Berg, "BÄM", so lange, bis es einem gar nicht mehr auffällt. Unser Nachbartal, die Jachenau, war ca. fünf Tage eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten. Das hört sich ja furchtbar dramatisch an! In Wirklichkeit ist das anders. Ich hab mit meiner Freundin Miriam – das Mirli – in der Jachenau während der Zeit telefoniert. "Du hier ist's super! Die Straßen sind zwar am End gesperrt, aber hier sind die frei! Und kein Verkehr! Alle Kinder und Jugendlichen gehen zum Skifahren, weil der Liftbetreiber den kleinen Lift laufen lässt. Das ist im Wald. Also nicht lawinengefährdet. Die Kids freuen sich alle über schulfrei und fahren den ganzen Tag den Lift rauf und runter. Wir Erwachsenen machen alle Langlauf. Super Bedingungen! Und keine anderen Tagesgäste. Hier ist endlich mal nix los auf der Loipe! Für uns ist das wie Urlaub!" So ist die Realität. Gar nicht so dramatisch, oder??

Nur die Auswärtigen checken es nicht

Deswegen darf man beim Skifahren natürlich auf gar keinen Fall in einen lawinengefährdeten Hang fahren. Besonders nicht, wenn man sich nicht auskennt. Das machen hier am Brauneck ständig irgendwelche Möchtegern-Skifahrer aus ..., na ja, Auswärtige eben. Immer mal wieder wird einer durch Lawinen verschüttet! Das wäre vermeidbar! Ein Eingeborener macht so was nicht. Weil wir Respekt vor den Naturgewalten haben. Aber halt auch keine total übertriebene Angst. Eingeschneit!!! Uiuiuiui!

Letzte Woche hat es bei uns übers Wochenende 70 cm geschneit. Das heißt schaufeln, schaufeln, schaufeln ... Dann fährt immer der Winterdienst vorbei und schiebt einem Halb-Meter-große gefrorene Schneewürfel in die Einfahrt, die man dann irgendwie wieder weg bekommen muss. Die Hecke muss vom Schnee befreit werden, sonst knickt sie ein. Das Zweitfahrzeug ohne Allrad bleibt in der Garage. Der Parkplatz in der Arbeit wird jeden Tag aufs Neue freigeschaufelt.

Dafür kann man mit dem Schlitten durchs Dorf laufen, rauf auf die Reiseralm auf einen Glühwein, lustige Schlittenabfahrt wieder runter und mit dem Schlitten zurück – bis zu Haustür! Wo gibt’s das schon?!

Die Haustiere flippen auch aus

Wir haben ja drei Mietzen. Zwei Jungs und ein Mädel. Das Mädel sieht den Schnee und geht wieder rein. Die Jungs springen wie verrückt im Schnee herum. Finden sie super. Wenn der Schnee aber 70 cm hoch ist, versinken die total darin. Kater 1 springt rein und versinkt. Reckt das Köpfchen und sieht doch nix. Er hüpft also wie ein Flummi 80 cm in die Höhe, um einen Überblick zu bekommen. Kater 2 ist animiert und hüpft auch in den Schnee. Ebenfalls versunken. Fünf Minuten lang hüpfen die beiden wie Gummibälle im Schnee auf und ab bis sie körperlich fertig sind. Und nass. Wir haben Langhaarkatzen, Main Coons. Das dauert ewig, bis die wieder trocken sind.

Unsere Nachbarn haben Hasen. Zwei Stück. Einen braunen, einen weißen. Sie wollten die mal wieder an die frische Luft bringen und haben die zwei, im überdachten Teil der Terasse, kontrolliert ein bisschen laufen lassen. Der braune Hase hat den Schnee gemieden. Der weiße hat sich mit einem beherzten Sprung reingestürzt und ist seitdem verschollen. Sie haben ihn zwei Stunden gerufen und nach ihm gegraben. Aber bei 70 cm! Aussichtslos.

Macht euch keine Sorgen um uns!

Der Hase hat sich jetzt ein eigenes Tunnelsystem im Schnee des Gartens gegraben. Man sieht immer neue Höhleneingänge. Die Nachbarn legen nachts Futter raus, das in der Früh immer weg ist. Ich glaube der Hase ist happy und wird im Frühjahr, nachdem der Schnee weggetaut ist, wiedergefunden.

Mein Sohn war auch happy! Sogar die Berufsschule in Lindau hat für drei Tage dichtgemacht. Zwecks nicht gesichertem Busverkehr. Und mit dem Dach der Berufsschule hatten sie auch Bedenken. Da kam die Bundeswehr zum Freischaufeln.

Hier bei uns war das Dramatischste der entlaufene Hase. Wir hatten schon viele schlimme Winter. Nie ist was passiert. In Bad Tölz schon gar nicht. Die haben nur halb so viel Schnee wie wir. Die Menschen kommen hier seit hundert Jahren mit dem Schnee klar. Aber, mia is eh wurscht.

Gott sei Dank war der Söder da. Ich wüsste nicht, was wir sonst gemacht hätten! Danke, Markus!

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