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Besuchsverbot wegen Corona: Krankenschwester erfüllt Wünsche für "das Glitzern in den Augen, wenn die Patienten Danke sagen"

Sie versorgt ihre Familie, ihre Eltern, ihre Nachbarn und nun auch ihre Patienten, die durch das Besuchsverbot manchmal Dinge vermissen wie einen Keks oder eine Fanta. Wie schafft man das? "Das ist doch selbstverständlich", sagt Melanie Dommermuth.

Krankenschwester mit Patient im Rollstuhl

Tempo, Tempo, Tempo! Krankenschwester Melanie Dommermuth hat zurzeit einen prall gefüllten Tag. (Symbolbild)

Getty Images

Eigentlich hat Melanie Dommermuth schon in normalen Zeiten einen ausgefüllten Tag. Als Krankenschwester mit einer Vollzeitstelle, Ehefrau, Mutter von zwei Teenagern und Tochter, deren Eltern beide über 70 Jahre alt sind, hat sie alle Hände voll zu tun. Doch das Coronavirus hat dafür gesorgt, dass sich im Alltag der 38-Jährigen noch ein wenig mehr Arbeit auftürmt. Oder besser gesagt: Sie selbst hat sich noch ein paar zusätzliche Pflichten auferlegt. Freiwillig, weil sie es wichtig findet und gern tut.

Porträt

Melanie Dommermuth, 38, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Hockenheim. Sie arbeitet Vollzeit als Krankenschwester, 39 Stunden pro Woche. In ihrer Freizeit erfüllt sie ihren Patienten kleine Wünsche, versorgt ihre Eltern und ihre Familie. Zeit für sich hat sie derzeit nicht.

Wegen des Coronavirus dürfen die Patienten auf Dommermuths Neurologischer Station genauso wenig Besuch empfangen, wie alle anderen Menschen im Krankenhaus. Die Krankenschwester versorgt Schwerstpatienten, die zu 98 Prozent bettlägerig sind und wegen eines Tracheostomas, einer operativen Öffnung der Luftröhre, rund drei Monate lang im Krankenhaus behandelt werden. Anfangs können die Patienten nicht sprechen, das Besuchsverbot macht ihren Alltag noch eintöniger.

Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Cafeteria des Krankenhauses schließen musste. Neben der klassischen Kost gibt es für die Patienten also keine Möglichkeit, sich etwas zu kaufen, worauf sie Appetit haben. Die Getränkeauswahl zum Beispiel besteht aus Wasser, Tee und Kaffee, das war's. Wer einen Saft möchte, hat Pech. Oder er hat Melanie Dommermuth.

Alte Dalte mit Tracheostoma

Melanie Dommermuth betreut Patienten aller Altersklassen. Durch das Tracheostoma sind sie lange Zeit bettlägerig.

Getty Images

Frau Dommermuth, Sie haben Ihren Patienten Wünsche erfüllt. Welche waren das?
Bei einem meiner Rundgänge habe ich alle Patienten gefragt, worauf sie Lust haben, um ihnen eine kleine Freude zu bereiten. Also hatte ich einen recht großen Einkaufszettel und habe alle Dinge besorgt. Es waren Alltagswünsche. Zum Beispiel: "Ich hätte gern ein Päckchen Kekse" oder "Ich würde gerne einen Saft trinken". Oder eine Fanta. Eine Patientin trinkt unheimlich gern Fanta und ihr Sohn wohnt ganz weit weg. Durch das Besuchsverbot bekommt sie nichts mitgebracht und unsere Cafeteria ist auch geschlossen. Somit sind unsere Patienten auf uns angewiesen. Da kann man den Menschen eine ganz große Freude machen, indem man einfach sagt: Hey, ich gehe einkaufen, ich bringe dir was mit. Es gibt doch nichts Selbstverständlicheres, als in solchen Zeiten zu helfen, wo man kann.

Im Krankenhaus ist es den Patienten also nicht möglich, sich selbst einen Saft zu kaufen?
Nein. Manche Patienten dürfen auch noch keinen Saft trinken, das hängt davon ab, was die Logopäden sagen. Aber die, die dürfen, sind aufgeschmissen. Die meisten kommen mit einem Tracheostoma, darin befindet sich eine sogenannte Trachealkanüle. Unser Ziel ist es, sie davon wegzubekommen, sodass sie irgendwann wieder normal essen und trinken können. Und das dauert eine ganze Weile.

Werden die Patientenwünsche in normalen Zeiten von den Angehörigen erfüllt?
Ja, wenn die Besuchszeiten ganz normal stattfinden, wird das in der Regel von den Angehörigen übernommen.

Wenn Sie jetzt solche Wünsche erfüllen, ist das ja auch durchaus ein Kostenfaktor. Lassen Sie sich das Geld erstatten?
Nein. Ich finde es echt schwierig, in so einer Zeit ans Geld zu denken. Klar, es geht an meinen Geldbeutel. Aber das Lächeln und das Glitzern in den Augen, wenn die Patienten einem Danke sagen – da braucht man kein Geld dafür. Und es hält sich in Grenzen.

War das eine einmalige Aktion oder machen Sie das häufiger?
Je nachdem, wie die Bedürfnisse meiner Patienten sind. Ich habe gerade heute noch mal für zwei Patienten etwas besorgt. Es ist auch nicht so, dass immer alle irgendwas wollen. Das kommt nur vereinzelt, so ganz nebenbei bei den Gesprächen: "Ach, ich hatte schon lange keine Kekse mehr." Es sind Lappalien, meiner Ansicht nach. Meine Kinder sollen lernen, wie es ist, wenn andere auf Hilfe angewiesen sind und so kann ich für sie ein gutes Vorbild sein. Auch wenn ich abends vor lauter Müdigkeit auf der Couch einschlafe, weiß ich doch, ich konnte einen kleinen Teil dazu beitragen, die Welt etwas hilfsbereiter und netter zu gestalten.

Haben Ihre Kolleginnen und Kollegen einen ähnlichen Antrieb oder sind Sie eine Ausnahme?
Ich bin leider eher die Ausnahme.

Was für Sie selbstverständlich ist, ist es für andere nicht.
Nein, ist es auch nicht. Leider. Ich weiß nicht, ob ich so ein Gutmensch bin oder nicht. Aber wenn eine 85-jährige Frau vor mir weint und sagt, sie hat schon seit zwei Wochen keine Fanta mehr gehabt – ich weiß nicht, wessen Herz da kalt bleibt. Meins nicht.

Glauben Sie, dass Ihre Einstellung durch Ihr Elternhaus geprägt wurde?
Ja, auf jeden Fall. Meine Mutter und auch meine Oma haben immer gesagt: Auf die kleinen Dinge kommt es im Leben an, nicht auf die großen.

Sie haben zwei Kinder im Teenageralter, 13 und 14. Wie sehr belastet die die Corona-Krise?
Momentan ganz, ganz schwer. Es kommt hinzu, dass ich meinen Kindern momentan komplett verbiete, aus dem Haus zu gehen. Wenn, dann nur mal mit uns zusammen auf einen Spaziergang. Das liegt daran, dass ich nicht weiß, ob ich Corona habe. Wir werden ja im Krankenhaus nicht getestet. Ich habe gesagt: "Wenn, dann hab' ich euch schon angesteckt." Was mich sehr belastet. "Und ihr müsst das nicht noch weitertragen." Sie müssen deshalb zu Hause bleiben. Wir haben nur eine Vierzimmerwohnung, kein Haus, keinen Garten. Und da merkt man schon, wie schwierig das ist.

Und dann gibt es ja auch noch das Thema Homeschooling, belastet Sie das?
Ja, definitiv. Die Große ist auf dem Gymnasium in der achten Klasse und da, ganz ehrlich, habe ich schon alles von mir gestreckt und gesagt: Frag den Papa. Bei meinem Kleinen, der ist in der siebten Klasse auf einer Gemeinschaftsschule, Realschulzweig, da kann man schon noch helfen. Aber klar, man muss hinten dranbleiben. Gerade gestern kam wieder eine E-Mail vom Klassenlehrer meines Sohnes mit Arbeitsblättern, dass eine Fach hatte 38 Arbeitsblätter hat. Da kommt unser Drucker dann auch ganz schön ins Stocken. Und dann muss man halt hinten dran sein, dass das gemacht wird. Und klar, da gibt's Streitpotenzial.

Warum werden die Kinder mit so einem Arbeitspensum belastet?
Ich habe heute gerade mit dem Klassenlehrer ein Videochat gehabt, weil ich Elternbeiratsvorsitzende bin, und habe auch gefragt, ob das denn jetzt alles sein muss. Und dann sagte er: Na ja, die Kinder sitzen zu Hause. Sie sollen ja auch nicht "verblöden" oder die ganze Zeit vor der Playstation oder Netflix sitzen. Die sollen schon was tun. Einerseits kann ich das nachvollziehen, andererseits auch nicht.

Unterstützt Ihr Mann Sie und die Kinder?
Ja, definitiv. Mein Mann ist momentan im Homeoffice, dafür bin ich sehr dankbar. Das war auch eine Herausforderung, wir haben so drei, vier Tage gebraucht, bis sich alles eingespielt hatte. Aber da unterstützt er doch sehr.

Ihre Eltern sind beide über 70 und gehören damit zur Risikogruppe. Welche Dinge übernehmen Sie für die beiden?
Alles, also alles, was irgendwie möglich ist. Meine Mutter gehört sogar zu der recht großen Gefahrengruppe, sie hat COPD [dauerhaft atemwegsverengende Lungenerkrankung, Anm. d. Red.] im Endstadium. Sie ist also mit der Lunge vorgeschädigt, hängt am Dauersauerstoff und sie kann gar nichts machen. Da heißt es also Wäsche waschen, einkaufen gehen. Die Putzfrau hat jetzt abgesagt, wegen Corona kommt sie nicht mehr. Da versuche ich, so gut ich kann, alles zu übernehmen. Aber ich habe jetzt auch mal zu meiner Mutter gesagt: Na ja, es macht ja jetzt nix, wenn die Fenster mal zwei Tage nicht geputzt sind.

Ein italienischer Arzt spielt Klavier in der leeren Empfangshalle seines Krankenhauses.

Müssen Sie auch für sie kochen?
Nein. Meine Eltern nutzen momentan diesen Abhol- und Lieferservice von Essensdiensten sehr frequent, ganz gut, dass es das mittlerweile gibt.

Kocht zu Hause Ihr Mann?
Wir wechseln uns ab.

Sie versorgen nicht nur Ihre Patienten, Ihre Familie und Ihre Eltern, sondern auch noch Ihre Nachbarn.
Die älteren Leute in meinem Haus hängen mir Zettel an die Tür und da ich ja eh unterwegs bin, besorge ich das auch noch gleich mit.

Sie sind dadurch viel unterwegs. Tragen Sie jenseits von zu Hause eine Maske?
Nein.

Glauben Sie, dass das in Deutschland Pflicht werden könnte?
Wenn die Politiker zugehört haben und dem Pflegepersonal zugehört haben, dann hoffe ich, dass es nicht kommt.

Sie halten das für Unsinn?
Ja, genau. Ich halte auch Handschuhe für Unsinn. Da weiß ich von der Arbeit her genug, dass es, selbst wenn man diese Latexhandschuhe trägt, einfach nichts bringt.

Gibt es etwas, was Sie derzeit richtig nervt?
Ich hätte eigentlich gedacht, dass in der Gesellschaft, so wie sie jetzt gerade ist, mehr zusammengehalten wird. Und da bin ich, ganz ehrlich, enttäuscht von diesem puren Egoismus. Darüber bin ich noch nicht weg. Da verstehe ich die Welt manchmal nicht mehr.

Worin zeigt sich der Egoismus für Sie?
Beim Einkaufen, ganz klar. Ich war heute Morgen um acht einkaufen, weil man ja auch im Hinterkopf hat, sonst kriegst nichts mehr. Und dann war da noch eine Packung Tempos. Und dann stand ein älterer Mann neben mir und hat gesagt: Ach Gott, er kriegt nix mehr, er kriegt nix mehr. Und dann habe ich gesagt: Doch, vorne an der Kasse. Und die anderen Leute sind dann einfach an ihm vorbeigerannt und haben ihn überrannt. Und dann war das letzte Päckchen Tempos weg. Furchtbar. 
In Hockenheim hat die DM heute zugemacht, weil sie keine Ware mehr kriegen, weil alles ausverkauft ist. Da frage ich mich, warum? Wir leben wir jetzt schon länger mit Corona. Warum werden diese Hamsterkäufe immer noch gemacht? Das kann ich nicht nachvollziehen.

Wie viele Stunden am Tag sind Sie bei Ihrem ganzen Pensum auf den Beinen?
Zwischen 14 und 15.

Für mich klingt das eher nach 20 bis 22.
Ja, kommt auch hin. Viel Schlaf ist da nicht, wirklich.

Haben Sie denn noch Zeit, sich irgendwann etwas Gutes zu tun?
Nein. Ich stelle mich da auch in den Hintergrund. Momentan finde ich Egoismus ganz, ganz schlimm, das erlebe ich immer wieder, auch beim Einkaufen. Ich habe mir jetzt sogar schon ein T-Shirt bestellt, wo draufsteht: "Ich bin Krankenschwester, ich kann nicht zu Hause bleiben." Das wirkt manchmal.

Aber irgendwie müssen Sie Ihre Kräfte ja auch schonen und für sich sorgen. Verwöhnt Sie denn irgendjemand anders?
Nein, aber verwöhnen finde ich schon, wenn mein Mann kocht. Wenn er mir diese Arbeit abnimmt und sagt: Hey, ich hab' gekocht!

Aber sonst hätten Sie sechs Jobs und er einen.
Er hat zwei, er kümmert sich mit um die Kinder. So ist es ja nicht.

Frauen nehmen sich viel zu sehr zurück.
Ja, das stimmt allerdings. Ich hatte sogar an mich gedacht und hatte einen Friseurtermin – und jetzt haben die Friseure zu. Aber gut, das ist halt so. Nein, viel Zeit für mich bleibt da nicht. Das kommt bestimmt irgendwann wieder.

Wie sähe die Entspannung aus, die Sie sich jetzt gerne mal gönnen würden?
Mit Corona oder ohne Corona?

Jetzt, zu diesen Zeiten.
Also, ganz ehrlich, ich würde einfach gerne mal einen kompletten Sonntag nur im Bett verbringen. Aber das funktioniert nicht. Mit Netflix, was Lesen und Vor-mich-hin-Gammeln.

Wenn Sie weitere Beispiele von Solidarität in Zeiten der Coronavirus-Krise kennen, senden Sie uns gerne eine E-Mail mit einer kurzen Beschreibung des Projekts samt Ort und Ansprechpartner an coronahilfe@stern.de.

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